Korg PS-3100
– ein polyphoner Tyrannosaurus

Wenngleich der Korg PS-3100 Synthesizer einem überdimensionalen MS-20 sehr ähnlich sieht, spielt er klanglich in einer völlig eigenen Liga. Das hat natürlich teils mit seiner praktisch unbegrenzten Mehrstimmigkeit zu tun, mehr noch aber mit den vielen Extras und Besonderheiten, die den Polyphonic Synthesizer 3100 zu einer der eigenständigsten Schöpfungen der elektronischen Musikgeschichte machen.

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Das Résumé gleich vorweg: Die Korg PS-Serie gehört – ebenso wie Yamahas polyphone CS-Synthesizer – zu den charaktervollsten und musikalischsten Instrumenten unter den mehrstimmigen Analogsynthesizern. Dieses Urteil ist natürlich eine subjektive Einschätzung, ein Ergebnis des persönlichen Geschmacks und der individuellen musikalischen Ausrichtung, zu der man tendiert.

Dennoch lässt sich im Vergleich feststellen, dass es viele “sehr gute” aber eben ungefähr gleichwertig ausgestattete Instrumente gibt, sowie einige wenige “andersartige” Synthesizer, die sich durch eine Anhäufung besonderer Merkmale unterscheiden, welche bei keinem anderen Instrument vorzufinden sind. Und zu einem solchen “raren” Instrument mit viel Charakter zählt der Korg PS-3100.

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Das Modell 3100 als Basis der PS-Familie

Korg konzeptionierte ein Gerät als Grundstein der PS-Serie: Den PS-3100. Selbiger ergibt in dreifacher Ausführung (mehr oder weniger, S/H ist beispielsweise nur einmal vorhanden) den wirklich beeindruckenden PS-3300. Ein Jahr nach Erscheinen dieser beiden Instrumente (1977) kam 1978 noch der PS-3200 hinzu, welcher vom Konzept her teils erheblich anders realisiert wurde als die älteren Brüder der Familie (Stichwort Programmspeicher) und daher eindeutig von der Linie “PS-3100 als Basis” abweicht. Dies ist insofern von großer Bedeutung, als einige der musikalisch so hervorragenden Features des “kleinen” PS-3100 beim PS-3200 nicht mehr zu finden sind.

Anzumerken sei noch, dass es wie immer solche und solche Meinungen bzw. solche und solche Einschätzungen zu ein und demselben Instrument gibt. Nicht wenige Musiker schätzen “ganz speziell” den Korg PS-3200. Sicher auch (aber nicht nur) wegen seiner Speicherbarkeit – ein Feature, das im Studio-Alltag natürlich durchaus angenehm ist. Zudem muss man fairerweise bekennen, dass die separate PS-3010 Tastatur des PS-3200 (bzw. PS-3300) ein wunderbares Performance-Tool ist, das vor allem durch den herrlichen Joystick eine sehr flexible Kontrolle verschiedener Steuerspannungen am Instrument erlaubt.

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Dennoch, meiner Erfahrung nach zeigt sich bei der Korg PS-Serie ein häufig zu beobachtendes Phänomen: Das kleinere Instrument ist für den Musiker oftmals – nach Kennenlernen und Abwägen aller Vor- und Nachteile – interessanter als das größere.

So ist ein Roland Juno-60 die deutlich günstigere (und musikalisch nicht unbedingt minderwertige) Alternative zum Jupiter-8. So ist ein Yamaha CS-60 die schlaue Lösung für Leute, die den Klangcharakter des CS-80 lieben, die aber mit der technischen Urgewalt des großen Boliden (und mit all seiner Nebenwirkungen) nicht konfrontiert werden möchten. Und so ist der Korg PS-3100 in einigen wesentlichen klanglichen Aspekten dem größeren und teureren PS-3200 ganz sicher überlegen …

Was macht den PS-3100 so besonders?

Nun ja, alles! Doch etwas präziser formuliert:

Die Polyphonie: Neben dem Polymoog sind die Korg PS-Instrumente die einzigen wirklich vollpolyphonen und umfassenden Analog-Synthesizer. Der PS-3100 ist 48-stimmig, was aus musikalischer Sicht gewaltige Vorteile hat. Akkorde werden bei steigender Mehrstimmigkeit nie “abgeschnitten”. Sololinien können selbst bei maximaler Release-Zeit immer zur Gänze ausklingen. Obwohl er nur einen VCO pro Stimme hat, kann der PS-3100 dank seiner nahezu unbegrenzten Vielstimmigkeit sehr breit, brachial und wirklich beeindruckend voll klingen.

