Sequential Circuits Prophet-5
– Meilenstein und Musiklegende

Der Prophet-5 ist möglicherweise – neben dem Minimoog – DER zeitlose, analoge Great Synthesizer schlechthin. Eine Ikone, sozusagen.

Er legte den wichtigen Grundstein für speicherbare, polyphone Synthesizer. Er prägte den Sound der späten 70er und frühen 80er Jahre wie kaum ein anderes Instrument. Er ist das Produkt einer bemerkenswerten Zusammenarbeit amerikanischer Elektronik-Pioniere. Und er hat seine legendäre Aura bis heute erhalten, mehr noch: Er bekommt nun in Form des Prophet-6 sowie Prophet Rev2 würdige Nachfolger an seine Seite gestellt.

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Natürlich gibt es noch andere polyphone Vintage-Analog-Synthesizer mit großen Namen und großen Klängen. So z.B. Yamaha CS-80, Roland Jupiter-8, Moog Memorymoog, Rhodes Chroma, Oberheim OB-X/Xa/8, Sequential Prophet-T8 oder der etwas glücklose Elka Synthex. Doch entweder litten sie (und leiden noch heute) unter gewissen Mängeln und technischer Unzuverlässigkeit (eine entsprechende Einteilung der Instrumente wird aus Gründen des Respekts unterlassen), oder aber sie kamen nach dem Prophet-5 auf den Markt und konnten so bereits vom technischen Fortschritt profitieren.

Wie dem auch sei – der Prophet-5 war der Erste. Und er ist der Schönste. Und vielleicht auch der Beste.

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1978

passierte viel auf unserem Planeten, ganz speziell in der Elektronik und noch spezieller in der Musikwelt. Atari brachte seinen ersten Computer mit Farbmonitor und vierstimmigem Sound auf den Markt (ein Jahr nach dem Apple II, dem weltweit ersten Personal Computer mit Farbmonitor).

Anni-Frid “Frida” Lyngstad und Benny Andersson, beide Mitglieder der schwedische Popgruppe ABBA, heirateten (sehr, sehr wichtig, schon klar). Neil Diamond und Barbara Streisand’s “You Don’t Bring Me Flowers” wurde in den USA ein Nr. 1 Hit. Stevie Wonder erhielt den 5th American Music Award.

Und … Dave Smith präsentierte – nach nur 8 Monaten Entwicklungszeit – den neuen Prophet-5 Synthesizer der Öffentlichkeit. Das Besondere am Instrument war aus musikalischer Sicht die Mehrstimmigkeit “und” Speicherbarkeit / Abrufbarkeit der Sounds. Aus technischer Sicht war es die Kombination von analoger und digitaler Technik: Rein analoge Klangerzeugung bei digitalem Keyboard-Scanning und ebensolcher Datenspeicherung. Eine Revolution.

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Amerikanischer Team- und Pioniergeist

Es sind vor allem 3 Dinge, die Entwicklung und Werdegang des Prophet-5 charakterisieren. Dinge, die die amerikanische Seele seit jeher ausgezeichnet haben und noch heute auszeichnen: Pioniergeist, Teamfähigkeit und harte Arbeit. All dies wird im Prophet-5 verkörpert.

Dabei sei hervorzuheben, dass viele Personen und Unternehmen am Gelingen des Instruments beteiligt waren. Dave Smith und John Bowen von Sequential sind in aller Munde, sie sind jedoch nur die eine Seite. Auch Barb Fairhurst wäre zu nennen. Unermüdlich im Einsatz, brachte sie es bis zum Vize-Präsidenten im Sequential Unternehmen und blieb bis zu Yamahas Firmen-Übernahme im Jahre 1987.

Dave Rossum (E-MU), Ron Dow und die Firma Solid State Micro Technology (Solid State Music / SSM) sowie Doug Curtis (und sein Unternehmen Curtis Electromusic Specialities / CEM) sind eine andere Seite. Erstere entwickelten die legendären SSM Chips, Letzterer besagte CEM Chips. Ohne diese “kompletten Schaltungskreise auf einem IC” wäre die polyphone Synthesizer-Technik mit Speicherbarkeit kaum umzusetzen gewesen. Ohne SSM und CEM Chips kein Prophet-5, ganz einfach.

