Roland Jupiter-X – das letzte Gefecht?

Vorweg: Der Titel sei keineswegs militärisch gemeint. Ganz im Gegenteil, er ist mit positiver – oder zumindest neutraler – Konnotation zu verstehen. Denn immerhin stellt der Jupiter-X Rolands aktuellstes und umfassendstes Synthesizer-Flaggschiff dar. Möglicherweise aber auch sein vorläufig letztes, wie wir meinen.

Der Eindruck eines gewissen „Endpunktes“ wird durch das Konzept des Jupiter-X verstärkt: Die Zusammenfassung der markantesten Meilensteine der Roland-Soundästhethik der letzten 40 Jahre in „einem“ Paket. Von den grandiosen Unisono/Sync-Sounds des Jupiter-8, den einfachen (aber effektiven) Arpeggio/Sequencer-Elektroklängen des Juno-106/Juno-60 und den weichen Pad-Sounds des JX-8P angefangen, über die weite Welt der D-50 Fantasia- und Glockensounds, JD-800 Piano- und Percussion-Klänge bis herauf zu … nun, wir wissen es nicht genau. Doch all das ist – in welcher Qualität, darauf kommen wir noch zu sprechen – als musikalisches Umfeld vertreten.

Das japanische Unternehmen fährt jedenfalls alle Geschütze auf, um den Jupiter-X (Made in Malaysia) als „universalen und ultimativen“ Roland-Synthesizer ins Rennen zu schicken.

Zudem weitet das Unternehmen sein Software-Synthesizer-Programm massiv aus, und schließlich wurde anno 2020 die Roland-Cloud ins Leben gerufen („Erlebe die Zukunft mit ZENOLOGY“). Alles Anzeichen dafür, dass der Hardware-Synthesizer-Bereich bei Roland an einem gewissen Abschluss, oder doch zumindest stark im Rückzug, ist. Das aktuell „letzte Gefecht“ auf diesem Territorium bestreitet nun der Jupiter-X, zusammen mit seinem kleinen Bruder Jupiter-Xm.

Die Hardware

Nach den etwas undefinierbaren Ausflügen in die Welt der „Beinahe-Vollplastik-Poly-Synthesizer mit 4 Oktaven und externem Netzteil“ (JD-XA und System-8) kehrt Roland mit dem Jupiter-X eindeutig in den Bereich der hochwertig verarbeiteten Pro-Synthesizer zurück. Das ist sehr positiv.

Ausgenommen der beiden Hartplastik-Paneele links und rechts der Tastatur ist das Gehäuse des Jupiter-X rundum aus Metall. Wertig und massiv! Das macht sich auch im Gewicht bemerkbar: Mit knapp 17 kg hat der Musiker hier definitiv noch einen echten Hardware-Synthesizer unter den Händen.

Nicht nur das Gewicht, auch Design und Konstruktion sprechen für die Pro-Synthesizer Linie des Jupiter-X. Das geschmackvoll zur Tastatur hin abgeknickte Bedien-Panel oder die abgeschrägte Rückseite (mit exzellenter Aufsicht zu den Anschlüssen – direkt vom Keyboard aus) sind nur zwei von vielen positiven Design-Details.

Betreffend Konstruktion sei zudem die Verwendung hochwertiger Bedienelemente (Metall-Potis, lange Fader, wertige Tipp-Taster) sowie das integrierte Netzteil hervorzuheben. Der Jupiter-X ist in diesem Sinne wieder ein echter ROLAND Synthesizer, der durchaus an die (äußere) Hardware-Qualität des Jupiter-8 erinnert, oder – man muss ja nicht 40 Jahre zurück blicken – an die exzellente Bauweise eines Jupiter-80 bzw. Jupiter-50.

Einige winzige, abweichende Details einer fast makellosen Oberfläche sind uns jedoch nicht entgangen. So wurde zuweilen bei der Schriftbreite getrickst (das Wort „Portamento“ etwa arg gestaucht) und das Logo des Jupiter-X ist – für unseren Geschmack – zu kaltblütig an den äußersten Rand gesetzt.

Für den Musiker sind das natürlich unbedeutende Details, die jedoch einmal mehr klar machen, wie ausgewogen und „stimmig“ der originale Jupiter-8 anno 1981 im Vergleich zum modernen Pendant tatsächlich ist.

Der Aufbau – „außen“ und „innen“

Gehen wir es rasant an. Viele Synthesizer-Freunde dürften sich an der Oberfläche des Jupiter-X sehr schnell zurecht finden. Der Signalpfad ist gemäß Roland-Vintage-Tradition klassisch ausgelegt, die vielen Schieberegler und Potis bieten eine simple One-Knob-Per-Function Bedien-Oberfläche.

Aufgabe: Bilder ansehen und den Jupiter-X studieren. Hier dürften ja kaum weitreichende Fragen auftauchen, der Signalfluss spricht für sich …

Die klassische Oberfläche erinnert sofort an einen Jupiter-8, Juno-106 oder SH-Synthesizer. Die Krux liegt nun darin, dass sich Roland – und hier ist das Unternehmen knallhart – tatsächlich exakt an die Vorgaben des jeweiligen Synthesizer-Klassikers hält. Mit anderen Worten: Der Aufbau „außen“ (die Oberfläche des Jupiter-X) stimmt nicht zwangsläufig mit dem Aufbau „innen“ (dem gewählten Synthesizer-Modell, der aufgerufenen Software) überein.