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Die Resonatoren: Sie liefern einen stark phaser-ähnlichen Sound und tragen ganz wesentlich zum typischen “PS-Charakter” bei. Lebendigkeit und Charakterstärke pur, sozusagen. Beim PS-3200 wurden die Resonatoren übrigens weggelassen und durch einen Equalizer ausgetauscht. Leider, muss man sagen, da dies keinen auch nur ansatzweise gleichwertigen Ersatz darstellt. Doch können sich PS-3200-Besitzer behelfen, indem sie z.B. die Resonatoren von MAM als externe Effekteinheit hinzukaufen, womit man dem originalen Charakter eines PS-3100 schon wieder deutlich näher kommt.

Die Hüllkurven: Sie sind etwas eigenwillig und dennoch genial konzipiert! Attack, Decay und Sustain werden über Potis reguliert, Release ist hingegen nur grob zuschaltbar – Damped, Half Damped oder eben Release. Gerade die Release-Zeit ist aber vom Allerfeinsten! In ihrer DAMPED-Position ist sie so kurz und knackig, dass Soli immer sehr lebendig und – ja, es lässt sich nicht anders sagen – musikalisch klingen: Bestens, diese „frechen“, kurzen Release-Zeiten.

Der PS-3200 wurde an dieser Stelle übrigens “erweitert” und bietet den gewohnten Standard Attack, Decay, Sustain, Release – alles über Potis regelbar, wie wir es nur allzu gut kennen. Die schönen Release-Presets sind jedoch weg, was den PS-3200 wiederum um ein kleines Stückchen weniger interessant macht. Auch bei kürzester Release klingt er nicht ganz so “frech” und aggressiv wie der kleinere Bruder PS-3100.

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Weiter zur Attack. Sie bietet die längste Anstiegsphase, die ich kenne und klingt (oder sagen wir: entwickelt sich) im Zusammenspiel mit dem Schalter HOLD klanglich ganz beeindruckend. Eingestellt wird die super-lange Attack folgendermaßen: Zuerst Attack über “7” einstellen, dann den Hold-Schalter betätigen, dann Töne spielen – somit ist Hold aktiv. (Doch bitte Geduld haben … der Ton entwickelt sich erst, das kann schon ein wenig dauern). Um die Hold-Funktion wieder auszuschalten, muss der Attack-Regler unter den Wert von “3” eingestellt und dann der Hold-Switch abgeschaltet werden. Klingt kompliziert, ist aber nach einigen Probe-Durchläufen sogar schon wieder in sich “logisch” und in der Praxis gar kein Problem.

Eine genaue Messung der Attack-Zeit liegt nicht vor (in der Tat ist es schwierig, den “Endpunkt” der Anstiegszeit exakt zu hören), aber sie beträgt zumindest 2 Minuten! Wie dies in der Praxis funktioniert: Man stelle Attack auf (beispielsweise) “10”, drücke Akkordtöne von unten nach oben aufsteigend über die gesamte Tastatur (mangelnde Polyphonie ist ja kein Thema), setze sich gemütlich vor die Lautsprecher … und, nun ja … hört dann zunächst rein gar nichts!

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Aber das ist natürlich eine Finte, denn der PS-3100 produziert die Klänge schon. Sie sind eben nur noch nicht hörbar (der amerikanische Extrem-Künstler/-Musiker John Cage hätte mit diesem Instrument seine große Freude gehabt). Ein schneller Kaffee geht sich noch aus, wieder zurück vor dem Lautsprecher hört man noch immer nichts.

Doch dann, nach längerer Stille, ist das – inzwischen schon vor ewiger Zeit eingespielte – Harmonie-Gemisch langsam wahrnehmbar … sehr, sehr langsam, es kommt (tatsächlich) aus dem Nichts … definitiv gruselig. So, als würde der Master-Regler des Mischpults mit unendlicher Geduld (Millimeterarbeit) hinauf gezogen … und der Klang wächst, und wächst. Nun wird es beängstigend, massiv. Irgendwann hält man das Dröhnen nicht mehr aus und dreht die Lautstärke des PS-3100 zurück. Doch das Instrument wird zum Tyrannosaurus Rex, der Klang wächst weiter, man dreht nun das Filter zurück und reduziert nochmals die Lautstärke, um den geliebten Studio-Lautsprechern ein Überleben im Angesicht des wild gewordenen Polyphonic Synthesizer 3100 zu ermöglichen. Schweißgebadet stellt man fest: Der PS-3100 ist ein Erlebnis der Sonderklasse.

