Yama-huh? Das spezielle Design der Yamaha CS-Serie (Teil 1)

Wenn es darum geht, Design und Features eines Synthesizers zu evaluieren, kommen zahlreiche Aspekte ins Spiel. Was ist die Zielgruppe des Geräts? Ist das Instrument für den Studio-Betrieb oder für die Bühne gedacht? Wo liegt der angepeilte Preis? Mit welchen weiteren Geräten / Instrumenten sollte der Synthesizer kommunizieren … und wie sieht es mit vergleichbaren Instrumenten der Konkurrenz aus?

Nun, manche Fragen lassen sich schnell beantworten. Ob Studio- oder Live-Betrieb, dieser Punkt ist in der Regel rasch geklärt, unabhängig davon, ob ein Synthesizer nun aus den 70er Jahren stammt oder im Jahr 2019 das Licht der Welt erblickt. Andere Aspekte rund um ein Instrument können jedoch im Laufe der Zeit zusehends unklar werden (oder in Vergessenheit geraten). Das trifft vor allem auf „ältere“ Synthesizer zu, vornehmlich jene vor 1980.

In Zeiten der Vintage Synthesizer gab es noch kein „Standard Rule Book“ für das Design von Instrumenten – das Zeitalter der Standardisierung war in weiter Ferne. Jeder Hersteller tat eben das, was er für angemessen und erfolgversprechend hielt. Daraus resultierte eine stattliche Anzahl „unterschiedlichster“ Synthesizer-Designs, eine Vielfalt im Instrumentenbau, wie sie heute kaum noch vorstellbar ist. Das Bewusstsein für die Zielsetzungen und Eigenheiten jener Instrumente, für die Überlegungen und Lösungsansätze der Synthesizer-Designer anno dazumal, ist heute jedoch nur noch im Ansatz (bzw. mit eingeschränktem Blickwinkel) vorhanden.

Und während man selbstredend davon ausgeht, dass allenfalls kleine, individuelle Synthesizer-Firmen oder -Projekte besonders ungewöhnliche Merkmale oder eigenwillige Design-Aspekte aufzuweisen haben, trifft dies in den 70er-Jahren durchaus auch auf das Instrumentarium der GLOBAL PLAYER in der Musikindustrie zu. Ich möchte mich in diesem Artikel den hervorragend klingenden, zugleich aber (wie es scheint) beinahe willkürlich designten Instrumenten der Yamaha CS-Serie widmen – ihren Eigenheiten und speziellen Charakterzügen.

Geschichtlichen Ablauf der CS-Serie

Die allerersten Yamaha-Synthesizer – SY-1 und SY-2 – möchte ich etwas außer Acht lassen, wenngleich sie schon wesentliche Merkmale der späteren CS-Serie innehaben. Vereinfacht gesagt sind es kleine, monophone Versionen von CS-50 bzw. CS-60. Das erste der 3 großen „Pakete“ der CS-Familie sind dann auch

CS-50 / CS-60 / CS-80 (Phase I)

Diese Modelle verfügen über eine noble LowPass / HighPass Filter-Kombination sowie über spezielle Performance-Features wie Ribbon Controller (außer CS-50) sowie Aftertouch. Während CS-50 (4-stimmig) und CS-60 (8-stimmig) monotimbral sind („ein“ Sound pro gespielter Taste), ist der ebenso 8-stimmige CS-80 duotimbral (es erklingen „zwei“ Sounds pro gedrückter Taste. Leider nicht in Stereo, Anm.).

Das gekünstelte Holz-Design dieser frühen polyphonen CS-Synthesizer wird bei

CS-5 / CS-10 / CS-15 / CS-30 / CS-30L (Phase II)

durch ein schwarzes Plastik / Metall Design ersetzt. CS-5 und CS-10 verfügen über einen VCO und ein MultiMode VCF (LowPass / BandPass / HighPass), während CS-15 / CS-30 sowie CS-30L zwei VCOs und zwei Multimode VCF aufweisen können (wobei die Oszillatoren in verschiedener Weise durch die Filter geroutet werden können).

