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Baloran THE RIVER – die klangliche Naturgewalt

Der Baloran THE RIVER – jener französische Synthétiseur Multitimbral Analogique Polyphonique – mag durch seinen Namen täuschen. „Der Fluss“, das klingt recht gemächlich und gemütlich, nach heiterer Bootsfahrt mit Sonnenschirm und nach romantischem Spaziergang am Ufer. Doch THE RIVER ist ein mächtiger Strom, eine wahre Naturgewalt in klanglicher (wie in technischer) Hinsicht …

Dieses Mammut unter den modernen polyphonen Analog-Synthesizern wurde seit dem Frühjahr 2018 in mehreren Klein-Serien gebaut. Das hier gezeigte Modell hat Ser. Nr. 21, das letzte Exemplar der ersten 20er-Serie, in der – warum auch immer „eine“ Seriennummer nicht existiert). Die Tatsache, dass 2019 und 2020 weitere Auflagen von THE RIVER folgten und hoffentlich noch weitere Serien geplant sind, dürfte Ansporn genug sein, ein Auge / ein Ohr auf das französische Mammut zu werfen und nähere Details über den 8-stimmigen Boliden zu erfahren.

Zudem hat inzwischen der Moog ONE offiziell das Licht der Welt erblickt. Als pikantes Detail sei erwähnt, dass auch THE RIVER moogische Wurzeln hat – der originale THE SOURCE diente als Vorlage (und Inspirationsquelle) für THE RIVER. Doch sowohl bei Moog als auch bei Baloran stellt sich die Frage: „Wie >analog< ist der moderne analoge Sound? Wie gut ist gut?“

THE RIVER – Amalgam paralleler Entwicklungen

Ein Synthesizer dieses Kalibers plumpst nicht einfach so auf den Tisch. Locker aus dem Ärmel geschüttelt und eben-nebenbei geht hier gar nichts. Ganz im Gegenteil: THE RIVER ist eine Zusammenführung mehrerer Entwicklungen, die BALORAN über Jahre hinweg Schritt für Schritt umgesetzt hat. Er ist ein Amalgam aus zumindest 3 unabhängigen Produkten …

1. Die klangliche Basis: Moog THE SOURCE

Laurent Lecatelier – Gründer von BALORAN und Entwickler von THE RIVER – hat sein Herz schon vor vielen Jahren an den Moog THE SOURCE verloren. Dieser monophone Synthesizer aus dem Jahre 1981 klang in seinen Ohren betörend gut (und tut es noch immer). Nicht unbedingt klassisch moogisch, eher „eigen“ und speziell, aber zugleich besonders interessant und charaktervoll. Der Entschluss, einen polyphonen Analogen auf genau diese Klang-Architektur zu bauen, lag für Laurent Lecatelier folglich auf der Hand. 8 (nachgebaute) Moog THE SOURCE Soundkarten bilden – mit diversen Extras – die klangliche Basis von THE RIVER.

2. Das Effektwunder namens THE TRIKO

Stimmt, es gibt viele neue Namen hier. THE TRIKO, was ist das nun wieder? Es ist ein 19-Zoll Effektgerät von BALORAN. Ein erstklassiger Klang-Veredler, der einem Musikinstrument näher kommt denn einem bloßen Effektgerät. Speziell hervorgehoben sei der dreifache (analoge) Chorus und die (digitale) Simulation des Roland RE-201 Tape-Echos. Die Klang-Veredelung kann subtil (breit, warm) bis aggressiv sein (massive Rückkoppelung bis hin zur Eigenresonanz). Die klanglichen Ergebnisse sind hervorragend und – auf Wunsch – betörend experimentell. Das edle Effektgerät, THE TRIKO, ist zur Gänze in THE RIVER verbaut.