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Dann ein Moment der Reflexion. “Attack” klingt im Synthesizer-Jargon ja wenig spektakulär, eher beiläufig, es ist ein Wort, mehr nicht. Meist wird der deutlich wichtigere Teil des Begriffes – die ZEIT – sprachlich einfach weggelassen. Nun, in diesem Punkt wird man vom Korg PS-3100 nachhaltig und eindrucksvoll kuriert. Das Instrument definiert die Grenzen neu und macht klar, was Anstiegszeit – Attack TIME – in seinem vollen Umfang bedeuten kann …

Während viele Musiker möglichst kurze Attack-Zeiten als Maßstab für die Qualität eines Instruments sehen, eröffnen sich mit den extrem langen Anstiegszeiten eines Korg PS-3100 unerwartete und nicht weniger eindrucksvolle musikalische Welten. Beim PS-3200 wurde diese Spezialität übrigens wiederum geändert: Hier sind die Attack-Zeiten auf ein “übliches” Maß von max. 20 Sekunden den damit standardisierten “Gepflogenheiten” der Synthesizer-Welt angepasst.

Nebenbei: Attack und Release lassen sich bei allen Korg PS-Instrumenten via CV-Eingang extern spannungssteuern! Das ist natürlich besonders schön … so kann man mittels Bewegen des (entsprechend verkabelten) Modulationsrades die Attack-Zeit im Solo-Spiel ständig variieren bzw. exakt dem solistischen Spiel anpassen. Das ist nur ein weiteres Beispiel, wie flexibel die (polyphone) Hüllkurve des PS-3100 zum Einsatz kommen kann …

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Das Steckfeld: Es ist – wie wir es vom MS-20 her kennen – in einem einzigen Block realisiert. Da der PS-3100 insgesamt größer ist, wirkt aber sein Steckfeld deutlich übersichtlicher und aufgeräumter als beim (zuweilen etwas chaotischen) MS-20.

LFO 1 / LFO 2 / Sample & Hold: LFO 1 hat einen enormen Frequenzumfang und erlaubt neben seiner Standardfunktion im “Low”-Bereich auch sehr exotische Effekte im “High”-Bereich. Korg dürfte den LFO unter genau diesem Gesichtspunkt entworfen haben: Größtmögliche klangliche Flexibilität – vom feinen Vibrato hin zum experimentellen Ringmodulator-ähnlichen / Vocal-ähnlichen FX-Sound …

Wiederum wurde dies beim PS-3200 ein wenig geändert. Hier kommt LFO 1 nicht ganz so hoch hinauf wie beim PS-3100. Allerdings nur via Direktbedienung / Poti. Wenn man die Frequenz des LFOs von außen moduliert (via Joystick oder Bender, LFO 2, etc.), erreicht der PS-3200 eine sogar noch höhere Frequenz als der kleine Bruder. Beim PS-3100 hingegen “liquidiert” man bei externer Frequenzmodulation ab einem bestimmten Punkt – wenn er zu sehr in die Höhe getrieben wird – den LFO. Dann gibt er einfach den Geist auf, er stellt sich tot und wartet, bis man ihn wieder brav in “normalere” Gefilde (Frequenzbereiche unterhalb von 1 kHz) reguliert. Von außen gepatcht macht das LFO 1 des PS-3200 nichts aus, so gesehen ist hier der Low Frequency Oscillator teils sogar besser als beim kleineren Bruder …

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LFO 2 ist eine wichtige Beigabe, da er als Modulationsquelle für die Resonatoren dient (die natürlich auch via externer CV-Quelle alternativ oder zusätzlich moduliert werden können). Nebenbei kann LFO 2 auch zur Frequenzmodulation von LFO 1 genützt werden. Und schließlich noch: Sample & Hold nicht zu vergessen, mit der Möglichkeit der Synchronisation zu LFO 1.

Viele Extras

Es gäbe noch sehr viel zu diesen oder jenen musikalischen Besonderheiten des PS-3100 zu sagen. Zur Möglichkeit etwa, eigene Tonskalen zu erstellen (arabische Vierteltöne gefällig?). Oder zum Rauschgenerator, als Bestandteil des LFO (Rauschmodulation, sehr selten). Oder zur Spezialität, das Keyboard-Tracking betreffend VCF und VCA sowohl positiv als auch negativ (für Filter und Ausgangslautstärke separat regelbar!) einzustellen, stufenlos natürlich (dumpfer, lauter Bass und heller, jedoch leiser, Diskant, als Beispiel).

