Sequential Prophet-5/10 Reissue – Rückkehr der Legenden?

Bereits in aller Munde und natürlich – ohne Zweifel – eine ziemlich coole Sache: Die Neu-Auflage des Sequential Prophet-5.

Noch cooler ist jedoch die Neu-Auflage des einmanualigen Prophet-10. Jenes Synthesizers mit (anno dazumal) doppeltem Voiceboard, der 1978 nur für kurze Zeit am Markt erschien, bevor unkontrollierbare Wärme-Entwicklungen und fatale Tuning-Probleme das Instrument als unbrauchbar klassifizierten und die Beschränkung des Produkt-Portfolios auf den klassischen Prophet-5 (mit „einem“ Voiceboard) erzwangen.

2020 ist jedenfalls endlich möglich, was 1978 an der technischen Umsetzung scheiterte: Ein Prophet im schlanken Gehäuse und mit sagenhaften 10 Stimmen. Moderne Analog-Bauweise sei Dank (muss man in diesem Fall wohl sagen).

Doch ob nun als 5- oder 10-stimmige Version: Der neue Synthesizer ist (auf dem Papier) deutlich mehr als nur ein neuer Prophet. Er ist die ganze Propheten-Serie von Revision 1 bis Revision 3 in „einem“ Gehäuse. Mit dem Schalter „Rev 1/2“ und „Rev 3“ wird zwischen SSM und CEM VCF gewechselt.

„The new Prophet-5 is Dave Smith’s timely return to the analog poly synth that changed the world. It’s “the best of all Prophet-5’s” as Dave puts it because it embodies all three revisions of the legendary synth — Rev1, Rev2, and Rev3 — through the use of genuine Curtis analog VCOs and filters (as in the Rev3) as well as new 2140 low-pass filters designed by Dave Rossum, like the 2040 filters he designed in the original Rev1 and Rev2. A Rev switch lets you choose between the two filter designs.“

(sequential.com)

Womit sich die Frage auftut, ob der neue Prophet-5 / Prophet-10 den „alten“ Prophet-5 nicht zur Gänze ersetzt, ihn sogar bei weitem überflügelt (wie Dave Smith meint)? Die Antwort ist wohl stark abhängig von der jeweiligen Perspektive …



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Wir wagen zu behaupten, dass ein Vintage Prophet-5 immer unerreicht bleiben wird. Schließlich ist es bisher überhaupt noch nie gelungen ist, einen originalen Synthesizer der 70er/80er-Jahre tatsächlich zu ersetzen. Ob SEM, Minimoog, Memorymoog, ARP 2600, ARP Odyssey, SH-101 und so manche Beispiele mehr: Die Repliken sind allesamt gut. Doch jedes Original ist um ein Stück besser – klanglich (!) betrachtet. Auf die sehr wohl vorhandenen Vorteile moderner Analog-Synthesizer kommen wir später zu sprechen.

Interessant jedenfalls, dass immer die VCOs und VCFs der Reissue-Produkte genannt werden. Was ist mit den Hüllkurven? (Eine der ganz großen Stärken des Prophet-5 Rev 1/Rev 2 sind die enorm langen SSM2050 Hüllkurvenzeiten.) Was ist mit den VCAs? Mit der Gesamtstruktur des originalen Voiceboards?



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All das findet – wohl nicht ganz zufällig – keine Erwähnung. Moderne Bauweise – SSM / CEM Chips hin oder her – ist eben moderne Bauweise. Man beachte den geöffneten Prophet-5 (im angefügten Video gut zu sehen) – das Instrument ist erstaunlich leer!

Angepasste Voiceboards, SMD Bauweise, ein zeitgemäßes Schaltnetzteil … all das ergibt ein anderes, moderneres Instrument. Zwar wird der Sound des neuen Prophet-5 / Prophet-10 in jedem Fall „sehr, sehr anständig“ sein, dem tatsächlichen Charakter des Vintage Prophet-5 wird er jedoch höchstens nahe kommen. Schon der zusätzliche „Vintage“ Regler am neuen Prophet-5 deutet darauf hin, dass es eben nicht so ganz Vintage zugeht wie erhofft.


Als Ausgleich zu den,  sagen wir einfach mal, „fehlenden 10% (oder 20%) hin zur Mächtigkeit, Lebendigkeit und Power des originalen Klanges“ bietet der neue Prophet-5 / Prophet-10 jedoch eine ganze Menge: anschlagdynamische Fatar-Tastatur (Velocity / Aftertouch) sowie MIDI, USB, die „beiden“ alternativ wählbaren Filter-Designs und noch weitere Extras.