3. Die Steuerzentrale namens RIVER KEY

Neben der soliden Klangbasis und den guten Effekten wurde THE RIVER noch eine massive Steuerzentrale spendiert, RIVER KEY (RiverKey geschrieben). Das „Gehirn“ sozusagen, das die Verteilung der Stimmen, die Zuordnung der Sounds, das Layern / Splitten, das Abspielen (und Aufnehmen) von Sequenzen und Arpeggios, die Steuerung der 8 Soundkarten via Keyboard, MIDI oder USB übernimmt. Jene Steuer-Zentrale, die THE RIVER auch zu einem 8-stimmigen CV-GATE Sequenzer macht, der nicht nur „intern“ funktioniert, sondern auch die Ansteuerung anderer (monophoner) Analogsynthesizer im Studio erlaubt.

Als Keyboard für THE RIVER dient übrigens die ausgezeichnete FATAR TP/8S Tastatur.

Die Hardware

Als Erst-Synthesizer eines Ein-Mann-Unternehmens würde man sich hier möglicherweise einen Quasi-Prototypen erwarten, ein Hobby-Projekt, das es eben zufällig zur Kleinst-Serie geschafft hat. Doch weit gefehlt: THE RIVER ist so hochwertig und professionell verarbeitet, wie man sich die Produkte mancher Global Player heute nur wünschen könnte.

Massives Chassis, Vollholz-Seitenteile, exzellente Tastatur, solide Potis und Schalter, luxuriöse Anschlüsse (die dankenswerter Weise „nicht“ im Verborgenen liegen und die zudem beidseitig beschriftet sind). Alles vom Feinsten. Sämtliche Bezeichnungen sind klar und gut leserlich, die Übersicht ist grundsätzlich exzellent. Dass THE RIVER dennoch unter einem gewissen „Überangebot an Funktionen“ leidet, nun, darauf kommen wir später zu sprechen.

Bei einem Gewicht von ca. 30 kg und den Außenmaßen von 104 x 50 x 20 cm (B / T / H) ist THE RIVER ein Bolide ersten Ranges. Vor allem das Gewicht sowie die massive Höhe sind beeindruckend.

Das flache Topp eignet sich übrigens gut zur (vorsichtigen) Ablage von kleineren Instrumenten, Drumcomputern, Notebooks oder ähnlichem Gerät. Mit Vorsicht insofern, als Laurent Lecatelier das Instrument mit einem hochwertigen Klavierlack überziehen ließ. An der Oberseite und rund um die Tastatur glänzt THE RIVER in edelster Manier. Das Panel selbst ist hingegen mit einer rauen, staubabweisenden Folie bedeckt.

Die Anschlüsse

Manches Instrument, das vordergründig beeindruckend aussieht, glänzt auf der Rückseite durch gähnende Leere. Nicht so THE RIVER. Er bietet folgende Anschlüsse:


Abb.: Audio-In und 8 Einzel-Ausgänge.


Abb.: Doppeltes Stereo-Out.


Abb.: Pedal 1 /2, MIDI-Trio, CV-IN, 3 x USB sowie CV/Gate-Out des Sequencers.

Der Synthesizer

Zugegeben, der Focus dieses Testberichts liegt auf der Klangerzeugung. Wir  konzentrieren uns vor allem auf den SOUND, auf die Frage, wie THE RIVER nun klingt – für „sich“ betrachtet und auch im Vergleich zu anderen Instrumenten.

Die Konzentration auf den Synthesizer-Teil hat dreierlei Gründe. Erstens ist der Klang – ohne Zweifel – die Basis eines jeden Musikinstruments und daher von elitärer Bedeutung. Zweitens gestaltet sich THE RIVER in seiner Gesamtheit so umfassend und komplex, dass die verbleibenden Bereiche „Effekteinheit“ und „Steuerzentrale“ allenfalls im Überblick abgehandelt werden (hier sind wir – das ist wohl der Punkt – bis zu einem gewissen Maß auch „gescheitert“ in der Erforschung aller Details. „Ein“ Grund dafür: Es existiert – noch – kein Handbuch zu THE RIVER). Drittens aber verschachteln sich die einzelnen Bereiche ohnehin fortlaufend. Keine Klangerzeugung ohne die wichtigen Effekte und ohne individuelle Organisation der einzelnen Stimmen. Zwangsläufig verzahnen sich die Themengebiete und bilden als Ganzes das Instrument.