Die zusätzliche “General Envelope” (GEG) wurde nicht genannt, sie kann – abhängig von der Anzahl der gleichzeitig gespielten Töne – erklingen, was bei gezielter Spielweise enorme klangliche Möglichkeiten bietet (z.B. Auto-Glide bzw. eben Env-Glide der Tonhöhe immer nur dann, wenn 3 Tasten gedrückt sind). Pulsweitenmodulation beim VCO wäre noch zu erwähnen, oder das massive Aluminium-Wheel, das speziell im Zusammenhang mit den vorhandenen 4-fach Multiple-Buchsen (> maximal 3 routbare Modulationsziele auf einmal) ein Genuss zu bedienen ist … doch lassen wir nun alles Technische beiseite und widmen uns endlich konkreten musikalischen Erfahrungen.

Der Klang

ist letztlich das stärkste (und wohl einzige) Argument, wenn es um Musik geht. Kaum ein Synthesizer hat so enorm viel Leben, eigenständigen Klangcharakter und ein solch breites musikalisches Spektrum in sich vereint wie der Korg PS-3100. Feinste FX-Sounds, überzeugende Bässe (die nie Moog-Bässe sein werden, dennoch sehr schön trocken und mit der schnellen Hüllkurve auch richtig bissig sind), breite Pad-Klänge (der Resonator macht hier den Sound noch deutlich lebendiger), subtile Solo-Klänge etc.

Wer neue Sounds sucht, gerne experimentiert und musikalische Features wie extreme Hüllkurven-Werte und Voll-Polyphonie künstlerisch zu verwerten weiß, der wird sich an diesem Instrument umgehend wohl fühlen.

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Zugegeben, der PS-3100 kann auch dünn klingen. Mikrig sogar, doch (!) – und das ist entscheidend – “nie” ohne seinen besonderen Klangcharakter zu verlieren. Wer mehr Fülle im Klang benötigt, der hat den eingebauten Chorus zu Verfügung (noch besser: ein externer Stereo-Chorus), doch viel eleganter ist es natürlich, den PS-3100 durch gezielten Einsatz seiner beiden LFOs, der PWM, der Resonatoren und anderer Feinheiten die nötige klangliche Stärke und Ausdruckskraft zu verleihen.

UND: Das Instrument bietet 2 (eigentlich sogar 3) parallel Audio-Ausgänge. Den Main-Ausgang, den DIR(ect) Ausgang sowie PHONES. Main-Ausgang direkt auf das Mischpult legen, parallel dazu DIR(ect) abgreifen und über einen schönen Stereo-Chorus verfeinern … nun, schon hat man den PS-3100 im Stereo-Betrieb und bei (mächtiger) Klangfülle.

Nachteile des PS-3100?

Es gibt rund um den PS-3100 zumindest fünf Nachteile zu nennen. Zwei klangliche, zwei technische und einen optischen.

Erstens der nur eine VCO pro Stimme. Ich finde ihn zwar in 95% aller musikalischen Notwendigkeiten ausreichend, zudem es ja auch PWM für “dichtere” Sounds (Pseudo-Schwebungen) gibt, doch ab und zu wären richtige Schwebungen (und Intervalle) zwischen 2 VCOs eben doch das gewisse “Extra”…

Zweitens die Filter-Resonanz. Sie ist etwas harmlos, wenn man so will. Selbst bei maximalem Wert bringt sie das Filter nicht annähernd in Eigenresonanz. Ganz anders als beim einstimmigen Bruder MS-20, dessen “Screaming Resonance” ja Legende ist, wie wir alle wissen.

Drittens die mangelnde Kontrollmöglichkeit des PS-3100 im Studio-Setup. Natürlich wäre es einzigartig, den Bonus der analogen Voll-Polyphonie über CV/Gate zu kontrollieren, was aber selbstredend technisch kaum umsetzbar (und daher auch nicht vorgesehen) ist.

