Kawai S-100F / Teisco S-100F – eine „Terra Incognita“?

Kaum zu glauben: Noch heute scheint es monophone Analog-Synthesizer der späten 70er-Jahre (!) zu geben, die an der öffentlichen Wahrnehmung praktisch fast spurlos vorübergezogen sind. So auch der Kawai / Teisco Synthesizer-100F. Wie versprengte Exponate eines geheim gehaltenen Experiments geistern einzelne Modelle des S-100F durch den Gebrauchtmarkt. Und das zu niedrigen Preisen, die dem fantastischen Klang des flexiblen Instruments auch nicht annähernd ebenbürtig sind.

Zugegeben: Diese „Terra Incognita“ – das zu erforschende Gebiet bzw. die zu entdeckende Synthesizer-Masse – ist sehr klein. Und natürlich ist der Synthesizer-100F nicht „gänzlich“ unbekannt. Dennoch scheint seine Entdeckung keineswegs abgeschlossen, ganz im Gegenteil: Die verfügbaren Informationen zum S-100F gehen (fast) gegen Null. Im WordWideWeb sind nur vereinzelte S-100F Fakten zu finden und so manche Hinweise führen wiederum zu längst stillgelegten (oder gelöschten) Seiten.

Auch in den Fachbüchern sieht es nur unwesentlich besser aus. Peter Forrest („The A-Z Of Analogue Synthesisers“) hat es immerhin zu einem kleinen Eintrag des Teisco S-100F geschafft, doch Julian Colbeck („Keyfax“) schweigt sich gänzlich aus … und in der deutschsprachigen Literatur herrscht ohnehin absolute Stille. Wenige Artikel wurden geschrieben und wenige Dokumente veröffentlicht. Sogar in den Produktkatalogen von Kawai/Teisco scheint das Instrument nicht auf. Teisco S-60F und S-110F: Ja. Teisco S-100P (Preset-Synthesizer): Ja. Doch Teisco S-100F: Fehlanzeige.

Dennoch – der S-100F ist keineswegs eine ultra-rare Rarität. Im Gegenteil, er ist am Gebrauchtmarkt immer wieder zu finden, wobei der Kawai S-100F etwas häufiger in Erscheinung tritt als der baugleiche Teisco S-100F.

Synthesizer-100F … aus welcher Zeit?

Ein (kleines) Königreich für diese Information. Aus welchem Jahr stammt der Synthesizer-100F? Peter Forrest spricht von den „early 80s“. Möglich. In den Katalogen jener Zeit ist der S-100F jedoch nicht zu finden. Vintage Synths spricht von 1977, Polynominal von 1976. Beides möglich. Die Hardware – teils im Stile der frühen Roland-Instrumente – würde jedenfalls dafür sprechen. Doch ganz Konkretes gibt es nicht. Weder das seltene Teisco Synthesizer-100F „Owner’s Manual“ noch der im Internet anzutreffende Schaltplan des S-100F geben einen Einblick zum Herstellungsjahr des Instruments.

Einigen wir uns daher auf die „späten 70er-Jahre“ und gratulieren dem S-100F – wenn auch etwas vage – nachträglich zu seinem 40. Geburtstag!

Aufbau des Synthesizer-100F

Simplizität und Genialität liegen oft eng beisammen. Wie auch beim S-100F. So einfach das Instrument aufgebaut ist, so hervorragend ist sein musikalischer Output.

Der S-100F verfügt über:

  • 1 VCO (Wellenformen: Sägezahn, Rechteck, Noise)
  • 1 LP VCF (VC 24db LowPass mit Resonanz)
  • 1 HP VCF (nur manuell justierbar)
  • 1 VCA (mit Gain Regler = HOLD)
  • 2 AD/AR (für VCF/VCA/VCO)
  • 1 LFO (0.03 – 50 Hz)
  • Portamento

So weit die nur im bescheidenen Maße beeindruckenden Daten des S-100F. Das Keyboard ist mit 3 Oktaven „gerade“ noch ausreichend groß und Performance-Hilfen à la Pitch-Bender oder Mod-Wheel sucht man vergebens (wenngleich es – Stichwort Legato-Portamento – einen exzellenten Ersatz dafür gibt). Und dennoch – ein Kawai / Teisco S-100F spielt, was Flexibilität und Klangausdruck betrifft, jeden hoch gelobten Roland SH-1/SH-2/SH-09 und so manchen Moog- und ARP-Synthesizer in Grund in Boden, ohne Mühe.