Wer (fast) alle technischen Details erfahren möchte, sei auf den ausführlichen THE RIVER Testbericht (Audiofanzine) von synthwalker verwiesen.

Zunächst das Sound-Potenzial: 160 Single-Sounds, 40 FX-Sounds (wieder Single-Sound-Memories, speziell zur Ablage von Effekt-Klängen gedacht), 40 Multi-Sounds und 10 Layer-Arrangements (Profile) können gespeichert werden.

Nun zum Klang-Potenzial. Auf Basis seines Vorbilds THE SOURCE bietet THE RIVER 8 voll analoge Stimmen. Jede Stimme verfügt über …

8 (!) analoge LFOs

Das unscheinbare – und zugleich sensationelle – ist der LFO, nein, sind die LFOs. Denn korrekterweise heißt es „Jede Stimme verfügt … über einen LFO“.

Ein Konglomerat an – in Summe – 8 eigenständigen LFOs: Dieses Detail ist ein Unikat, ein Aspekt, den man bei Analogsynthesizern – landauf, landab und in allen Epochen – vergebens sucht.

Im Klartext: THE RIVER verfügt über 8 unabhängige, analoge LFOs. Pro Stimme einen: Zur individuellen Tonhöhenmodulation, zur völlig frei laufenden Filtermodulation oder – besonders effektiv – zur unabhängigen PWM pro gedrückter Taste (alias pro Stimme). Das macht den Sound sehr dicht, unerhört lebendig, äußerst natürlich. Und genau dieser Punkt ist eine der markanten Ursachen für den „wuchtigen“ Sound von THE RIVER.

D LFO (Digitaler LFO)

Um – trotz der 8 analogen LFOs – dennoch so simple Dinge wie „Vibrato für alle Stimmen“ schnell erzielen zu können, wurde THE RIVER noch ein zusätzlicher globaler LFO spendiert. Ein D LFO (Digitaler LFO).

Dieser D LFO ist jedoch (weit) mehr als ein einfacher Schwingungsformer (womit sich das Beispiel des globalen Vibrato an dieser Stelle als eher schlecht gewählt herausstellt). Es ist ein komplexer LFO und zugleich ein Modulations-Hüllkurvengenerator.

Abb.: Das linke Display ist vor allem für den Multi (Layer) Modus von Bedeutung.

Abb.: Das rechte Display zeigt die Single-Sound Informationen; Daneben der D LFO.

Abb.: 2 VCOs, Analoger LFO, VCF und 2 Hüllkurven pro Stimme …

D LFO verfügt über die Schwingungsformen / Modulationsquellen:

Diese Liste ist per se schon recht anständig. Damit lassen sich performance-orientierte Aspekte wie Mod-Wheel-to-VCF-Control umsetzen: Die Steuerung der Filter-Frequenz via Modulationsrad. Oder das nuancierte Hinzufügen einer Sample & Hold-Modulation per Wheel.

Per D LFO steuerbar sind:

Nun kommen jedoch noch einige zusätzliche Details ins Spiel. Der D LFO lässt sich – auf Wunsch – in der Modulationstiefe bzw. in seiner Geschwindigkeit (!) spannungssteuern. Via Modulations-Wheel / Pedal-IN, Velocity und Aftertouch – alle drei (vier) Kontroll-Quellen sind separat regelbar. Das Klangbeispiel „VelContr D LFO“ zeigt, wie mit unterschiedlicher Anschlagstärke die LFO-Geschwindigkeit variiert (hier zwecks Filter-Modulation). Sehr simpel, sehr effektiv!

Dem nicht genug. Der D LFO lässt sich loopen und synchronisieren (zu MIDI / zum internen Sequenzer).

VC ADSR

Zugegeben, die Überschrift ist nicht „ganz“ korrekt. Via Velocity können nicht alle Teile der Hüllkurve moduliert werden, sondern lediglich ATTACK und RELEASE. Doch schon das ist – gerade in Anbetracht der hochwertigen und feinfühligen Fatar TP/8S Tastatur – ein absoluter Genuss und trägt in nicht wenigen Situationen zum „Yamaha CS-80 Feeling“ von THE RIVER bei.