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Scott Wedge (und Dave Rossum) schließlich noch, die für E-MU das digitale Keyboard-Scanning entwickelten, das schließlich im Prophet-5 zum Einsatz kam.

Rick Wakeman – britischer Musiker und einer der wohl bekanntesten Rock-Keyboarder – überzeugte Dave Smith, dass das neue Sequential Circuits “Model 1000″ einen richtigen NAMEN benötige. Ein kleiner Ideen-Wettbewerb wurde veranstaltet (fast hätte man sich für The Seer entschieden) und voilà: Der “PROPHET” ward geboren. Wakeman war auch am Entwurf des Prophet-5 Designs beteiligt.

Last but not least sei – wenn auch indirekt – sogar noch Robert Moog zu nennen. Sein Minimoog diente Dave Smith, John Bowen und Rick Wakeman als Muster-Instrument und quasi ideale Vorlage für den Prophet-5. Genau “so” sollte der neue polyphone Synthesizer aussehen: Mit einem klaren Signalfluss, einer übersichtlichen Oberfläche, mit 2 Wheels auf der Seite und eingebettet in ein schönes (Echtholz-) Gehäuse. Einzig das klappbare Panel wurde (wohl aus Gründen der Kosten sowie der Stabilität) vom Minimoog nicht übernommen.

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Doch nicht nur Teamarbeit, Pioniergeist und ausgewogene Optik zeichnen das Instrument aus. Auch klanglich ist der 5-stimmige Prophet legendär. Den keineswegs bescheidenen Angaben von Sequential zufolge, handelte es sich beim Prophet-5 Ende der 70er Jahre um den “worlds leading polyphonic [analog] synthesizer“. Das trifft sicher zu. Früher wie heute.

Man studiere die Liste der Prophet-5 Besitzer in Peter Forrests “The A-Z Of Analogue Synthesizers” (Teil 2, Seite 165, 166). Dem witzigen (aber treffenden) Kommentar von Steve Ridley zufolge wäre es einfacher gewesen, jene Musiker zu nennen, die den Prophet-5 nicht verwendeten, denn jene zu listen, die ihn im Einsatz hatten.

Über viele Jahre hinweg war der “Prophet” (er wurde von Musikern einfach “The Prophet” genannt) Hauptakteur auf allen Bühnen und in allen Studios der Welt. Was 1980 der Fall war, gilt noch immer: Ohne Übertreibung darf der Prophet-5 als einer der Top-5 – wenn nicht gar Top-3 – Analog-Synthesizer betrachtet werden (polyphon analog, um genau zu sein). Ein klanglicher Meilenstein, eine Musiklegende.

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Originelles Marketing

Ein erfolgreiches Produkt ist häufig (auch) das Ergebnis von gutem Marketing. Man kann als Unternehmen betreffend Marketing beispielsweise den klassischen Weg gehen, ein neues Instrument in all seiner technischen Raffinesse präsentieren und so das Interesse der Käufer auf sich ziehen.

Sequential entschied sich für eine andere Schiene: Man verlagerte die Welt des Prophet-5 ins Fiktive. Ob nun ein Messias (mit langem Bart) zu sehen ist, ein Pilot mit Synthesizer statt Flügel (beim Prophet-10 wurde das Instrument gar zum Armaturenbrett, sehr spannend) oder jene Prophet-5 spielende Sphinx: Liebevoll angefertigte Zeichnungen (!) warben für das neue Instrument. John Mattos hieß (heißt) der begnadete Maler und Künstler, der zahlreiche Preise gewonnen hat und noch heute in der Werbeszene aktiv ist.

Mattos’ Bilder sind kleine Meisterwerke der Werbebranche, lusterweckend und innovativ, einzigartig und originell. Oder, um im Jargon des Prophet-5 zu bleiben: Legendär.