Beispiele gefällig? Man möchte im Modell „Jupiter-8“ den zweiten LFO aktivieren – ähm, tja, Fehlanzeige. Vorhanden (am Jupiter-X Paneel), aber nicht anwählbar. Stimmt ja auch: Kein LFO 2 beim Jupiter-8. Will man im Modell „SH-101“ den zweiten Oszillator aktivieren – wieder, leider, nada! Gibt es nicht. Und ein Narr, wer beim Modell „Juno-106“ an beiden Hüllkurven herum werkelt. Nur eine ist tatsächlich aktiv.

Jeder Bedienschritt ist ausschließlich gemäß dem Original-Instrument verfügbar (oder eben nicht). Dies setzt nun voraus, dass der Benutzer die originalen Instrumente auch tatsächlich sehr gut kennt. Bewegt man etwa beim Modell Juno-106 die Mischer-Regler der Oszillatoren, kommt bei OSC 1 und OSC 2 nur die Meldung ON oder OFF. Ach ja, Sägezahn und Pulswelle, die ließen sich beim Juno-106 nur an- und ausschalten und nicht stufenlos einblenden. So ist es ein mutiger und eventuell sogar „zu“ ehrlicher Schritt von Roland, die Bedienung am Jupiter-X ohne Kompromisse an das jeweilige Vintage-Synthesizer-Modell anzupassen.

In der Praxis macht dieser Umstand den Jupiter-X jedenfalls zu einem zweischneidigen Schwert. Während die gelungene und luxuriöse Oberfläche sofort zum Programmieren und Klangtüfteln einlädt, werden kreative Arbeitsschritte nicht selten durch „- – -“ (im großen LED-Display) bzw. „Not Available“ (im kleinen Grafik-Display) quittiert. „Ach ja“, fällt dem Benutzer dann wieder ein. „Gibt es nicht“. „Hat er nicht“. Der alte Synthesizer. Und der neue damit ebenso wenig.

TONE EDIT führt zum Ziel

Wozu also der Ringmodulator? Oder der zweite LFO? Überhaupt – wozu die 4 Oszillatoren? Nun, man verlasse die Modelle der Vintage-Synthesizer (Jupiter / Juno / JX / SH) und begebe sich auf das Terrain der unzähligen anderen Modelle bzw. Kategorien (XV-5080 Sounds, Pianos, Organs, Mallets, Bass und und und). Wir empfehlen JP-X INT(ernal) – denn dort will man zwecks Klang-Design ja hin. Geht man nun im Menü auf TONE EDIT, lässt sich – endlich, endlich – die gesamte Oberfläche des Jupiter-X nach Herzenslust zum Einsatz bringen.

Im TONE EDIT Modus stehen 4 Oszillator-Filter-Amplifier Stränge direkt am Panel zur Verfügung (die Umschaltung 1 – 2 – 3 – 4 erfolgt in der Oszillator-Sektion). Mit dabei sind viele Oszillator-Wellenformen (Sine, Triangle, Saw, Pulse, SuperSaw, Noise, PCM – eine Auswahl an einigen tausend Samples), 2 LFOs, RingModulator, Sync, Crossmodulation, unzählige Filter-Typen und 2 Hüllkurven … pro Oszillator-Einheit (PARTIAL genannt), das Ganze also mit 4 zu multiplizieren … dann ist man erst beim TONE.

Gemischt werden die 4 PARTIALs eines TONEs im Mixer, wie abgebildet. Das ist sehr angenehm und erlaubt – auch bei vielen der vorgegebenen Preset-Klänge – eine Art Additive Synthese in Echtzeit. Oder, ein wenig realistischer formuliert, das direkte Mischen der 4 Partial-Elemente eines TONEs samt aller sich daraus ergebenden neuen Schwingungsmuster und Klang-Zusammensetzungen.

Aus unserer Sicht ist dies nun der erste interessante Aspekt rund um die Sound-Programmierung am Jupiter-X. Jeder PARTIAL als eigenständiger Synthesizer … ein System, das zugegeben jedoch keineswegs neu ist und spätestens seit dem JD-800 (1991) bzw. dem D-70 (1990) und in Ansätzen sogar seit dem D-50 (1987) für Roland-Enthusiasten allseits bekannt sein dürfte. Ein paar deutliche Fortschritte sind natürlich schon zu spüren. So lässt sich beim Jupiter-X jeder PARTIAL im Panorama festlegen (inkl. PAN Random Funktion, sehr schön) und Filtertypen gibt es im Dutzend – samt extra Variationen R (Roland), M (Moog ?) und S (State Variable Filter ?).

4 PARTs und Rhythm (Drums)

Die Ähnlichkeit zum JD-800 (und anderen Roland-Synthesizern) geht noch einen Schritt weiter. 4 PARTIALs eines TONEs ergeben zusammen mit Effekten und Pan / Equalizing einen PART (dem übergeordnet noch die SCENE mit Performance-Funktionen, doch wollen wir hier niemanden verwirren). Nun gibt es derer 4 PARTs im Jupiter-X. Plus separater Drums. Alles gleichzeitig verfügbar. Und das bei – mehr oder weniger – unbegrenzter Polyphonie … was wohl der wirklich entscheidende Vorteil gegenüber den älteren Digital-Klassikern von Roland ist.