LEVEL / PAN / TRANSPOSE pro Stimme

Neben der – mehr oder weniger – klassischen analogen Sound-Erzeugung mit besonders lebendigem Grundklang (8 LFOs) sind es die vielen Extras, die THE RIVER zu einem so ausdrucksstarken Synthesizer machen. Hier kommen wir in die Gewässer des RiverKey, der Steuerzentrale rund um die Stimmenverwaltung des Instruments.

Exzellent: Jede Stimme kann individuell in Lautstärke (OFF, -50 bis +10) und Panorama 16< bis <> bis >16) festgelegt werden. Das sieht beispielsweise wie folgt aus:

Voice      1      2      3      4      5      6      7      8
Level     -2   +8    -12   +4      0    +2   -18   +10
Pan       10<  >9    <>     2<   <>   >4   >16   12<

Durch so „simple“ Einstellungen ergeben sich äußerst lebendige Klangeindrücke. Stimmen erscheinen wie zufällig im Panorama-Bild, noch dazu bei wechselnder Lautstärke.

Als besonderes Highlight kann sogar der Grundton für jede Stimme anders definiert werden – mittels Transpose von -24 bis +24. Das erinnert nun in der Tat an die Möglichkeiten eines PPG Wave 2.2 / 2.3. Ein Beispiel:

Voice      1      2      3      4      5      6      7      8
Transp   20    1     -2    -24     8      0     12    -7

Durch das Einstellen dieser 8 definierten Grundtöne ergeben sich im regulären Spiel willkürliche, beinahe atonale Melodien / Harmonien. Durch Justierung von Oktavsprüngen (mit den Werten -24/-12/0/12/24) lassen sich jedoch auch simple tonale Effekte à la Step-Sequencer erzielen.

Das Potenzial der individuellen Festlegung von Lautstärke, Panorama und Grundton pro Stimme ist – neben den zahlreichen LFOs – die zweite ganz große musikalische Stärke von THE RIVER. Die daraus resultierende Lebendigkeit übertrifft die Flexibilität anderer polyphoner Analogsynthesizer um ein Vielfaches. Großes Lob an Laurent Lecatelier, der sich der „individuellen Stimmgestaltung“ so sehr angenommen hat!

TRIKO verleiht Flügel

Wer braucht schon Red Bull? TRIKO, das integrierte Effektgerät, verleiht den Sounds Flüüügel! Dabei sind es gar nicht „so viele“ FX-Arten, die zur Auswahl stehen. Eine Handvoll, das war’s. Doch die Klangqualität ist exzellent. Ob nun Konzerthalle (großer Raum), Stereo-Delay, 3-facher analoger Chorus oder Tape-Echo … die Effekt-Schiene bereichert den ohnehin schon lebendigen Grundklang nochmals.

Dabei gibt es auch hier eine Fülle an Extras. Effekt-Anteile lassen sich dynamisch via Tastatur steuern. Chorus, FX und Dry können individuell im Panorama und in ihrer Lautstärke im eigens vorgesehenen Effekt-Mixer eingestellt werden.

Speziell das gelungene Tape-Echo ist von fulminanter Qualität. Hoher Feedback-Anteil führt zu einer massiven Rückkoppelung, die wiederum (experimenteller) Bestandteil des Gesamtklanges werden kann. Die Abstimmung der Vintage-Effekte zum Vintage-Klang von THE RIVER ergeben ein stimmiges, in sich geschlossenes System.

Layer, Split, Sequencer, Arpeggiator

Mit dem Vintage-Charakter ist jedoch spätestens im Bereich des RiverKey-Systems Schluss. Hier wird es detailliert, digital, tiefgehend. Hier kommt das zweite (linke) Display ins Spiel und hier kann der Musiker alle nur erdenklichen Performance-Szenarien einrichten.