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Dennoch gibt es eine äußert elegante Lösung: Ein MIDI-Kit von Kenton Electronics. Nicht wirklich günstig (inkl. Einbau durch einen Techniker mag man hierfür bis zu 700 Euro rechnen), doch ist dieses MIDI-Kit jeden Cent wert. Mehr noch, die Koppelung zweier MIDIfizierter PS-3100 würde die Realisierung eines “echten” PS-3200 erlauben (mit Resonatoren und allen, später verloren gegangenen, Hüllkurven-Feinheiten) bzw. eines leicht reduzierten PS-3300, steuerbar über MIDI (Masterkeyboard / Sequenzer / PC) und mit schönen Extras wie Velocity-Kontrolle und Aftertouch-Kontrolle.

Diese Controller-Werte lassen sich direkt am Kenton Kit über 7 Miniklinken-Buchsen abgreifen (leider Miniklinke, aber ok) und beliebig auf das Patchfeld routen. (Leider muss man dabei “um das Instrument” herum, da besagtes Kenton-Kit in der Regel an der Rückseite des PS-3100 verbaut ist). Dennoch einzigartig, denn so kann man beispielsweise mittels Velocity das Filter, die Resonatoren, die Attack- oder Release-Zeit oder die Geschwindigkeit von LFO 1 modulieren.

Viertens ein weiterer – möglicher – Nachteil. Er betrifft alle (vintage) polyphonen Analogsynthesizer und macht sich auch bei der Korg PS-Serie bemerkbar: Technische (Un)Zuverlässigkeit – bis zu einem gewissen Grad. Wobei, einerseits: Der Korg PS-3100 ist im Wesentlichen sehr, sehr zuverlässig. Andererseits: Das Innenleben des “kleinen” PS-3100 ist beängstigend vollgefüllt mit Platinen (in Summe 9 massive, gut bestückte Voiceboards, Modulations- und Kontrollkarten), diversen zusätzlichen Bauteilen und Hunderten von Kabeln. Nicht ganz so extrem wie bei einem Yamaha CS-80 etwa, aber ähnlich aufwendig.

Einem Service-Check ist dringend anzuraten, da speziell die Kondensatoren nach vielen Jahren in Gebrauch Gefahr laufen, auszurinnen. Und das hat ähnliche Folgen wie bei einer leck gewordenen Batterie. Da die Steckkarten senkrecht im Instrument angebracht sind, läuft die Säure dann auch gerne quer über die Boards, für maximalen Schaden sozusagen. Das Fiasko wird zumeist erst im fortgeschrittenen Stadium bemerkt, daher sollte der regelmäßige Service-Check (alle 5 Jahre beispielsweise) auf der TO-DO-Liste jedes PS-Besitzers stehen.

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Weiters sei auf die Oktav-Teiler (Octave Divider) hingewiesen: Sie machen die Voll-Polyphonie (von den Master-Oszillatoren ausgehend) ja erst möglich und dürften zu den wichtigsten Ersatzteilen jedes Korg PS-Besitzers zählen. Obwohl hier in keinem meiner zwei PS-3100 bisher ein Problem auftrat (über mehrere Jahrzehnte hinweg), waren bereits 20 (!) der 24 Divider meines – inzwischen wieder verkauften – PS-3200 ausgewechselt worden. Nicht, dass besagte Octave Divider – kleine Chips – teuer wären (20 Euro das Stück?), aber: Man sei eben gewarnt.

Fünftens ein äußeres Merkmal, ganz speziell eines des PS-3100. Im Gegensatz zu den größeren Brüdern PS-3200 bzw. PS-3300 wurde das Holzgehäuse des PS-3100 nicht aus Vollholz hergestellt, sondern aus Schichtholz, das mit einer Furnier überzogen ist. Im Laufe der Jahre (und Jahrzehnte) blättert diese Furnier teils erheblich ab, wie man es z.B. auch von den Seitenteilen des Roland Juno-60 (oder Jupiter-4) her kennt. Und da der PS-3100 extrem unhandlich zu tragen ist (seine Tiefe ist so mächtig, dass man – den PS-3100 mühsam vor dem Bauch her schubsend – kaum durch einen Türrahmen kommt, “ohne” eine seiner Ecken anzustoßen), sind viele PS-3100-Exemplare heute nur noch in einem angeschlagenen und somit optisch mittelmäßigen Zustand erhalten.

Hinweis für Liebhaber: Die Furnier kann ersetzt oder ausgebessert werden. Und wer es ganz edel haben möchte, lässt sich das Gehäuse seines PS-3100 von einem Tischler neu bauen – aus Vollholz, natürlich. Alles ist möglich …

Der aktuelle Wert des Instruments?