Hier noch ein kleiner Einschub. Im PART Modus blinken die 5 PART SELECT Taster (4 PARTs + Rhythm) permanent auf, um auf ihre Funktion „Auswahl des gewünschten Edit-Parts“ hinzuweisen. Alles schön und recht, doch im Studio bei gedimmter Beleuchtung unendlich nervig, das penetrante Auf- und Ableuchten. Allerdings gibt es hierzu eine simple Lösung. Sowohl die Helligkeit der LED Anzeigen (gemeinsam für Tipptaster, Buttons, große LED Anzeige), als auch die farbliche Belegung einzelner Funktionen lassen sich ändern. Zudem gibt es vorgegebene Farb-Sets zur Auswahl, alles zu finden im SYSTEM Menü. Wechselt man hier von COLOR SET 1 zu COLOR SET 2, bleiben die blinkenden PART-Taster unbeleuchtet. Sehr fein.

Zurück zum Klanggeschehen des Jupiter-X. 4 PARTs (plus Drums) bedeuten bei maximaler Auslastung 16 Synthesizer, die gleichzeitig verfügbar sind. Hinzu kommen Percussion- und Schlagzeugsounds sowie diverse Performance-Funktionen (I-Arpeggio, Vocoder, …). Das ergibt in Summe eine stattliche Anzahl an Möglichkeiten, die – aus unserer Sicht – in dieser gewaltigen Dimension einen zweiten interessanten Aspekt rund um den Jupiter-X darstellen.

Die Praxis

All der Herrlichkeit in Ehren: Die Benutzerfreundlichkeit des Jupiter-X lässt etwas zu wünschen übrig. Wobei es für Roland zugegeben auch nicht leicht sein dürfte, das ideale Gleichgewicht an Bedienelementen zu finden. Wurde beim Jupiter-80 mit riesigem Display noch ob der geringen Anzahl an Schiebereglern geklagt, bietet der Jupiter-X nun ein ganzes Panel voller Regler, gleichzeitig aber ein kleines, eher bescheidenes Display.

Die Krux daran: Man braucht es sehr dringend, das kleine Display. Für all die Scene / Arpeggio / Tone Edit / System / Utility Einstellungen. Ganz Listen sind da zu Scrollen. Mit vielen versteckten Funktionen, erstaunlichen Feinheiten und zuweilen essentiellen Möglichkeiten. Das Foto zeigt nicht zufällig die Belegung der frei programmierbaren Performance-Taster S1 / S2 / S3 im Pitchbend-Bereich. Der dritte Taster ist mit HOLD belegt … wer also eine solche Funktion an seinem neu erworbenen Jupiter-X sucht: S3 (direkt neben dem Keyboard) ist gemäß der Werkseinstellung HOLD.

Über das Vorhandensein diverser Scalings / Tonsysteme brauchen wir nicht erst zu berichten, sie sind seit Jahrzehnten selbstverständlich. Der Jupiter-X bietet zudem die Möglichkeit, jede Stufe unseres Tonsystems (c, cis, d, dis …) von -63 bis +64 zu verändern und so eine ganz eigene Scala zu schaffen. Das geschieht übrigens nicht automatisch für den gesamten Synthesizer, sondern – noch besser – individuell pro PART, ebenso wie die PitchBend-Range-, Tone-Range-, Velocity-Zuweisungen, etc.

Um all die Flexibilität tatsächlich ausnützen zu können, muss jedoch – es wurde bereits erwähnt – ein Meer an Listen durchsteppt werden. Ob das der Lust am Musizieren förderlich ist, sei dahin gestellt. Nicht selten wünscht man den Jupiter-X in die Simplizität eines Juno-106 transferiert. Das ist natürlich gedanklicher Nonsens und der Vergleich hinkt völlig, doch die Direktheit und Einfachheit der Musik-Performance in einer entsprechend direkten / einfachen Umgebung sind für nicht wenige Musiker essentielle Voraussetzung für kreatives Schaffen.

Der Sound

50 Minuten Audio-Files sind angefügt. Man urteile selbst. Und vergleiche mit anderen Berichten / Videobeispielen / Klangquellen. Unser Fazit: Die sagenhaft „neue“ Sound-Engine des Jupiter-X ist in dieser Art nicht zu erkennen. Sie wirkt eher altbacken (was durchaus seinen Charme hat) und bestätigt damit die grundsätzliche Ausrichtung des Instruments: Der Jupiter-X ist jenes All-In-One Paket, jene Zusammenfassung der wichtigsten Roland-Synthesizer der letzten 40 Jahre, die das Unternehmen auch bewirbt.

Doch werden wir konkreter. Die Vintage-Modelle Jupiter-8, Juno-106 und JX-8P können durchaus überzeugen. Fette Unisono-Klänge, heftigen Sync-Sounds, schöne Analogsounds für Sequenzer / Arpeggiator, butterweiche Strings … alles da. Die Simulation des sämigen Jupiter-8 Filters kommt ebenso zur Geltung wie das durchaus etwas blecherne Juno-106 / JX-Filter. Alles so weit im „authentischen“ Bereich.