Grundsätzlich darf der User (bis zu) 4 Layer völlig frei programmieren. Für jeden Bereich lässt sich eine eigene Tastatur-Zone (von A0 bis C8) festlegen. Und jeder Layer kann entweder live gespielt oder von Sequenzer oder Arpeggiator gesteuert werden. Das lasse man sich auf der Zunge zergehen!

Doppelter Arpeggiator? Ein Kinderspiel. Quadruple-Arpeggios? Nun, warum nicht. Ob das vierfache Abfeuern von Arpeggio-Mustern – individuell einstellbar – nun musikalisch sinnvoll ist, steht wohl auf einem anderen Blatt – doch die Möglichkeit dazu ist gegeben. Ebenso kann pro Layer der Sequencer aktiviert werden. Alles frei mischbar und alles synchronisiert, auch mit dem leistungsfähigen D LFO, je nach Wunsch, Lust und Laune.

Layer-Klänge lassen sich in Form von Multi-Sounds abspeichern. Doch dem nicht genug. Damit die Übersicht der vielen Layer- und Belegungsmöglichkeiten zumindest „im Ansatz“ gewahrt bleibt, können sogenannte PROFILEs angelegt werden. Quasi Performance-Grundeinstellungen, die sich schnell aufrufen lassen. Um nun überhaupt Zugang zu all den Einstellungen und Extras zu erhalten, ist ein Großteil der Fatar-Tastatur mit zusätzlichen Funktionen belegt, deren Aktivierung im Zusammenhang mit der S (SHIFT) Taste bei den Wheels erfolgt.

Der Arpeggiator ist ausgefuchst und experimentell, wie man es sich eben bei einem Pro-Synthesizer erwartet. Divide, Motif, Octave, Order, Latch und Duration zählen zu den hier gegebenen Einstell-Möglichkeiten. Velocity-Daten werden (natürlich) umgehend im Arpeggio umgesetzt und schließlich können – wie schon angedeutet – bei Multi-Sounds bis zu 4 unabhängige Arpeggios gleichzeitig gespielt werde.

Schließlich noch der Sequenzer, der – vielen Dank – sehr einfach zu bedienen ist. Aufnahme direkt via Keyboard-Eingabe. Pausen durch Antippen eines bestimmten Reglers. Auch hier werden Velocity-Informationen sofort mit aufgezeichnet und Live-Transpose via Keyboard ist ohnehin selbstverständlich. Sequencer-Spuren lassen sich rückseitig mittels CV/Gate abgreifen und – wie eingangs erwähnt – zur Kontrolle anderer Analogsynthesizer verwenden.

Überhaupt lässt sich die Steuerung im Multi-Setup sehr detailliert festlegen: Welche Layer „intern“ THE RIVER bespielen – mit wie vielen Stimmen? Live / ARP /SEQ?, welche Synthesizer „extern“ via MIDI, USB oder CV/Gate gesteuert werden. THE RIVER als (durchaus komplexe) Steuer-Zentrale im Studio.

SHIFT hoch Zwei und Motion-Sequencer

SHIFT bringt uns nochmals einen Schritt weiter, denn auch auf dem User-Panel sind viele Potis doppelt belegt. Mit dem separaten SHIFT-Button (mittig auf THE RIVER positioniert) erhält man Zugang zu den 16 Haupt-Menüs. Manche haben nur eine Funktion (der Name spricht für sich), manche sind tiefgehender und vielschichtiger:

Mittels dieser Matrix (2 Reihen à 8 Taster) lassen sich übrigens nicht nur die Menüs, sondern auch die einzelnen Parts eines Multi-Sounds anwählen. Wie sonst sollte man – beispielsweise – bei einem 4-Layer-Sound Einstellungen zu Sound 3 vornehmen? Weiters können mit der Matrix die 8 Stimmen von THE RIVER den jeweiligen Layern zugewiesen bzw. im Single-Mode einfach ein-/ausgeschaltet werden.

Schließlich aber gelangt man über SHIFT zum Motion-Sequencer. Ein separater Sequencer, der Regler-Bewegungen am Panel aufzeichnet.