Hüllkurven – Tempo ist alles

Die Hüllkurven des S-100F erinnern mit ihren „Presets“ stark an diverse Korg Synthesizer (800DV, PS-Serie). Obwohl nur Attack und Decay/Release zu regeln sind, wird über diese „Presets“ für alle musikalischen Anwendung Sorge getragen. KYBD Trigger und Auto-Trigger durch den LFO ist ebenso möglich wie – wir kommen später darauf zu sprechen – eine externe Triggerung der Hüllkurven. Das Bemerkenswerte der S-100F Hüllkurven ist die extrem (!) schnelle Attack-Zeit. Selten, dass perkussive Sounds derart „auf den Punkt“ kommen wie beim S-100F.

Mit den ENVs im Zusammenhang steht – wenn auch indirekt – Portamento. Während bei Mode A einfach das Gleiten als solches aktiviert wird, ist es – Mode B – nur bei Legato-Spielweise im Einsatz. Hier werden die Hüllkurven nur zu Beginn des Legato ausgelöst, dann nicht mehr, sprich: Je länger das Legato-Solo dauert, desto mehr verschwindet der Klang. Mode C ist ähnlich, doch werden hier trotz Legato die Hüllkurven stets neu getriggert, womit das Solo-Spiel nicht an Kraft verliert.

Portamento bei Legato-Spielweise (Mode B und C) ermöglicht übrigens sehr authentische Pitch-Bend-Simulationen – einfach zwei Töne verbinden und der Pitch-Bend-Effekt tritt in Kraft. Wieder ein kleiner Hinweis, wie durchdacht der kleine S-100F ist.

Oszillator – Frequenzumfang ist alles

7 Stufen hat der VCO-Schalter – LOW  und 64′ bis 2′. Exzellent, denn der abgedeckte Frequenzumfang ist enorm! Die Modulation des Oszillators erfolgt über ENV I / ENV II, LFO oder DELAY VIB. Letzteres ist wiederum der zuvor genannte LFO, jedoch mit fest eingestellter Dreieck-Welle und – nomen est omen – Verzögerungszeit (Delay). Etwas schade: PWM ist nicht vorgesehen, die Rechteckwelle statt dessen starr vorgegeben.

Vier Dinge zeichnen den VCO jedoch aus: Sein voluminöser Klang (… „ein“ kräftiger Oszillator ist musikalisch in vielen Fällen ausreichend). Weiters der LOW Modus, in dem der VCO zum zweiten LFO – sogar zum spannungsgesteuerten LFO (!) – mutiert. Drittens seine Direktschaltung zur Filterfrequenz (VCO-zu-VCF Modulation). Und viertens der unscheinbare TUNE Regler …

TUNE bewirkt in den Fußlagen 64′ bis 2′, dass der Oszillator um ca. +/- 7 Halbtöne angepasst werden kann (womit der Regler auch als Pitchbend-Ersatz verwendet werden darf, mit etwas Übung). Im LOW Modus fährt TUNE allerdings durch das gesamte (!) Frequenz-Spektrum, von 0,03 Hz bis in den hohen Audio-Bereich. Ein Feature, das vom ARP 2600 bzw. ARP Odyssey her bekannt sein dürfte. Zugegeben, der Regelbereich ist hier etwas kurz (nur wenige Zentimeter für ein paar tausend Hertz), aber immerhin „gibt“ es die Möglichkeit des stufenlosen Frequenz-Gleitens von Sub-Audio bis (hochfrequentes) Audio.