Betreffend Feinheiten darf man sich natürlich nicht den tatsächlichen Sound und Klang-Druck (Dynamik!) der „originalen“ Synthesizer erwarten. Analoge Schaltungen ergeben ein entschieden anderes Klangbild und Klangverhalten als jede Software-Simulation, was ja auch keineswegs neu ist. Während die Simulation von oberflächlichen Mainstream-Analog-Sounds völlig in Ordnung geht, muss die Software bei detaillierterer Programmierung und überhaupt beim eben nicht vorhandenen ANALOGEN Klang zwangsläufig in die Knie gehen. Wie sollte es anders sein.

Der Eindruck, dass Roland dieses nicht-ganz-unwichtige-Detail jedoch erfolgreich zu ignorieren versucht, wird durch die Werbesprüche der Roland-Cloud aktuell eher verstärkt. Ein Beispiel …

TR-808: „DER DRUCK, DAS SCHMATZEN UND DAS KNISTERN DER BERÜHMTESTEN DRUM MACHINE ALLER ZEITEN – AB SOFORT IN DEINER DAW.“ (www.roland.com)

TR-808 digital? Na dann – gute Nacht … und zurück zum Jupiter-X. Wie gesagt: Viele der Jupiter-8- und Juno/JX-Sounds sind absolut passabel. Doch interessant, kein einziger Sound des Modells SH-101 hat uns an den Roland SH-101 erinnert. Das lässt auch Zweifel am neuen (was ist hier neu?) Software-Synthesizer SH-101 laut werden. Deutlich besser wird es beim Jupiter-X wieder betreffend Emulation der hauseigenen Digital-Synthesizer – D-50 und JD-800 (hier vor allem die Percussion-Sounds), um nur zwei Klassiker zu nennen.

Punkt eins in der Bewertung des Jupiter-X-Sounds ist sicher die Gesamtheit, die zu betrachten ist. Und die ist durchaus positiv. Ein fulminanter Jupiter-X Klang könnte wir folgt aussehen: Starker Jupiter-8 Sync-Sound im Dual-Modus (Part 1) kombiniert mit butterweichen JX-8P Strings (Part 2), kombiniert mit einem Arpeggio-Muster im Stile des Juno-60 (Part 3), kombiniert mit Roland D-50 Klangteppichen (Part 4) und als Zugabe TR-808 / 909 oder CR-78 Drums (Rhythm Part). Nur als Beispiel. Inklusive aller individuellen Programmier-Möglichkeiten und umfassenden Performance-Funktionen ergibt sich daraus tatsächlich ein „letztes Gefecht“: Ein großräumiges – wenn auch oberflächliches – Zusammenfassen der Synthesizer-Leistungen des Roland-Unternehmens seit dem Einzug polyphoner Synthesizer Ende der 70er Jahre.

Punkt zwei in der Bewertung des Jupiter-X-Klanges ist die Qualität der Samples. Wie viele es davon gibt spielt keine Rolle, ein Großteil davon ist absolut brauchbar bis „recht gut“, dennoch sind sie durch die Bank eher alt. Effekt-Sounds, die man von frühen Roland Arranger-Keyboards her kennt (dog, applause, helicopter, gunshot, usw.) erheitern das Gemüt. Doch auch die Streicher, Bläser, Klaviere, E-Pianos … alles eher alt, oder zumindest: schon sehr oft gehört. Womit aber – Dank an Synth-Enthusiast Luis für das Gespräch in dieser Richtung – nun ein völlig neuer Gedankengang ins Spiel kommt …

Zielgruppe „Next Generation“?

Für alteingesessene Roland-Fans ist das Hundegebell oder die knarrende Türe alias Späte-80er-Jahre-Effekte im besten Fall lustig (im schlechteren Fall nervig). Doch die „Next Generation“ ist heute am Zuge. Kaum ein Teen oder Twen kennt noch das Roland E-86 Arranger-Keyboard oder den Roland MT-32 Sample-Player. Nur als Beispiele.

Klänge genau dieser Art gibt es nun jedoch wieder zu hören. Und vielleicht ist es entzückend, die mitunter schrulligen Effekte, teils altbackenen Streicher und zuweilen guten / zuweilen seltsamen Akustik-Gitarren/E-Gitarren-Samples zur eigenen Musik laufen zu lassen. Denn der Jupiter-X verfügt über Bluetooth, daher kann – wir haben es noch nicht erwähnt – externe Musik über die – auch noch nicht erwähnten – internen Lautsprecher abgespielt werden (mit Hundegebell- und Hubschrauber-Begleitung, in dieser Art.)

Was lang gediente Roland Enthusiasten also mit Kopfschütteln quittieren mögen, kann in der jüngeren Generation ganz anders zur Geltung kommen. Ohne Ironie. So würde es nicht weiter wundern, wenn Jupiter-X Besitzer im Alter zwischen 20 und 30 Jahren den integrierten Synthesizer „Modell SH-101“ tatsächlich als cool empfinden. Obwohl die 101-Software vom Original relativ weit entfernt ist, wie SH-101 Besitzer nach nur wenigen Sekunden des Spiels sofort bestätigen werden.