Noch ein Hinweis zum Update des Operation Systems. Es erfolgt via eigenem Programm, das auf der BALORAN Seite zum freien Download zur Verfügung steht. Das Update geschieht relativ problemlos in 3 Schritten: Key, Panel, Card. Dafür sind auch 3 separate USB-Anschlüsse zu finden, die im Laufe des Update-Prozesses einer nach dem anderen umgesteckt / bedient werden.

In der Praxis: Klang versus Möglichkeiten

Die große Medaille von THE RIVER hat mehrere Seiten. In punkto KLANG ist der französische Synthesizer edel und vielseitig zugleich.

Das Instrument ist ein Chamäleon, das ähnlich einem Yamaha CS-80 klingen kann (siehe „Demo 1“ und „Sur Les Terres Du CS“ – wo bekommt man solch schöne Brasses her?). THE RIVER erinnert zuweilen auch sehr an Oberheims OB-Xa / OB-8 (Aufteilung der Stimmen im Panorama-Bild) und kann – welch Flexibilität – einem Elka Synthex gleich diese bemerkenswerte Symbiose von Kraft und Klangdichte erzielen (siehe hierzu Klangbeispiel „Simple Sequ 3“). Auch ein Prophet-5 scheint versteckt, speziell im „ungestimmten“ Zustand (Auto-Tune bitte nicht aktivieren). Sogar an den Hartmann Neuron erinnert so manche Klangwelt (Hörbeispiel „Mystique“). Die Vielseitigkeit ist enorm.

Letztlich aber ist die Summe aller genannten Eindrücke – plus viel mehr – nichts anderes als THE RIVER selbst.

Die Filter-Resonanz mag etwas eigen und eher untypisch moogisch sein (hier wäre ein 1:1 Vergleich zum Moog THE SOURCE spannend). Doch es spielt keine Rolle. Alle Sound-Aspekte von THE RIVER sind von hoher musikalischer Qualität. Wie den angefügten 50 Minuten Audio-Beispielen zu entnehmen ist, ist seine klangliche Flexibilität beeindruckend bis überwältigend.

Die Kehrseite der Medaille stellt – dies ist nun eine sehr persönliche Sichtweise – die enorme Flexibilität des gesamten Systems dar. Ein Flexibilität, die bei modernen Analogsynthesizern häufig anzutreffen ist und auch vor THE RIVER nicht Halt macht. „Nun, schön“, könnte man denken, „Flexibilität ist doch gut“. Ja. Und Nein. Hierzu ein paar Gedanken …

Flexibilität bedeutet in der Technik in erster Linie auch Komplexität. Natürlich erwartet man bei einem Synthesizer zunächst jenen sagenhaften, möglichst „sehr guten“ Klang, der schlanke 6.200 Euro wert ist. Dann aber bitte noch MIDI und USB samt aller Raffinessen. Anschlagdynamik mit bestmöglicher Kontrolle sind ebenso unerlässlich wie Arpeggiator und Sequencer. Nun, wo genau hört die Wunschliste auf?

Vielleicht sollte man mit dem „sehr guten“ Klang zufrieden sein. Denn bei allem Weiterführenden beginnt die Krux: Je umfassender das technische System, desto zeitintensiver der Umgang damit. Möglicherweise liegt hierin der unwiderstehliche Charme vieler VINTAGE Poly-Analogsynthesizer: Ihre (aus heutiger Sicht) betörende Direktheit und – wenn man so will – zeitlose Schlichtheit … im Sinne von Musik und Performance. Das leidige Thema der technischen (Un)Zuverlässigkeit, sagen wir: des erhöhten Service-Bedarfes, steht natürlich auf einem anderen Blatt, wir leugnen es nicht.

All die fantastischen Möglichkeiten der Klang-, Performance- und System-Optimierung lassen bei modernen Instrumenten jedenfalls etwas vermissen: Die Spontaneität des Musizierens. So tut man bei Boliden wie THE RIVER gut daran, sich zunächst nur dem Klang zu widmen. (Und es vielleicht sogar dabei zu belassen.) Schließlich erzeugt die Fülle der gesamten Möglichkeiten auch schnell den unausgesprochenen Zwang, alle Features mit einbeziehen zu müssen.