Ein sehr anständiger Tausch, werden manche Musiker sagen. Eine echte Aufwertung, werden andere hinzufügen. Wir konzentrieren uns vor allem auf den Klang und sind in dieser Hinsicht mit dem Original anno 1978 (oder 1980 …) sehr zufrieden.

Was jedenfalls eindeutig für die modernen Instrumente spricht, ist ihr Preis. Bei 3.600 Euro (Prophet-5) und 4.400 Euro (Prophet-10) liegen beide Modelle deutlich unter dem aktuellen Gebrauchtmarkt-Preis eines originalen Prophet-5 Synthesizers.

Sequential Prophet-5 / Prophet-10

Analogsynthesizer mit 5 / 10 Stimmen,
MIDI, USB und Velocity / Aftertouch

Sequential Prophet-5
Preis: ca. 3.600 Euro

Sequential Prophet-10
Preis: ca. 4.400 Euro

Website Hersteller:
www.sequential.com

Link:
Sequential Prophet-5 – Meilenstein und Musiklegende
(Testbericht des originalen Prophet-5)

Video:

Kategorie 2020, Allgemein, Stories

“Es genügt, einen Ton schön zu spielen” sagte der Komponist Arvo Pärt im Jahre 2005. Diese Aussage ist ebenso einfach wie ich auch exzellent: Es braucht kein Meer an Tönen, denn entscheidend ist der Klang. Dass so mancher Vintage-Synthesizer der 70er und 80er Jahre teils unerreicht hochwertige Klänge liefert, steht außer Frage. Doch tatsächlich leben wir “heute” in einer nahezu perfekten Zeit. Einerseits hat man – mehr oder weniger – noch Zugriff auf die Vintage Analogen, andererseits wird auch bei Neugeräten die wichtige Komponente des hochwertigen Klanges wieder zunehmend berücksichtigt. Doepfer, Cwejman, Synthesizers.com, MacBeth, Moog, GRP, Studio Electronics, COTK, John Bowen und andere Hersteller bauen hervorragende Synthesizer, die den “Klassikern” in nichts nachstehen. All diesen (alten wie neuen) “großartigen” Instrumenten ist Great Synthesizers gewidmet. _________________________________________________________ In 2005 composer Arvo Pärt said: “Playing one tone really well is enough”. In other words, it is sufficient to play one tone 'beautifully'. I agree with that. All musical efforts are focused on the sound itself. Although I studied classical music (piano and drums), it’s the electronic sound that inspires me. Synthesizers are the epitome of new sounds and exciting tonal spheres. Today, many companies produce high-quality - excellent! - synthesizers: Doepfer, Cwejman, MacBeth, Moog, GRP, Synthesizers.com, COTK, Studio Electronics, John Bowen and others. It's their products I'm really interested in ... apart from Vintage Synthesizers, which I have been collecting for 20 years. Subsequent to our former websites Bluesynths and Blogasys, Peter Mahr and I have now created GreatSynthesizers. We hope you like it.

7 Kommentare

  1. Zu spät finde ich. Zu Unrecht wiederum verurteilt man Smith an anderer Stelle zu Clonieren. What???!!! Er hat das Ding erfunden, wer, wenn nicht er sollte ihn wieder auflegen?

    Auf Youtube habe ich kürzlich Jemanden gesehen, der mit Zitronen gehandelt hat: Er verkaufte seinen Pro3 weil er mutmaßte, dass Smith eine polyphone Variante auf den Markt wirft. DAS wäre auch aus meiner Sicht das wegweisende Zeichen gewesen. Den hätte ich – unabhängig vom Preis – sofort bestellt.

    Wie auch immer, der Prophet-5 gilt als einer organischsten Synths ever. Mich fix er aktuell nicht so an, dass ich die Kombi Sequential Pro3 und Novation Summit infrage stelle…..

  2. Theo Bloderer

    … in der (diversen) Online Demos klingt der Prophet-5 sehr anständig und „gut“. Modern und gut. Ohne fulminantes Gänsehaut-Feeling. Beim Vintage-Prophet-5 genügt meist „ein“ Ton und der Zuhörer muss, unweigerlich, aufkommende Emotionen verbergen. Der Klang berührt die Seele.