Filter – Dynamik ist alles

Das Instrument bietet ein kräftiges 24dB LowPass VCF mit fantastischer (!) Resonanz. Die Klangfärbung des VCF ist sehr effektiv und erreicht je nach Frequenz-Einstellung eine hohe Bandbreite an Dynamik. Bei maximalen PEAK Werten (und minimalen CUT OFF Werten) tritt das VCF in Selbst-Oszillation und eignet sich – vor allem im Zusammenhang mit den ultra-schnellen Hüllkurven – ausgezeichnet für Electro-Percussion-Klänge aller Art.

Die VCF Modulation erfolgt entweder über ENV I, den LFO (bis 50 Hz, zur Erinnerung), den VCO (Sägezahn oder Rechteck mit unterschiedlichen klanglichen Ergebnissen) oder einem externen EXP Pedal. Leider hier nur „wahlweise“, womit eine gleichzeitige VCO-Modulation und externe Modulation nicht vorgesehen ist*. Allerdings bietet das weiter unten angeführte Kenton-CV/Gate Kit auch eine FILTER CV Buchse, womit die externe Modulation – zusätzlich zur VCO-Modulation – doch wieder möglich ist. Mehr dazu später.

[* Ist EXP PEDAL CV in der VCF Abteilung nicht aktiviert, geht die Pedal-Spannung automatisch auf den VCA, sprich: Volumen-Regelung. Eine praktische Doppel-Belegung der Funktion.]

Anschlüsse

Dieser spezielle Punkt mag nicht unwesentlich zur unerklärlich geringen Popularität des S-100F beigetragen haben, bzw. noch heute beitragen. Denn die Anschlüsse des Synthesizer-100F sind etwas seltsam gewählt. Es gibt zwei Bereiche:

AUDIO:

  • Audio IN (nur „wahlweise“ zum Oszillator – nicht mit diesem mischbar)
  • Audio OUT (High / Low, somit also zwei Audio-Kanäle gleichzeitig nutzbar)

SYNTHESIZER CONTROL VOLTAGE:

  • IN (Zuführung eines kombinierten CV/Gate Signals)
  • UPPER OUT (zur Verbindung mit einem weiteren S-100F)
  • LOWER OUT (zur Verbindung mit einem weiteren S-100F)

Mit IN und OUT lässt sich in diesem Fall ein zweiter (oder ein dritter, ein vierter …) S-100F parallel ansteuern, entweder für gelayerte Sounds (monophon) über die UPPER OUT Buchse, oder für zweistimmige Spielweise (duophon) über die LOWER OUT Buchse. Master S-100F OUT > Slave S-100F IN – ein Kabel genügt (es funktioniert hervorragend), beide Instrumente spielen parallel.

Über die eben genannte IN Buchse wird auch eine externe CV-Kontrolle des S-100F ermöglicht – zumindest im Ansatz. Beispiel: Mit einem Doepfer A-155 Sequencer angesteuert (über Spur 2 mit „frei“ einstellbarem Scaling), lassen sich Oktav-Sprünge und kleine Sequencen recht gut einstellen. Dabei werden über die IN Buchse sowohl CV-Werte als auch eine Art von GATE-Wert übermittel, die CV-Werte allerdings invertiert (sehr interessant) und GATE eher im Sinne von HOLD, denn der Ton bleibt zwar bestehen, die Hüllkurven werden nicht explizit neu angetriggert.

Das SYNTHESIZER CONTROL VOLTAGE Interface kann also durchaus als Not-Lösung für simple Tonhöhen-Modulationen betrachtet werden. Eine vollwertige Ansteuerung des S-100F ergibt sich daraus jedoch nicht.

Kenton CV/GATE/FILTER CV Interface

Hier kommt das zuvor genannte Kenton Interface ins Spiel. Es ist bei aktuell 84 GBP (ca. 95 Euro) plus Versand und nötigem Einbau nicht ganz günstig, doch sicherlich angemessen im Preis. Schließlich ermöglicht es die korrekte Einbindung des Kawai / Teisco S-100F in ein modernes Studio bzw. in die moderne modulare Umgebung mit 1 Volt/Oktave Standard-Steuerung.