Als einziges Instrument der Familie verfügt der CS-30 über einen 8-Step Sequencer. Yamaha kehrt dann mit

CS-20M / CS-40M / CS-70M (Phase III)

zum künstlichen Holz-Design zurück. Diesmal verfügen die Instrumente – hier kommt das M(emory) ins Spiel – über Programmspeicher. Während CS-20M monophon ist (2 VCOs / 1 VCF / 1 VCA), wartet der CS-40M mit echter Duophonie (4 VCOs / 2 VCFs /2 VCAs) auf. CS-70M schließlich verfügt über 6 Stimmen (12 VCOs / 6 VCFs / 6 VCAs) und kann Besonderheiten wie LAYER aufweisen (eine Reminiszenz an den CS-80).

Schließlich gibt es da noch den

CS-15D

Dieser 2-VCO-2-VCF-Synthesizer scheint auf die Schaltkreise der „schwarzen“ (monophonen) CS-Serie zurückzugreifen. Das Instrument verfügt über nicht veränderbare Presets und einen frei programmierbaren „User“ Channel (ähnlich den Ur-Gesteinen SY-1 / SY-2).

Design-Ansätze mit Yamaha-Logik

Gerade der letztgenannte CS-15D eignet sich hervorragend, um etwas in die eigenwilligen Design-Ideen einzutauchen, die Yamaha rund um die „Familie der 12 CS-Synthesizer“ umgesetzt hat.

Der CS-15D teilt sich mit seinem Namensvettern CS-15 eine duotimbrale (zwei-kanalige) Sound-Architektur. Und hier beginnt die (schwer nachvollziehbare) Yamaha-Logik. Während beide Synthesizer (CS-15D / CS-15) über doppelte CV-Eingänge (zur getrennten Ansteuerung „beider“ VCOs) verfügen, bietet nur der spätere CS-15D einen Stereo-Ausgang. Und das, obwohl das Instrument eindeutig für Otto Normalverbraucher geschaffen wurde – ganz im Gegensatz zum „tricky“ Studio-Synthesizer CS-15, dem hochwertigeren Gerät für Spezialisten. Somit kann man zwar beide Synthesizer duotimbral anspielen / ansteuern, aber nur der ein CS-15D erlaubt das separate Abgreifen beider Audio-Pfade. Wie kann ein Design-Team einen so hervorragend ausgestatteten Synthesizer wie den CS-15 und seinen „separaten“ Signalwegen (intern) mit nur „einem“ Audio-Ausgang (extern) versehen.

Genau umgekehrt gestaltet sich des Dilemma rund um CS-30 bzw. CS-30L. Während beide Synthesizer (wieder duotimbral) über „zwei“ Audio-Ausgänge verfügen – echtes Stereo ist nun erlaubt – wurden sie mit jeweils nur „einem“ CV/Gate Eingang ausgestattet. Denn genau darin würde ja der Reiz liegen – den Klang dieser monophonen Synthesizer auf zwei getrennten Signalpfaden (mit unterschiedlichen Filter-Sweeps rechts / links, etc.) „über“ den Standard-Mono-Sound hinaus zu heben. Wozu das aufwendige Design, wo jeder Kanal sogar seinen individuellen Audio-Ausgang bekommen hat, aber nur „ein“ CV/Gate für das ganze Instrument zur Verfügung steht. Yama-huh?