  3. Moogist

    Vielen Dank, lieber Theo! Du hast meine Bedenken bezüglich des Prophet 5 Rev4 treffend formuliert. Immerhin ist Dave Smith dem Uli Behringer zuvorgekommen und hat seine eigene Schöpfung geclont. Der darf das! In seinem Promo-Video lässt uns Dave ja auch einen Blick in das sehr aufgeräumte Innenleben des Rev4 blicken. Vergleicht man dieses Innenleben mit dem eines Rev2 oder 3, gibt es – auch für einen Nicht-Techniker wie mich – signifikante Unterschiede! Und neben der „Notwendigkeit“ eines „Vintage“-Knobs sollte einem auch der Gewichtsunterschied (14kg = Rev 4, 16kg = Rev 2/3) zwischen Neu und Alt zu denken geben…

    • Theo Bloderer

      … hallo Jan. Es ist ok, wenn du deine Meinung hast – und andere ihre Meinung. Wortlaute wie „Geschwätz“ führen dennoch nicht wirklich zu einem Ziel. Widerspruch und Argumente sind immer willkommen, es gibt ja so viele Standpunkte wie Musiker …

      Vielen Dank für den Youtube-Link. Ohne die Vintage-Ecke (der ich eher zugetan bin, somit fehlt es natürlich an Objektivität) verteidigen zu wollen: Der Video-Vergleich hinkt. Es werden durch die Bank eher „einfache“ Sounds präsentiert … Sägezahn, Lead mit Vibrato, Osc-Sync, Orgel, etc. Damit ist die Präsentation von vornherein auf die „sichere“ Seite hin ausgerichtet. Das nur als Gedanke.

      Was mich jedenfalls überrascht ist weniger der Prophet-5 Rev. 4, sondern der sehr „exakt“ getunte Rev 3.3. Ich habe drei Prophet-5 – Rev 1 / Rev 3.0 / Rev 3.3 – keiner davon klingt auch nur annähernd so – darf man es sagen? – brav und geradlinig. Wie auch immer: Betreffend der eher einfach gehaltenen Sounds und dem Medium Youtube (MP3) ist keine echte Beurteilung möglich, denn in diesem Punkt hast du auch völlig recht: Man muss das Instrument „in natura“ vor sich haben, dann kann man die Sache beurteilen.

      Davon abgesehen: Grundsätzlich ist das Erscheinen des Prophet-5 Rev. 4 absolut positiv. Preis/Leistungsverhältnis ist hervorragend. Und der Klang – ein erster, schneller Eindruck – sehr gut.

      Viele Grüße,
      Theo

  4. @Jan . Wenn Du Dich für youtube Vergleiche begeistern kannst, dann wirst Du auch mit dem Behringer D besser fahren, als einen Reissue oder gar originalen Mini zu kaufen. Das ist Deine Sache und Dein gutes Recht. Aber Leuten, die die Original besitzen bzw. vor sich stehen haben als „Schwätzer“ zu bezeichnen ist schon starker Tobak.

    Der sog. „P5 V4“ hat optisch viel, aber klanglich leider zu wenig mit dem Orignal zu tun.

  5. @tom Starker Tobak ist es, von Leuten die noch keinen Rev 4 vor sich hatten zu hören, dass der neue Rev 4 nichts mit dem Original zu tun hat, obwohl diejenigen, die einen Rev 3 und Rev 4 ausführlich vergleichen konnten , daraufhin teilweise sogar ihren Vintage-Prophet verkauft haben oder ihn zumindest als klanglich identisch (soweit das eben durch Serienstreuung und Kalibrationsunterschiede geht) bezeichnet haben. Ich kann deine letzte Aussage einfach nicht ernst nehmen, hast du dir das Video angehört?
    Noch schlimmer wenn dann technisches Unwissen als Begründung herangezogen wird.
    Oder geht es bei dem „Vintage-ist-besser“-Geschwätz vielleicht mehr um den Wiederverkaufswert der eigenen Geräte ;)?
    Den Reissue Mini habe ich übrigens und bin damit sehr zufrieden. Ich kaufe Instrumente nicht nur wegen des Klangs sondern auch wegen des Benutzerinterfaces. Und in dieser Hinsicht ist der Behringer nunmal kein Vergleich, ich käme aber nie auf die Idee zu sagen dass das auf den Sound zutrifft.

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