Kawai S-100F / Teisco S-100F Synthesizer

Das Kit kommt mit 3 kleinen Buchsen (3,5 mm), einem Schalter (der zur externen Steuerung in der richtigen Stellung sein muss, Anmerkung), einer kleinen Platine und dem nötigen Schaltplan für den Einbau.

Wer die – bei Kenton üblichen – Mini-Klinkenbuchsen als unpassend empfindet, kann sie auch durch große Buchsen ersetzen. Hier gibt es nun – wie so oft im Leben – Argumente auf beiden Seiten. Kentons MIDI-CV Interfaces (Pro-2000, etc.) haben besagte Mini-Klinken-Ausgänge, womit die Sache der MIDI-Einbindung und der einheitlichen Verwendung von kleinen Patchkabeln auch bei den Interfaces Rechnung getragen wird. Zudem entspricht 3,5 mm dem Eurorack-Standard und ist in dieser Hinsicht quasi die ideale Größe für viele moderne Studios mit Modularsystemen.

Wer hingegen das Interface „optisch“ dem S-100F anpassen möchte, entscheidet sich für große Klinkenbuchsen. Dies führt noch zu einem schlauen Neben-Gedanken: Die ohnehin nur eingeschränkt nützlichen „Interface“ Buchsen des S-100F lassen sich intern abtrennen und als Eingänge für das Kenton Kit benutzen. So bleibt der S-100F äußerlich nahezu unverändert – und verfügt dennoch über korrekte 1V/Oktave CV/Gate-Eingänge samt Filter-CV Buchse.

S-100F – Klangcharakter eines ARP 2600?

Wir nicken reumütig … ja, der Vergleich wird – rund um den Globus – überstrapaziert, auch von uns. ARP 2600 hier und Minimoog dort, es scheint nur diese beiden Instrumente zu geben. Der Korg MS-20 wird leidenschaftlich gerne als „poor man’s ARP 2600“ bezeichnet. Das mag richtig sein, in konzeptioneller Hinsicht. Nicht in musikalischer Hinsicht (dazu fehlt dem MS-20 – trotz seiner vielen Pluspunkte – klanglich etwas der nötige Biss). Umgekehrt verhält es sich beim Kawai / Teisco S-100F: Konzeptionell weit vom ARP 2600 entfernt, ist das Instrument im musikalischen Ausdruck dem legendären Semi-Modular-Synthesizer aus den USA sehr (!) nahe.

Das bedeutet …? Trockene, ultra-tiefe Bässe sind beim S-100F vom Feinsten, auch in Verbindung mit dem scharfen „Zapp!“ der ultra-schnellen Hüllkurve. Effekt-Klänge kommen in unzähligen, unerhörten Varianten. Hier heißt es „ein paar Mal um die Ecke denken“. Oszillator-auf-Filter, so weit so gut. Hohe Filter-Resonanz nicht vergessen, für die – einem Ring-Modulator nicht unähnlichen – experimentellen Klangfarben. Nun den VCO seinerseits durch ENV I oder ENV II modulieren, gleichzeitig die VCF-Frequenz durch eine externe Steuerspannung (Kenton’s Interface lässt grüßen) weiter drastisch verändern. Krass und frech, der S-100F.

Schnell den VCO nach LOW schalten und mit dem grandiosen TUNE Regler von Sub-Audio bis 4000 Hertz (oder mehr) stufenlos hochfahren, dabei die damit verbundenen imposant-drastischen VCF-Modulationen genießen (wir hatten ja VCO-zu-VCF Modulation aktiviert). Der S-100F klingt … unglaublich!