THE RIVER ist technisch enorm umfangreich und – gerade deswegen – auch eine klare Herausforderung. Daher nochmals die Empfehlung, sich auf das Wesentliche zu beschränken: Auf den Klang. Der Sound von THE RIVER ist grandios und über alle Zweifel erhaben. Auditive Freude und klangliche Ästhetik pur – sich darauf zu konzentrieren, das lohnt in jedem Fall.

4 (kleine) Bereiche der Klang-Optimierung

Ungeachtet des sehr hochwertigen Klanges haben wir 4 Bereiche der Optimierung ausgemacht. Zwei lassen sich von Anwender selbst beheben, zwei nicht …

Erstens das Übersteuern des Audio-Signals. Viele Stunden war ich ob des „Krachens“ (Knacksens) im Audio-Signal mancher vollgriffig gespielter Sounds irritiert. So lange, bis klar wurde, dass die Pegel von OSC 1 und OSC 2 in der Mixer-Sektion deutlich abgesenkt werden müssen (teils bis unter die Hälfte). Dann nämlich wird das Audio-Signal völlig klar und frei von Nebengeräuschen. Alles bestens, solche Korrekturen lassen sich umsetzen – man muss es nur wissen.

Zweitens der Bass-Bereich. Dieser ist – etwas überraschend – nicht ganz so voluminös, wie man es sich eventuell erwarten würde (umso mehr, als ein Moog Synthesizer als Vorbild diente). Es geht um den berühmten „klanglichen Bauch“ von unten – den man jedoch am externen Mischpult nachjustieren kann. Auch dieser Punkt ist also leicht zu beheben.

Drittens die Zipper-Geräusche. Das Bewegen der Potis im Live-Betrieb verursacht – feine Ohren zur Wahrnehmung vorausgesetzt – leichte (bis durchaus sehr gut hörbare) Zipper-Noises. Die bringt man nicht weg. Das zippe-zappe ist etwas schade und erfordert gutes Fingerspitzengefühl beim Aufnehmen, vor allem beim Aufnehmen (und Anpassen) leiser Klänge.

Viertens wären minimal längere Hüllkurven-Zeiten sehr schön. Es geht um Nuancen, mehr nicht. Speziell die Release-Zeiten entpuppen sich in der Ausklingphase besonders massiver Sounds – und derer gibt es bei THE RIVER genug – oftmals um einen Tick zu kurz.

Fazit

THE RIVER ist ein mächtiger Strom. Eine Naturgewalt in klanglicher wie auch technischer Hinsicht. Bei Kosten von ca. 6.200 Euro (Stand 06/2022) erhält man einen sagenhaft gut und breit klingenden 8-stimmigen Analogsynthesizer. Einen Vertreter der seltenen Rasse echter analoger Boliden, die den Zuhörer locker vom Sessel fegen. So viel steht fest: Potenz und Breite von THE RIVER sind bemerkenswert.

Hierbei spielt nicht nur der kernige, sämige Analog-Sound mit hinein, hier kommen auch die vielen Extras rund um die Einzel-Programmierung (Lautstärke, Panorama, Transponierung) jeder individuellen Stimme zum Tragen. So viel Lebendigkeit und Gänsehaut-Stimmung erlebt man bei modernen Analogsynthesizern selten.

Wer sich dem hochwertigen Klang hingeben möchte, wird gut daran tun, nur die notwendigsten zusätzlichen Extras mit in die Performance zu packen. Das Layern zweier Sounds, ein simples Arpeggio-Muster, in dieser Art vielleicht. Eventuell gar die Konzentration auf gut programmierte Single-Sounds mit geschmackvollen Effekten – mehr nicht.

Dann jedenfalls bleibt man immer im Prozess der kreativen (und unmittelbaren) Sound-Gestaltung. Ein Prozess, den THE RIVER umgehend mit orchestral anmutenden, nobelpreiswürdigen Klangeindrücken zu belohnen weiß.