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Doch zurück zur Musik. Selbst wenn sich die folgenden Punkte wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen anhören (nun, sie sind es auch), konnte der Sequential Circuits Prophet-5 anno 1978 mit folgenden einzigartigen Features punkten:

  • 5-stimmige Polyphonie (mit 5 gleichwertigen, aber völlig unabhängigen Voiceboards, die Stimmenzuweisung erfolgt über das Keyboard)
    x
  • Jede Stimme verfügte über 2 VCOs, VCF mit ADSR, VCA mit ADSR. Dave Rossum und sein Team rund um Solid State Microtechnologies (SSM) waren – wie schon zuvor erwähnt – an der Entwicklung der Prophet-5 Schaltkreise beteiligt. Die Filter der frühen Propheten basieren auf dem SSM2040 Chip. Diese wurden später durch CEM3320 VCFs ersetzt …
    x
  • Ein Mikrocomputer (Z-80) war für 3 digitale Bereiche des Instruments zuständig:
    – für die Tastatursteuerung und Zuordnung der Stimmen
    – für das Speichern der Sounds (40, später 120 Speicherplätze)
    – für das Kalibrieren der Oszillatoren

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Während der Produktionszeit von 1978 bis 1984 wurden ca. 6000* Instrumente hergestellt, womit der Prophet-5 zu den erfolgreichsten analogen Polyphonen zählt und betreffend Stückzahlen die Konkurrenz (Yamaha CS-80, Roland Jupiter-8, Moog Memorymoog, Oberheim OB-X/Xa/8, Elka Synthex) weit hinter sich lässt.

Wer sich für die genauen Spezifikationen und Unterschiede der frühen Versionen Rev. 1, 2 und der späteren 3.x Serie interessiert, dem sei folgender Link empfohlen:

(*)[Laut Wikipedia. Quellen aus der Fachliteratur – wie etwa Mark Vail / Vintage Synthesizers – sprechen von 7200 oder “ungefähr 8000” Instrumenten (Julian Colbeck / Keyfax Omnibus Edition). Wie dem auch sei: Jede Zahl über 6000 ist absolut erstaunlich. Rev. 3.2 von 1982 hatte Seriennummern ab 2470. Nach dieser Serie folgte die letzte Version 3.3. Somit wurde also zumindest ein großer Teil – fast die Hälfte? – der Prophet-5 Instrumente 1983 bzw. 1984 gebaut. Und damit mit bzw. nach (!) Erscheinen des Yamaha DX7. Überraschend.]

[Nachtrag September 2016: David Abernethy legt die Anzahl der hergestellten Prophet-5 auf 6427 fest. Das letzte Exemplar erhielt Dave Smith …]

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Besondere Merkmale des Prophet-5

  • Poly-Mod(ulationsecke)
  • Flexible Zuordnung der Modulationen auf das (Mod-)Wheel
  • VCO 2 kann im LO Modus als LFO arbeiten (abhängig oder unabhängig von der Tastaturspannung, sehr schön)
  • Globaler, selbständiger Haupt-LFO (Saw, Pulse, Sine)
  • Unisono Modus (10 VCOs, mehr als ausreichend!)
  • Glide Effekt (leider nur in Verbindung mit Unisono verfügbar)
  • Tune Button (automatisches Stimmen aller VCOs)
  • A=440 Hz Button (“elektronische Stimmgabel”)
  • Kassetten Interface (bei späteren Versionen)
  • 40 Programme (bis Rev. 3.2) bzw. 120 Programme (Rev. 3.3)
  • Anschlüsse: Mono Out (!), CV/GATE IN für eine Stimme, CV/GATE OUT, VCF und VCA CV IN, Release Pedal, CASSETTE IN/OUT, Anschluss für Remote Keyboard und MIDI (beides bei sehr späten Versionen)
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Abb.: Dieser Prophet-5 wurde nachträglich mit Kenton-MIDI ausgestattet …

Zum Klang: HIGH FIDELITY – der “polyphone ARP-2600″ (?)

Wenngleich HIFI doch eher dem Bereich der Tontechnik zuzuordnen ist (Qualitätsstandard nach DIN Norm), so scheint mir der Begriff “High Fidelity” (hohe Klangtreue) für den Prophet-5 uneingeschränkt passend zu sein. Sehr wenige Synthesizer haben ein wirklich ausgewogen gutklingendes und bei gleichbleibender Qualität in allen Höhen und Tiefen “stimmiges” Audiospektrum zu bieten. Der Prophet-5 ist eines jener Instrumente. Wie in einem anderen Testbericht bereits erwähnt, trifft dieses seltene Klangverhalten auch auf den ARP-2600 zu.