Wenige Handgriffe – vier, fünf Regler bewegen – und man ist wieder in „normalen“ Gefilden. ENV Preset auswählen, VCF-Hüllkurven-Attack erhöhen und einen sanften oder kräftigen Solo-Sound zum Besten geben (mit einem Hauch Vibrato-LFO) – und das in Sekundenschnelle. Dann ENV Preset nochmals anpassen, Attack und Decay/Release auf „ganz kurz“, VCO von Sägezahn auf Rechteck ändern, 64′ einstellen und mit einem ultra-tiefen Bass wieder zum Ausgang der kleinen Übung zurückkehren.

Natürlich hat der S-100F seine konzeptionellen Grenzen. Nur „ein“ Oszillator, nur „ein“ LFO, abgespeckte Hüllkurven, keine PWM. Und man beachte seine Größe! Fast ein Winzling! Bei knapp 55 cm Breite, einem Gewicht von 6,7 kg und 6 Watt Stromverbrauch fällt der Synthesizer in die Kategorie „pubertierender Frechdachs“. Doch das ist er auch. Akustisch aufmüpfig, heftig, vorlaut und nie langweilig. Gerne schrill und außer Kontrolle, zuweilen auch unerklärlich mystisch und subtil.

Der S-100F Sound ist immer „präsent“ – eine zweite, sehr wichtige Parallele zum ARP 2600. Sein Klang sitzt ganz vorne am Lautsprecher, versteckt sich nicht, schwächt nicht ab, stürmt von einer akustischen Ekstase zur nächsten. Sofern der Musiker es will, das ist klar.

In Anbetracht dieser beiden Punkte – enorme klangliche Flexibilität und überzeugende Präsenz der Sounds – ist das Phänomen der „Terra Incognita“ rund um den Synthesizer-100F schwer nachvollziehbar. Mag sein, dass die Namen „Kawai“ und „Teisco“ hinderlich waren (und noch immer hinderlich sind) am Weg zu Ruhm und Ehren. Wäre da „Roland“ zu lesen oder „Moog“ – die Geschichte wäre eine ganz andere.

Mag auch sein, dass die fehlende optimale CV/Gate-Einbindung Musiker abgeschreckt hat und es noch immer tut (… nun, heute lässt sich das Manko recht mühelos beheben). Und es mag auch sein, dass das unspektakuläre Äußere dem S-100F noch immer zu wenig „Publicity“ beschert. Es ist eben ein kleiner Synthesizer, nicht besonders „hipp“, mit mehr oder weniger identischen Reglern, etwas langweilig in seiner Optik, ohne Pitch-Bender/ModWheel und ohne Arpeggiator/Sequencer. Welcher Hahn kräht danach? Who cares?

Kawai S-100F / Teisco S-100F Synthesizer

Aus heutiger Sicht kann sich die mangelnde Präsenz natürlich fast wieder zu einem Pluspunkt wandeln. Welch Freude, wenn man im unscheinbar wirkenden Kawai S-100F / Teisco S-100F eine wahre Goldgrube entdeckt! Eine Goldgrube, bei der beste Audio-Werte, klangliche Flexibilität und ein grundehrlicher, druckvoller Analog-Sound an oberster Stelle der Charakter-Eigenschaften stehen.

„Gut, ein ARP Odyssey kann das alles ebenso (und noch mehr) …“ werden sich aufmerksame Leser nun denken. Stimmt. Doch leider ist ARP bei einem Großteil seiner Instrumente ein entscheidender Fehler in der Produktion unterlaufen (und das über viele, viele Jahre hinweg): Die Verwendung von mittelmäßiger Hardware.

Während also das Spielen und Bedienen eines originalen ARP Odyssey – von modernen Odyssey-Clones mit Micro-Analog-Bauweise wollen wir betreffend veränderter Klang-Qualität gar nicht sprechen – nun, während das Spielen eines originalen ARP Odyssey in der Musikpraxis zuweilen eher freudlos über die Bühne gehen mag (meist wegen hakeliger Fader, zuweilen auch wegen der harten, klapprigen Tastatur), ist das Spielen am Kawai S-100F / Teisco S-100F fast immer von großem Genuss begleitet.