Wie dem auch sei: Auf die „Next Generation“ mag die Sound/Sample-Ästhetik der 80er- und 90er-Jahre eine spezielle Wirkung haben. Wir enthalten uns also einer Beurteilung und überlassen die Bewertung der Jupiter-X Sound/Sample-Qualität (und -Aktualität) jedem Musiker selbst.

Kleine Ergänzungen …

Korrekt, es wurden noch nicht alle Bereiche des Jupiter-X erwähnt. Die vorbildlichen Anschlüsse seien zu nennen – mit doppeltem Stereo-Ausgang (XLR und Klinke, ausgezeichnet), zweifacher Headphones-Buchse (3,6 mm vorne und 6,3 mm hinten), MIDI In / Out (als Soft-Thru schaltbar), kombiniertem Klinke/XLR Mikrofoneingang sowie USB Memory (zum Anschluss einen Sticks zwecks Datensicherung) und USB (MIDI), schließlich noch Control (Pedal) und Hold (Pedal) sowie AUX In.

Weitere Funktionen: I-Arpeggiator (mit Rhythm/Drumpart und detaillierter Step-by-Step Programmierung), Vocoder, sowie die unzähligen Drumsets und die durchwegs sehr guten – und direkt zugänglichen – Effekte. Stichwort „Chorus“ (unverzichtbar bei Rolands Vintage-Pad Sounds), Stichwort „Delay“ (das uns zu so manchen Klangbeispielen animiert hat, vor allem dank der manuell einblendbaren Feedback-Schleife).

… und Fazit

Die grundlegende Klangqualität des Jupiter-X ist des Pudels Kern. Sie ist „ordentlich“ und erlaubt den Einsatz des Instruments für unzählige musikalische Genres. Breiteste Klangteppiche, massivste Unisono-Sounds, weiche Lead-Sounds, Samples „aller Art“ (belassen wir es dabei) und vieles mehr: Die traditionelle, typische analoge wie digitale Roland-Klangpalette ist gegeben. Eine Klangpalette, die sich dank der vielen Fader / Knöpfe / Potis sofort und – großteils – intuitiv an die persönlichen (musikalischen) Bedürfnisse anpassen lässt.

Ob nun Besitzer diverser klassischer Roland-Synthesizer den Jupiter-X unbedingt benötigen, das sei dahin gestellt. Schließlich haben sie die „originalen“ Instrumente, die einen besonderen, nicht imitierbaren Charakter aufweisen – was für Analog-Synthesizer ebenso zutrifft wie für Digital-Synthesizer. So mag es bei einer Investition von ca. 2.500 Euro (Jupiter-X) durchaus die Überlegung wert sein, ob nicht ein SH-101, JX-8P und D-50 (und/oder JD-800) das musikalisch „ergiebigere“ Roland-Paket zum selben Preis wäre.

Dennoch, aus dreierlei Sichtweisen scheint der Jupiter-X wieder empfehlenswert …

Erstens aus Sicht des „Klangtüftlers mit zeitlichen Ressourcen“. Vielschichtige Programmierung ist das A und O des Jupiter-X: 4 Partials pro Tone/Part, 4 Parts gleichzeitig (plus Rhythm-Part). In Summe 16 Oszillatoren, 16 Filter, 32 LFOs,  32 Hüllkurven … RingModulation, Crossmodulation, all die Panorama-Möglichkeiten, die sehr guten Effekte – das ist anständig. Genügend Zeit und Energie vorausgesetzt, kann man am Jupiter-X enorme Klang-Collagen erstellen. Ein wesentlicher Teil der angefügten Soundbeispiele sollte dies belegen.

Zweitens aus Sicht des „Vintage-Freaks“. Jenes Musikers, der zwar den grundlegenden klassischen Roland-Vintage-Sound gerne im Studio hätte, der jedoch einerseits keine 12.000 – 15.000 Euro für einen Jupiter-8 ausgeben möchte (als extremes Beispiel) und der andererseits die unangenehmen Alterserscheinungen analoger wie digitaler Synthesizer-Klassiker umgehen möchte … als da wären: technische Aussetzer aller Art, kaputte ICs, mangelnde Tastaturkontakte, Red-Glue-Probleme, etc. Ein weiterer Teil der angefügten Klangbeispiele geht auf die hier angesprochenen grundlegenden Vintage-Sounds ein.

Drittens aus Sicht der „Next Generation“. Lustige Effekt-Sounds und teils altbackene Samples, zusammen mit dem (intelligenten?) I-Arpeggiator, den coolen Drums, Vocoder-Partien und musikalischen Zugaben via Smartphone (Bluetooth) – alles denkbar. Wobei zwecks Anschaffung der Jupiter-X-Synthesizer-Engine in vielen Fällen der kleinere Jupiter-Xm die bevorzugte Wahl sein dürfte – sowohl was Platzbedarf, als auch die Budget-Situation betrifft. Beispiele für altbackene Samples sind in unseren Soundfiles nur wenige vertreten (Rhodes, Church Organ, Atmosphere …), auch wenn sie einen nicht unerheblichen Teil des Jupiter-X Sample-Pools ausmachen.
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So ist eine abschließende Bewertung des Jupiter-X nicht ganz einfach. Als All-In-One Universal-Roland-Synthesizer sei er eine Überlegung in jedem Fall wert – umso mehr, wenn originale Roland-Synthesizer aus früheren Zeiten im Studio kaum (oder gar nicht) vertreten sind.