In punkto Kraft und Klangdichte erinnert der fünfstimmige Prophet daher durchaus an den großartigen Halbmodularen aus Pearlmans Instrumentenschmiede. Man könnte somit den Prophet-5 in bestimmter Hinsicht als “polyphonen ARP-2600″ bezeichnen. Diese Bezeichnung stünde (und steht) natürlich vorrangig und in erster Linie dem Rhodes (ARP) Chroma zu, doch gibt es zwischen Prophet-5 und ARP-2600 eindeutig starke Parallelen im vollmundigen Klangbild bzw. im Audio-Verhalten.

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Abb.: Der rote Knopf ist Teil des MIDI Interfaces und nicht original …

Die hohe Klangdichte und die Kraft des Propheten ist umso bemerkenswerter, als das Instrument nur über einen einzigen Mono-Ausgang verfügt und somit auf spezielle Elemente wie Stereo-Sounds (Double, Layer, bzw. das Verteilen der Stimmen im Panorama) gänzlich verzichten muss. Und dennoch: Trotz des Mono-Signals bläst der Prophet-5 die Konkurrenz ordentlich von der Bühne. (Nun gut, der Memorymoog bleibt wohl stehen und bläst zurück, das sicher.)

Viel Licht: Die klanglichen Stärken

Dichter Klang und ein starkes Audio-Signal quer durch den gesamten Hörbereich ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist (mindestens) ebenso wichtig … und wohl auch etwas kontroversiell zu diskutieren. Nennen wir sie “Lebendiges Klangverhalten”. Böse Zungen würden von einem rasch verstimmten Instrument reden, wenn jede der 5 Stimmen unaufgefordert “ihren eigenen Weg geht”.

Hier viele Schwebungen, im nächsten Ton weniger, dann irgendwo ein Zwischenmaß beider, dann wieder sehr viele Schwebungen, beim nächsten Ton beinahe völliger Einklang der Oszillatoren (einem plötzlichen Sync-Sound nicht unähnlich): So klingt ein “nicht” gestimmter Prophet-5.

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Und das ist schön. Oder auch nicht. Es hängt eben davon ab, “wie” man das Instrument einsetzt …

Wer auf akkurate Professionalität Wert legt, vornehmlich polyphon (im traditionellen Sinn) arbeitet und den Prophet-5 für Akkorde einsetzt, der kommt nicht umhin, die TUNE Funktion des Synthesizers regelmäßig in Anspruch zu nehmen. Dann hält der Prophet seine Stimmung sehr brav für 15 oder 20 Minuten, danach ist erneutes TUNING angesagt. So weit, so gut. Damit kann man leben.

Wer jedoch in besagten Unregelmäßigkeiten einen wesentlichen Teil der Musik erkennt und wer Gefallen daran findet, polyphone Instrumente monophon einzusetzen, der sollte TUNE besser außer Acht lassen. Denn es würde ihm die wohl größte Ästhetik des Prophet-5 vorenthalten: Seine unglaubliche Lebendigkeit. Soli mit frei ausschwingenden Release-Zeiten und individueller Stimmung pro Ton sind wohl mit das Schönste, was die Analogtechnik zu bieten hat. Und hier ist der Prophet-5 unangefochten der große Meister (neben dem Oberheim 4-/8-Voice und ganz speziell Yamahas CS-50/-60/-80, zugegeben).

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In so gut wie allen angefügten Klangbeispielen wurde diese “Lebendigkeit” in den Vordergrund gestellt. Wie schön ist es, wenn jede Stimme ihren eigenen Charakter hat!

[Und wie selten (!) findet man dies bei Analogsynthesizern, da man seit jeher – leider – von Unregelmäßigkeiten Abstand zu nehmen sucht und in der Gleichheit aller Stimmen Professionalität und damit ein gewisses klangliches Ideal sieht].

Doch nicht nur im monophonen Einsatz, auch im polyphonen Spiel sind Verstimmungen – bis zu einem gewissen Grad natürlich – von Reiz. Naturgemäß sind hier die Toleranzen allerdings deutlich geringer als im monophonen Spiel. Sobald Intervalle zueinander nicht mehr passen (die Terz zu klein wird oder die Quinte so gar nicht sauber klingt), reagieren unsere Ohren deutlich sensibler als bei unsauberen Abstufungen innerhalb einer Melodie.

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Daher macht die TUNE Funktion für polyphone Anwendungen natürlich viel Sinn und ist eine klare Lösung des “Problems”, sobald die Verstimmungen das erträgliche Maß übersteigen.