Die Fader des S-100F – hervorragende Qualität – fühlen sich exzellent an und die Tastatur ist in der Regel weich, ohne klapprige Nebengeräusche. Einziger echter Schwachpunkt der S-100F Hardware: Das „Fake Wood“ – jenes bei japanischen Synthesizern leider häufig anzutreffende Billigholz-Laminat-Gehäuse. Damit muss man leben.

Gebrauchtmarkt

Schlaue Elektronik-Puristen greifen zu. Die knapp 1000 Euro, die für einen S-100F verlangt werden, spotten jeder musikalischen Realität – Instrumente „dieser“ klanglichen Qualität sucht man lange (und meist vergebens). Tatsache ist: Während ein Kawai S-100F / Teisco S-100F immer noch regulär in Preisregionen zwischen 800 und 1000 Euro angeboten wird, sollte sein Preis in Anbetracht der künstlerischen Möglichkeiten wie auch des überdurchschnittlich guten Klanges zumindest bei 1500 Euro liegen.

Falls die Frage auftauchen sollte: Teisco S-60F und S-110F sind – im Vergleich – von gänzlich anderer, künstlerisch „durchschnittlicherer“, Qualität.

Der Klang von S-60F / S-110F ist sicherlich gut, jedoch Mainstream. Ihr Konzept ist sicherlich „Ok“, doch ohne musikalisch herausragende Besonderheiten. Die Gummi-Pads (Bender/Modulation) gestalten sich in der Praxis als gewöhnungsbedürftig, die extra LEDs und LED-Ketten sind nur optisches „Gimmick“ und selbst die Filterbank des S-110F ist klanglich relativ unergiebig. CV/Gate Eingänge sind zwar vorhanden, jedoch „kein“ Pedal / Filter CV Eingang, und auch eine VCO-zu-VCF FM Möglichkeit sucht man vergebens.

Zurück zum S-100F. Zu den genannten aktuellen 800 bis 1000 Euro kommt eventuell noch eine allfällig notwendige Kenton-Nachrüstung hinzu, wobei – Stichwort Kenton-Kit mit Einbau durch einen Fachmann – mit weiteren 150 bis 200 Euro zu rechnen sei. Doch auch die nun (im Geiste) errechneten 1000 bis 1200 Euro Gesamtkosten sind definitiv „günstig“. Ein Roland SH-1 oder ein Moog Prodigy Synthesizer liegt preislich gleichauf – es sind nur zwei Beispiele von vielen, die man nennen könnte – und diese wie auch fast alle Konkurrenz-Kandidaten sind klanglich deutlich (!) weniger flexibel als ein S-100F.

So sei – nur ein kleiner Tipp – jedem Analogsynth-Enthusiasten mit Interesse an „deutlich mehr“ Klangvielfalt als Brot- und Butter-Sounds, sowie jedem Musik-Elektroniker mit Neigungen zum Experimentellen dazu geraten, die Augen nach einem Synthesizer-100F offen zu halten.

Fazit

Der Kawai / Teisco Synthesizer-100F ist nach wie vor ein Geheimtipp unter den analogen Klassikern. Dieser subtil wirkende, aber grandios klingende Experimental-Synthesizer ist am Gebrauchtmarkt noch regelmäßig zu finden – und das zu humanen Preisen. Sein harmloses Äußeres, seine geringe Größe und seine etwas sparsame Bauweise verführen zur Annahme, dies sei ein Instrument von minderer Bedeutung.

Weit gefehlt. Klanglich in einigen Aspekten an den grandiosen ARP 2600 heranreichend, überzeugt der S-100F mit ultra-trockenen Bässen, zackigen Hüllkurven, extremen Audio-Lagen, schönen Modulationsmöglichkeiten, exzellenten Effekt-Sounds und vielem mehr.

Als einer der letzten weißen Flecken auf der „Terra Incognita“-Karte der Synthesizer-Geschichte verfügen Kawai S-100F / Teisco S-100F bisher über keinen nennenswerten Kult-Status und über eher geringe Popularität. Doch das dürfte sich – eines Tages – noch ändern.