Anno 1978 kostete der PS-3100 ca. 6500 DM. Eine Menge Geld in jener Zeit, noch dazu für einen Synthesizer mit “einem” VCO pro Stimme und ohne Programmspeicher!

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Nicht verwunderlich, dass sich das Interesse in Musiker-Kreisen eher in Grenzen hielt und die Anzahl der hergestellten Instrumente gering war: (nur) ca. 600 Korg PS-3100 erblickten das Licht der Welt.

Ab Mitte der 90er Jahre hat sich jedoch das allgemeine Interesse an der Korg PS-Serie (bzw. an so gut wie allen analogen Synthesizern) eindeutig gesteigert. Und damit auch deren Preisentwicklung. Wenngleich im Oktober 2003 auf ebay.de ein PS-3100 für bescheidene 400 Euro den Besitzer wechselte (Glückwunsch dem Sofortkäufer), stellte dies eine klare Ausnahme dar. Zwischen 1500 und 2000 Euro waren Mitte der 00er-Jahre bereits zu kalkulieren. So wurde im Februar 2004 in Italien ein PS-3100 für 1600 Euro angeboten, im September 2005 in Frankreich ein PS-3100 mit Kenton-Midi (!) für 1800 Euro.

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Inzwischen sind die Preise der Korg PS-Serie jedoch weiter geklettert und für so manchen Interessierten sicher ins ferne Weltall gerückt. Im Jahre 2014 musste man mit 4000 bis 5000 Euro für einen PS-3100 rechnen, alles darunter wäre in der Tat (aus heutiger Sicht) schon fast günstig gewesen! Und nun – Update 2017 – sind wir im Bereich zwischen 5000 und 8000 Euro angekommen. Ein gut erhaltenes und technisch überholtes Instrument mit Kenton-MIDI dürfte (aktuell 2017) ohne weiteres bis zu 9000 Euro Marktwert erreichen. Erschreckend, aber so ist es.

Wobei solche „Werte“ natürlich relativ sind, man kann über derartige Preisentwicklungen nun den Kopf schütteln oder nicht. Während sich für viele Musiker das Thema der Voll-Polyphonie ganz einfach über Software gut und günstig “erledigen” lässt (wozu einen PS-3100 kaufen?), bleiben für Puristen und Kenner die musikalischen Besonderheiten und typischen Merkmale des Instruments – unabhängig von seinem aktuellen Gebrauchtwert – immer Unikate, damit also besagte Instrumente wie ein PS-3100 unersetzlich und ohne einen exakten preislichen Rahmen.

Fazit

Nun, vom Standpunkt der Einzigartigkeit aus betrachtet wird es nie eine echte Alternative für die Korg PS-Serie geben, jedenfalls nicht ohne den Einsatz der entsprechenden Hardware. Und es gilt als sehr unwahrscheinlich, dass ein Hersteller jemals wieder ein so wunderbar aufwendiges und intuitiv-musikalisches Instrument wie den PS-3100 (oder PS-3200 oder PS-3300) produzieren wird. Einen diskret aufgebauten 48-stimmigen Analogsynthesizer mit mächtigem Resonanzfilter, umfassender Patchbay und mit viel (sehr viel) musikalischem Charme.

 

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Noch ein Wort zu den Soundbeispielen. Da der Korg PS-3100 einen so starken Klangcharakter hat, bietet sich dieser Synthesizer – idealerweise, wenn er MIDIfiziert wurde (aber ohne MIDI natürlich ebenso) – perfekt im Mix mit anderen Instrumenten an. Dann kann ein Yamaha CS-60 seine Stärken gleichermaßen einbringen wie ein PPG Wave 2.2 wie ein Elka Synthex wie ein Korg polyphonic synthesizer und wie viele andere Instrumente. So ist es zu erklären, dass zumindest die Hälfte der Klangbeispiele MIX-Soundfiles sind, in denen der PS-3100 “seinen” (meist unverkennbaren) Teil zum gesamten Klangbild beiträgt. Genauere Infos zu den einzelnen Soundbeispielen finden sich im Listening Room.

4 Gedanken zu “Korg PS-3100
– ein polyphoner Tyrannosaurus

  1. den hatte ich 1979 von einem Freund geliehen und damit einige Basics für mein Album “Synthesist” aufgenommen. Inzwischen weltweit ein Kultalbum der elektronischen Musik.

    Sehr schöner Kommentar und Klangbeispiele !

    Harald Grosskopf

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