Noch ein witziger Aspekt rund um CS-30 / CS-30L: Das HPF kann von VCF1 in VCF2 geroutet werden, also: serielles Filter-Design, eine Reminiszenz an SY-1/ SY-2 sowie CS-50 / CS-60 / CS-80. Und ja, weil man gute Traditionen nicht gerne verändert, kann eben wirklich „nur“ das HighPass Filter weiter geroutet werden. Nicht etwa auch LowPass oder BandPass, wo denke man hin! Interessanterweise klingen CS-30 / CS-30L obgleich ihrer HPF-LPF Kombination dennoch nicht wie monophone Versionen von CS-50 / CS-60 (und erst recht nicht CS-80). Diese Privileg obliegt nur den Vorläufern SY-1 / SY-2.

Klangliche Differenzen innerhalb der CS-Serie

Ebenso eigenwillig wie manche Hardware-Unterschiede sind die klanglichen Differenzen innerhalb der CS-Serie. Zunächst muss man festhalten, dass ALLE CS-Synthesizer dasselbe Yamaha Custom-Chipset verwenden. So könnte man dem CS-40M sein Filter entnehmen und im CS-50 platzieren. Das gilt auch für den VCA-Chip, was nebenbei sehr angenehm ist, da gerade dieser Baustein eine etwas höhere Ausfallsrate aufzuweisen hat.

Nun, eingedenk der identischen Baustein würde man einen ebenso identischen SOUND aller Instrumente erwarten. Und ja, natürlich haben Yamaha CS-Synthesizer einen für sie ganz typischen, unverwechselbaren Klang. Natürlich klingen sie ähnlich. Ihre präzise gestimmten und harmonisch etwas dumpfen Oszillatoren sowie der charakteristische Sound des 12dB MultiMode Filters machen den typischen CS-Sound aus. Doch von den wichtigsten Chips abgesehen gibt es periphere Bauteile, die den Klang wesentlich mit bestimmen und die Yamaha im Laufe der CS-Geschichte adaptiert hat.

Die frühe polyphone Serie – CS-50 / CS-60 / CS-80 – verfügt über einen Klangcharakter, den ich als eine Mischung aus nasal und (seltsam, ja) gummiartig bezeichnen würde. Bei hoher Filter-Resonanz klingen die VCFs sehr FUNKIG, aggressiv und eindeutig nach Musik der 70er-Jahre. Die mittlere CS-Serie (CS-5 / CS-10 / CS-10 / CS-30 / CS-30L) verliert den aggressiven Touch und das gummiartige (Polyester?) geht verloren, diese Serie ist zurückhaltender im Charakter, höflicher, weniger aufdringlich.

Das ist keineswegs nun besser (oder schlechter), doch ist dieser Sound präziser und geradliniger … ein Phänomen, das Yamaha-Instrumente jener Zeit mit den Geräten anderen Hersteller gemeinsam haben – z.B. mit Roland-Synthesizern. Seltsamerweise dreht sich das Rad dann mit der letzten CS-Serie (CS-20M / CS-40M / CS-70M sowie CS-15D) wieder zurück. Diese Synthesizer sind im Klang neuerlich aggressiv, stärker bass-lastig, in die Richtung tendierend, die wir – global gesagt – als „Amerikanischen Sound“ bezeichnen würden.

Die Unterschiede der einzelnen CS-Gruppen zueinander sind natürlich keineswegs riesig, es nicht so als würde man einen Oberheim OB-X und einen Roland Jupiter-8 vergleichen. Doch die Differenzen sind da. Wurden sie von Yamaha bewusst so eingeplant? Waren manche Änderungen ein Versuch, mit der starken Dominanz des amerikanischen Klanges in den späten 70er / frühen 80er Jahren in Konkurrenz zu treten? Oder waren – ganz banal – unterschiedliche Ingenieure am Werk, die die peripheren Bausteine rund um VCO / VCF / VCA variierten, was zwangsläufig zu unterschiedlichen klanglichen Ergebnissen führte? Who knows


Teil 2 folgt in Kürze …


Text: Matt Vrazo
Fotos: Theo Bloderer, RL Music

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Seite benutzt Akismet um Spam zu reduzieren. Lies wie deine Daten verarbeitet werden.