Dann nämlich erhält der Musiker mit dem Jupiter-X ein umfassendes Instrument, das nicht nur einen Großteil der klassischen Roland-Sounds (analog wie digital) zur Verfügung stellt, sondern das mittels exzellenter Hardware und großzügiger Vintage-Oberfläche auch ein wertiges User-Interface anbietet, welches die direkte Beeinflussung dieser Sounds (auf der Bühne) und speziell die vielschichtige Klangforschung (im Studio) auf kreative Weise unterstützt.


Ergänzung 13/09/2020: Als Alternative zum Jupiter-X sei – aus dem Hause Roland – noch auf den Fantom hingewiesen. Danke an „Findus“ für den Hinweis (siehe Kommentare):

„Anstelle des Jupiter-X würde ich den Fantom in Betracht ziehen, der neben der identischen VA- und PCM-Synthese des JX noch V-Piano, SuperNatural und SamplePlayer an Board hat. Dazu kommt eine exzellente Bedienbarkeit über TouchScreen, Sliders und Knobs inkl. separatem Synthesizer-Panel.“


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Folgend sind 50+ Minuten Audio-Files angefügt. Zu hören ist ausschließlich der Jupiter-X. In vielen Klangbeispiele kommen selbst erstellte Tones zum Einsatz, ebenso wie eine „brauchbare“ Auswahl an Klängen aus dem umfassenden Sample-Pool. MIDI kam mit Ausnahme von Sequenzen/Patterns wenig zum Einsatz – der Jupiter-X wurde vor allem „live“ gespielt.

Roland Jupiter-X

Polyphoner Hardware/Softwaresynthesizer
mit ZEN-Core Sound-Generator

Analog Modelling/Samples
Arpeggiator/Vocoder

Preis:
2.500 Euro

Link:
www.roland.com

Vergleich:
Roland Jupiter-8 – der Meister des Synthie-Pops

Open/Download:
Roland Jupiter-X (4200 x 2600 px)
Roland Jupiter-X und Jupiter-8 (4200 x 2600 px)

Video / PR-Demo (Roland Corp.):

Video / Erklärungen / Klangbeispiele zum Jupiter-Xm (Tim Shoebridge):

Kategorie 2020, Main Feature, Testberichte

“Es genügt, einen Ton schön zu spielen” sagte der Komponist Arvo Pärt im Jahre 2005. Diese Aussage ist ebenso einfach wie ich auch exzellent: Es braucht kein Meer an Tönen, denn entscheidend ist der Klang. Dass so mancher Vintage-Synthesizer der 70er und 80er Jahre teils unerreicht hochwertige Klänge liefert, steht außer Frage. Doch tatsächlich leben wir “heute” in einer nahezu perfekten Zeit. Einerseits hat man – mehr oder weniger – noch Zugriff auf die Vintage Analogen, andererseits wird auch bei Neugeräten die wichtige Komponente des hochwertigen Klanges wieder zunehmend berücksichtigt. Doepfer, Cwejman, Synthesizers.com, MacBeth, Moog, GRP, Studio Electronics, COTK, John Bowen und andere Hersteller bauen hervorragende Synthesizer, die den “Klassikern” in nichts nachstehen. All diesen (alten wie neuen) “großartigen” Instrumenten ist Great Synthesizers gewidmet. _________________________________________________________ In 2005 composer Arvo Pärt said: “Playing one tone really well is enough”. In other words, it is sufficient to play one tone 'beautifully'. I agree with that. All musical efforts are focused on the sound itself. Although I studied classical music (piano and drums), it’s the electronic sound that inspires me. Synthesizers are the epitome of new sounds and exciting tonal spheres. Today, many companies produce high-quality - excellent! - synthesizers: Doepfer, Cwejman, MacBeth, Moog, GRP, Synthesizers.com, COTK, Studio Electronics, John Bowen and others. It's their products I'm really interested in ... apart from Vintage Synthesizers, which I have been collecting for 20 years. Subsequent to our former websites Bluesynths and Blogasys, Peter Mahr and I have now created GreatSynthesizers. We hope you like it.

11 Kommentare

  1. Pingback: Roland Jupiter-8 - der Meister des Synthie-Pops - GreatSynthesizers

  2. Martin Krahe

    Ein wunderbarer, weil kompetent geschriebener, umfassender und kritischer Testbericht! Vielen Dank dafür!
    Der Jupiter X ist, wenn ich richtig gezählt habe, (nach JP8000, System-8 und JP-08) Rolands VIERTER Versuch, an die glorreiche Roland-Jupiter Tradition aus den 80er Jahren anzuknüpfen. Ein mithin nur teilweise geglückter Versuch (wie auch schon die anderen Epigonen), wie mir scheint. Mich würde interessieren, wie Du, lieber Theo, die Soundqualität der neuen Engine einschätzt gegenüber der des System-8, vom Standpunkt der Emulation des Jupiter 8 aus gesehen. Mir scheint, dass es hier einen leichten Rückschritt gegeben hat…