Umgekehrt verleiht die Nicht-Stimmung dem Propheten jedoch etwas zutiefst Menschliches. Solo-Linien klingen – wie schon erwähnt – minimal unsauber (jedoch nicht störend, im Gegenteil), der Prophet “singt” mit all seinen Unregelmäßigkeiten, die ebenso unsere eigene Stimme (Gesang), als auch akustische Musikinstrumente von Natur aus charakterisieren.

Und verstimmte Akkorde bekommen zuweilen völlig neue Qualitäten, sie verleihen so manchem Song Wärme und Natürlichkeit, einfach durch den Charme des (ungestimmten) Prophet-5.

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So gesehen stellt der Prophet-5 eine gelungene Symbiose an technischer Ungenauigkeit (“jede Stimme geht ihren eigenen Weg”) und werksmäßigen Hilfsmitteln (TUNE Funktion) dar, die dem Musiker sowohl die monophone als auch die polyphone Welt nahezu perfekt eröffnen. (Von der geringen Polyphonie nun abgesehen, doch das ist ein anderes Thema.)

Unsere sehr spezielle Medaille hat – neben hochwertigem HIFI Sound und Tune/Detune “Charme” – noch eine dritte Seite: Die Modulationsecke des Prophet-5. Sie ist einmalig und einzigartig im Reich der polyphonen Synthesizer. Zugegeben, auch ein Memorymoog ist “nicht” schlecht bestückt und der bereits zitierte Rhodes Chroma hat äußerst umfassende Modulationsmöglichkeiten (lässt sich jedoch kaum benutzerfreundlich programmieren).

Natürlich sollte hier der Oberheim Xpander bzw. Matrix-12 genannt werden, doch sind diese Instrumente klanglich ein gutes Stück vom Prophet-5 entfernt, so schön die Matrix-Stimmenarchitektur auch sein mag. Einzelne technische Aspekte “alleine” machen eben noch nicht das ganze Instrument!

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Die Poly-Modulationsecke des Prophet ist insofern herausragend, als sie dem so überzeugenden polyphonen Prophet-5, der auch einzigartig monophon zu spielen ist, die Tür zu einer (quasi) modularen Welt ermöglicht. Selbstverständlich ist der Prophet nicht modular, doch die klanglichen Resultate der Poly-Mod Ecke kommen an Sounds heran (oder entsprechen diesen), die man allenfalls mit (Semi-) Modular-Synthesizern zu Wege bringt, hier sogar mehrstimmig (sofern es Sinn macht). Auch in dieser Richtung sind überzeugende (und hoffentlich inspirierende) Klangbeispiele angefügt.

So lässt sich das klangliche Universum des Prophet-5 wie folgt zusammenfassen:

  • Starkes Audio-Signal quer durch den gesamten Hörbereich
    (HIFI Sound)
    x
  • Lebendiges Klangverhalten (Tune / De-Tune)
    x
    Einzigartige Monophonie
    (lebendige Stimmen mit natürlichem Charme)
    Mächtige Polyphonie
    (klanggewaltige Akkorde – gestimmt oder ungestimmt)
    x
  • Außergewöhnliche “Modular” Sounds
    (dank des Poly-Modulations-Bereichs)

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Wem das zu vage und nicht konkret genug ist: Der Prophet-5 erzeugt hervorragende Streicher, Bläser, Leadsounds, Bass-Sounds, Sync-Sounds (vom Feinsten), FX-Klänge. Kurzum: das gesamte Spektrum analoger Klangerzeugung. Par excellence.

Etwas Schatten: Die bescheidene Performance

Fazit der letzten Absätze: Der Prophet-5 spielt klanglich in einer völlig eigenen Liga. Er ist in diesem Punkt unangefochten einer der besten (wenn nicht der beste) vintage polyphone Analogsynthesizer, ganz sicher jedenfalls einer der flexibelsten “mit” allerhöchster Klanggüte.