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50+ Minuten Audio-Files sind angefügt. Mit Ausnahme der einmaligen Verwendung des Analog Rytm ist alles Gehörte zu 100% Baloran THE RIVER. Kein zusätzlicher Synthesizer wurde verwendet, kein Outboard Equipment, kein zusätzliches Effektgerät.

Die Klangbeispiele „S&H Filter + Analog Rytm“ sowie „Polyphonic Soft ARP“ stammen von Laurent Pelletier, „Sur Les Terres Du CS“ stammt von Laurent Lecatelier (Baloran). Und DEMO 2 ist nichts anderes als eines der Werks-Presets – ein so gutes, dass ich mir erlaubt habe, es schlichtweg direkt aufzunehmen. Ein Multi-Sound mit 4 Layern, Sequencer und Arpeggiator …

Baloran THE RIVER - DEMO 1
Baloran THE RIVER - DEMO 2
Baloran THE RIVER - DEMO 3
Baloran THE RIVER - DEMO 4
Baloran THE RIVER - DEMO 5
Baloran THE RIVER - Tape Effect
Baloran THE RIVER - Noises 1
Baloran THE RIVER - Noises 2
Baloran THE RIVER - Noises 3
Baloran THE RIVER - Unison
Baloran THE RIVER - Expressive Solo 1
Baloran THE RIVER - Expressive Solo 2
Baloran THE RIVER - Expressive Solo 3
Baloran THE RIVER - Simple Sequ 1
Baloran THE RIVER - Simple Sequ 2
Baloran THE RIVER - Simple Sequ 3
Baloran THE RIVER - Mystique
Baloran THE RIVER - Massive Brass
Baloran THE RIVER - Filter FM
Baloran THE RIVER - Fifth Resonance
Baloran THE RIVER - Arpeggio
Baloran THE RIVER - Eeeery Choral
Baloran THE RIVER - AftTouch Solo
Baloran THE RIVER - VelContr D LFO
Baloran THE RIVER - Gregorian
Baloran THE RIVER - Poly Glide
Baloran THE RIVER - Pulse Sequence
Baloran THE RIVER - Beautiful Filter Sweeps
Baloran THE RIVER - Screaming Sync Mono / Unison
Baloran THE RIVER - S&H Filter + Analog Rytm (c) Laurent Pelletier
Baloran THE RIVER - Polyphonic Soft ARP (c) Laurent Pelletier
Baloran THE RIVER - Sur Les Terres Du CS (c) Laurent Lecatelier

Baloran THE RIVER

Polyphoner Analoger Studio-Synthesizer mit 8 Stimmen,
Multitimbralität (4 Layer), Sequencer und Arpeggiator
sowie MIDI und umfassendem CV/Gate (Out)

Preis: ca. 6.212 Euro (5.177 Euro plus MwSt.)
(01/2023)

Lieferbar in den Farbtönen Schwarz/Anthrazit und Weiß/Creme
mit unterschiedlichen Holzseitenteilen (wählbar).

  1. Auflage: 2018 – 20 Stück (ausverkauft)
  2. Auflage: 2019 – 30 Stück (ausverkauft)
  3. Auflage: 2019 – 45 Stück (ausverkauft)
  4. Auflage: 2020 bis 2024 – genaue Stückzahl unbekannt
    (Reservierungen z. Zeit ausgesetzt)

    „My decision is that this year, there will be a very small production of The River (10…15 instruments) that will be assembled  from the surplus that has been set aside for Lot 4.“ (03/2021, baloran.com)

Website Hersteller:
www.baloran.com

Open / Download:
Baloran THE RIVER Synthesizer Front (3800 x 2000 px)
Baloran THE RIVER Synthesizer Back (3800 x 2000 px)

Links:
Interview Laurent Lecatelier – Mastermind von BALORAN
Testbericht THE RIVER (Audiofanzine) von synthwalker
Baloran THE RIVER – ein Bolide wird geboren

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