    • Theo Bloderer

      … ja, insgesamt ein (überraschender) Rückschritt, wenn man so will. Die „neue“ Engine ist in keinster Weise neu, im Gegenteil, die wunderbare SuperNatural Synthese wurde nicht weitergeführt, sehr schade. System-8 traue ich mir keinen Vergleich zu (das Instrument ist nicht mehr im Studio), aber die schönere Hardware ist beim Jupiter-X natürlich schon erfreulich. Insgesamt jedoch ein etwas enttäuschendes Ergebnis, der „neue“ Jupiter …

  3. Von mir gibts auch Applaus , nicht zuletzt weil das Thema für mich nach wie vor relevant ist. Ein Roland fehlt noch im Portfolio. In den echten Roländern der Neuzeit sehe ich aktuell keinen heißen Kandidaten. Der Jupiter X suggeriert äußerlich ein Versprechen, das er in seinem Innenraum nicht halten kann. Das ist umso überraschender, als dass Roland z.B. im JD-XA wieder echte Analogtechnik am Start hatte.

    Insofern treibt mich eher die Frage ob ich mir einen Vintage Juno 106, den ich klanglich dem Juno 60 vorziehe anschaffen soll, oder ob es ein Deepmind 12 werden soll, den ich irgendwo zwischen den Juno’s und dem Jupiter verorte.

    Deinen Artikel Theo sehe ich nicht ausschliesslich spezifisch für Roland als Richtung weisend, sondern als einen symptomatischen Snapshot den gesamten Synthesizermarkt betreffend.

    Behringer setzt aktuell auf Clone aus der Vergangenheit, Yamaha auf stark verbessertes FM plus AWM, Sequential, Korg und Novation auf hybrides Design und Innovation, Waldorf auf deren Wavetables und zusätzliche Synthesemodelle, Nord auf Virtuelles in Verbindung mit Samples, Elektron verfolgt den Grooveboxaspekt um nur ein paar Brands und deren Ausrichtungen zu nennen.

    Bei Roland habe ich den Eindruck, dass man ein klares „Bekenntnis“ verschläft und dass das Marketing nur bedingt funktioniert. Sie haben nach wie vor eine Kernkompetenz, den weichen Flächensound, der sich wie kaum ein Anderer in den Mix einfügt.

    Sowohl ein „echter“ aufgepumpter Juno, als auch ein Jupiter könnten aus meiner Sicht den Laden wieder zum Laufen bringen.

    • Theo Bloderer

      … Juno-106 … Deepmind-12 … da würde ich evtl. noch etwas warten und den UDO Audio SUPER 6 mit in Betracht ziehen … Sieht (und klingt) sehr vielversprechend …

  4. Der UDO ist ein guter Tipp, leider auch recht kostspielig. Ich behalte ihn aber auf dem Zettel, das nächste Weihnachtsgeld kommt bestimmt ;-). Vielleicht auch ein gutes Beispiel wie sich Roland die Butter vom Brot nehmen lässt…..

    Mein Geschreibsl oben ist im Nachhinein gelesen etwas konfus. Was ich zum Ausdruck bringen wollte ist, dass nach der „Analogen Renaissance“ der Markt wieder mit einer Vielzahl von teils wirklich guten Geräten massiv geflutet wurde, andererseits die Synths unangemessen scharf kritisiert wurden.

    Ich kann mir vorstellen, dass sich ein Hersteller heute warscheinlich sehr gut überlegt ob er den mit einem Flaggschiffsynth einhergehenden Entwicklungsaufwand betreibt wenn die Marktakzeptanz schwer zu kalkulieren ist. Und eben dies betrifft die Global Player in stärkerm Maße als „kleine Idealisten“ die sich nur ihr eigenes Gehalt zahlen müssen bzw. ihr Hobby auf sehr hohem Niveau betreiben.

  5. Danke für den ausführlichen Bericht. Anstelle des Jupiter-X würde ich den Fantom in Betracht ziehen, der neben der identischen VA- und PCM-Synthese des JX noch V-Piano, SuperNatural und SamplePlayer an Board hat. Dazu kommt eine exzellente Bedienbarkeit über TouchScreen, Sliders und Knobs inkl. separatem Synthesizer-Panel. Die Integration von Klangsynthese-Arten, Controller-Elementen, linearem, Step- und TR-Sequencer ist erst einmal nachzumachen ( ich hatte auch schon einen Kurzweil und Kronos im Studio stehen). Mein Modular und Polyevolver sind voll integriert und werden über Szenen gesteuert. Beim Modular nutze ich den Fantom 7 zudem als FX-Gerät. Die sehr gut spielbare Tastatur mit Anschlagdynamik und Aftertouch runden das positive Bild ab – und relativieren für mich (noch?) bestehende Schwächen im klanglichen Bereich (altbackene PCM-Samples, Klangverhalten des digitalen Filters). Der Fokus von Rolands Zenology-Vermarktung ist zurzeit tatsächlich ziemlich rückwärtsgewandt. Das tatsächliche Innovationspotenzial der SW-Plattform muss sich zuerst noch erweisen.

  6. Komplementär zu Theos Bericht passt m.E. Tim Shoebriges „Thoughts on Jupiter Xm“ auf Youtube, welche sich eingehend mit dem Potential und der Qualität des JX als moderner VA-Synth befassen.