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30 Minuten Klangbeispiele sind angefügt. Zu hören ist ausschließlich der Kawai/Teisco S-100F  – mit zwei Ausnahmen. In „Mix 1“ liefert der Studiologic Sledge die charmanten Klangteppiche. Und in „Mix 2“ (mit einer Vielzahl an Synthesizern) sind sowohl das kratzende Roland TR-808 Volume-Poti (wir entschuldigen) als auch das Klavier-Solo von Wolfi H. die beiden akustischen Höhepunkte … neben jener verrotteten Basslinie im Beinahe-Sub-Audio-Bereich des S-100F.

Kategorie 2020, Main Feature, Testberichte

“Es genügt, einen Ton schön zu spielen” sagte der Komponist Arvo Pärt im Jahre 2005. Diese Aussage ist ebenso einfach wie ich auch exzellent: Es braucht kein Meer an Tönen, denn entscheidend ist der Klang. Dass so mancher Vintage-Synthesizer der 70er und 80er Jahre teils unerreicht hochwertige Klänge liefert, steht außer Frage. Doch tatsächlich leben wir “heute” in einer nahezu perfekten Zeit. Einerseits hat man – mehr oder weniger – noch Zugriff auf die Vintage Analogen, andererseits wird auch bei Neugeräten die wichtige Komponente des hochwertigen Klanges wieder zunehmend berücksichtigt. Doepfer, Cwejman, Synthesizers.com, MacBeth, Moog, GRP, Studio Electronics, COTK, John Bowen und andere Hersteller bauen hervorragende Synthesizer, die den “Klassikern” in nichts nachstehen. All diesen (alten wie neuen) “großartigen” Instrumenten ist Great Synthesizers gewidmet. _________________________________________________________ In 2005 composer Arvo Pärt said: “Playing one tone really well is enough”. In other words, it is sufficient to play one tone 'beautifully'. I agree with that. All musical efforts are focused on the sound itself. Although I studied classical music (piano and drums), it’s the electronic sound that inspires me. Synthesizers are the epitome of new sounds and exciting tonal spheres. Today, many companies produce high-quality - excellent! - synthesizers: Doepfer, Cwejman, MacBeth, Moog, GRP, Synthesizers.com, COTK, Studio Electronics, John Bowen and others. It's their products I'm really interested in ... apart from Vintage Synthesizers, which I have been collecting for 20 years. Subsequent to our former websites Bluesynths and Blogasys, Peter Mahr and I have now created GreatSynthesizers. We hope you like it.

2 Kommentare

  1. Volker Rohde

    Aktuelle Angebote rufen Preise zwischen 800 und über 1000 Euro auf. Als ich vor ca. einem halben Jahr dieses Modell für mich entdeckt habe, sah es ähnlich aus (meine ich, mich zu erinnern). Was wäre denn ein „angemessener“ Gebrauchtpreis für dieses Instrument? Ich finde, es jetzt schon weit entfernt davon, ein Schnäppchen zu sein.

    • Theo Bloderer

      … ja, im Moment liegen die Preise zwischen 800 und sogar 1100 Euro (ich werde sie im Artikel noch etwas nach oben korrigieren).

      Die Einschätzung eines „angemessenen Preises“ erfordert immer einen aufwendigen Vergleich der Features / der Sounds mit anderen Instrumenten. 1000 Euro scheinen mir – eine persönliche Einschätzung – ein „fairer“ Preis für einen gut erhaltenen S-100F zu sein … fair für den Verkäufer (der seinerseits vor Jahren wahrscheinlich deutlich weniger bezahlt hat) und ebenso fair für den Käufer, der ein Instrument mit umfangreichen musikalischen Möglichkeiten und mit enorm hoher Klangqualität bekommt. Dass die Preise für Vintage-Synthesizer allgemein sehr hoch sind, steht außer Frage.

      Es gab in den vergangenen Monaten einige „Schnäppchen“, als S-100F (teils mit Kenton Nachrüstung) für 550 bis 650 Euro angeboten wurden, z.B. auf Reverb.com.

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