    • Theo Bloderer

      Vielen Dank für den Hinweis zum Fantom. Wird – ebenso wie der Link zu den „Thoughts on Jupiter-Xm“ – im Bericht noch ergänzt. Wunderbar …

  7. KrauTronicA

    Hallo Theo, Hallo Findus,

    Danke für den interessanten Bericht und die wertvolle Anregung bzgl. Vergleich mit dem neuen Fantom. Ich kann Findus in seiner Einschätzung nur zustimmen.

    Beide Geräte enthalten ja die gleiche Roland Synthesizer-Architektur mit Partials, Tones und Parts sowie ihren sehr umfangreichen Möglichkeiten. Es macht deshalb absolut Sinn, sich hier als potentieller Käufer und Nutzer intensive Gedanken über die persönlichen Vorlieben und den geplanten Einsatz zu machen.
    Gerade Klangtüftler sollten sich von einem „workstation-appeal“ des Fantoms nicht abschrecken lassen, sondern sollten hier im Gegenteil durch die sehr durchdachte Umsetzung sogar noch inspiriert werden, das wirkliche Potential der Klangarchitektur zu erforschen.

    Beim Jupiter X ermöglichen die vielen Regler und Fader direkten Zugriff auf viele „primäre“ Parameter eines Partials. Das zusammen mit der (Vintage-)Optik spricht auf den ersten Blick natürlich sofort Synthesizer-Liebhaber an, die viel selber an Klängen schrauben. Aber: es sind eben keine Encoder, und damit gibt’s beim Wechsel auf ein anderes Partial (oder auch zwischen den Hüllkurven und LFO1/2) immer Parametersprünge bzw. die Reaktionszeit bei „Abholung“ des Parameters. Wie aber schon in Theo’s Bericht erwähnt, können viele wichtige Zusatzfunktionen nur über das kleine Display angesprochen werden. Das birgt m.E. die „Gefahr“, daß viele wertvolle Möglichkeiten ungenutzt bleiben.

    Das spezielle „Synthesizer“-Panel beim Fantom hat zwar eine geringe Anzahl von Reglern und nur Potis für Filter und Hüllkurven (das Handbuch enthält keinen Hinweis ob hier eine Umschaltung „direct/catch“ möglich ist). Per „Parameter“-Taste kommt man allerdings direkt auf die jeweils zugehörige Seite auf dem großen Touch-Display und kann dort mit den 6 Encodern (!) direkt unter dem Display arbeiten. Die Umschaltung zwischen den einzelnen Funktionen (z.B. Oszillatoren, Filter, LFOs etc.) auf dem Display ist ebenfalls recht komfortabel gelöst. Weiter werden in der alternativen Listenansicht die Parameter aller 4 Partials gleichzeitig dargestellt und können dabei für jedes Partial mit einem eigenen Encoder verändert werden (also z.B. Oszillator–Detune für die Einstellung von Schwebungen). Vor allem Zusatzfunktionen sind wesentlich transparenter und laden so zu weiteren Klangverfeinerungen ein. Den Fantom daher als „Synthesizer-Workstation“ zu bezeichnen ist somit durchaus gerechtfertigt.

  8. KrauTronicA

    Einige Bemerkungen zur Roland Synthesearchitektur und Verzerrungen.
    Grundidee ist dort das „Partial“ mit (nur) einem Oszillator, Filter und Verstärker. Mehrere Partials werden dann in einem „Tone“ zusammengefügt. Dieser Ansatz ermöglicht einerseits schon eine wesentlich vielfältigere Klangzusammensetzung, da jeder Einzeloszillator mit eigenem Filter, Hüllkurven und LFOs bearbeitet wird.
    Andererseits gehen dadurch genau die Sättigungs- und Verzerrungseffekte verloren, wenn mehrere Oszillatoren bereits vor den Filtern zusammengemischt werden und diese selbst in die Übersteuerung gehen wie das in den klassischen Analogsynthesizern erfolgen kann. Deshalb wäre es hier wünschenswert, wenn Roland auch bei den Effekten (also nach Zusammenführung der Partials zu einem Tone) Filtertypen mit entsprechenden Charakteristiken inklusive VCA-Funktion anbieten würde.
    Aktuell gibt es nur das „Super-Filter“ und ein Multimode-Filter, deren Verhalten aber eben nicht vom Pegel des Eingangssignals abhängt. Durch eine Effektkette mit vorgeschaltetem Overdrive oder Distortion läßt sich dieses spezielle Filterverhalten auch nur teilweise nachbilden. Am Filtereingang liegen so zwar bereits verzerrte Signale mit zusätzlichen Harmonischen an, das Filter selbst kann aber nach wie vor „sauber“ arbeiten.
    Das neue Analogfilter im Fantom ist gemäß Signalflußdiagramm ebenfalls so aufgebaut. Nur LPF3 des Analogfilters verhält sich etwas anders und scheint vom Höreindruck her vom JD-XA übernommen worden zu sein. LPF3 (analog) reagiert bei höheren Eingangspegeln je nach Resonanz teilweise recht giftig und kippt dann gerne auch mal in „moduliertes Rauschen“. An dieser Stelle bewußt keine Wertung „gut / schlecht“; sondern nur als Hinweis für Interessierte.

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