Was dem Prophet-5 allerdings fehlt ist eine ausgereifte Performance-Sektion. Ein Bereich also, der nicht selten ebenso wesentlicher Bestandteil der musikalischen Kreativität wie der gute Klang selbst ist. Musiker, die die umfassende Controller-Sektion eines Roland- oder Oberheim-Synthesizers gewöhnt sind, werden jene zwei (nach dem Vorbild des Minimoog eingebetteten) Prophet-Wheels als ein etwas mageres Angebot empfinden. Auch das Keyboard ist – wenngleich gut spielbar – weder mit Velocity noch mit Aftertouch ausgerüstet (… das bleibt zu jener Zeit – 1978 – dem Polymoog [Velocity] und vor allem der polyphonen Yamaha CS-Serie exklusiv vorbehalten und kam bei Sequential erst 1983 mit dem Prophet-T8 ins Rennen).

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Wer den flexiblen Arpeggiator eines Jupiter-8, Memorymoog oder (noch besser) OB-8 kennt und/oder den tollen Sequenzer des Elka Synthex als Quelle musikalischer Ideen zu schätzen weiß, der wird am Prophet-5 vergeblich nach ähnlichen, nützlichen Hilfsmitteln suchen. Erst sehr späte Versionen des Prophet ermöglichten den Anschluss eines optionalen Remote-Keyboards bzw. des ebenso optionalen Sequencers.

Der Prophet-5 ist somit – zusammengefasst – performance-technisch sehr mager bestückt. Selbst die so wunderbare Glide-Funktion ist “nur” in Verbindung mit Unisono möglich. (Hinweis: Unsiono – das Schmettern aller 10 VCOs – ist zwar sehr beeindruckend und für manche Lead-Sounds einmalig, doch ist der Klangdruck nicht selten deutlich zu viel. Eine einzelne Stimme – oder gar nur “ein” VCO – ist oftmals für Leadsounds besser geeignet.)

Womit sich an dieser Stelle ein Blick auf den neuen Prophet-6 lohnt. Besagter Nachfolger ist (beinahe!) perfekt mit Performance-Elementen versehen. Sowohl Aftertouch als auch Velocity als auch Arpeggiator und Sequencer sind vorhanden.

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Sogar eine (unscheinbare, aber wichtige) HOLD Funktion ist vertreten, ebenso wie die Möglichkeit der (MIDI-)Synchronisation von LFOs, etc. Ganz davon abgesehen, dass der neue Prophet-6 ein LowPass und ein HighPass VCF hat, dass es mehrere (!) LFOs gibt und darüber hinaus weitere Features gegenüber dem legendären Original hinzugekommen sind – das nur am Rande.

Was allerdings in der Tat sehr (sehr, sehr) erstaunt, ist der Tastenumfang des neuen Prophet-6. Nun hat der Musiker eine Stimme dazubekommen, gleichzeitig wurde ihm eine Oktave am Keyboard geraubt. Hmja ??? Es bleibt ein völliges Rätsel, wieso Hersteller moderne Profi-Synthesizer mit (nur) 4-Oktaven ausstatten.

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Zwar sind umfassende Transpose-Funktionen beim Prophet-6 mit dabei, aber diese kleine Abhilfe ist noch lange nicht einem entsprechend größeren Keyboard gleichzusetzen.

Wenn man eine schmetternde Oktave im Bass spielt und die Solo-Linie der rechten Hand schlichtweg “nicht” genug Luft nach oben hin hat (gerade das Ausreizen von Kontrasten wie “hoch – tief” ist eines der grundlegendsten musikalischen Stilmittel), so liegt es ganz einfach an der zu kleinen Tastatur. Da helfen Transpose-Schalter (meistens) auch nicht weiter, leider. (Natürlich gehört ein gutes Masterkeyboard mit mindestens 6-Oktaven in jedes Studio. So gesehen wäre man mit dem Prophet-6 Rack ebenso gut bedient, wenn man ohnehin auf eine externe Tastatur zurückgreift.)

Einen klaren Fortschritt stellt nun – anno 2017 – der Prophet Rev2 dar …

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Der Rev2 verfügt über 5 Oktaven und 8 – mit Erweiterung sogar über 16 (!) – Stimmen. Betreffend Klang scheiden sich hier die Geister ein wenig. Natürlich ist bei modernen Poly-Analogsynthesizern die Mikro-Bauweise grundsätzlich zu berücksichtigen: MIDI, mehr Stimmen und bessere Zuverlässigkeit auf der einen Seite, jedoch etwas weniger “Leben” und “Klangcharakter” gegenüber dem Original von vor 40 Jahren. Kein Gewinn ohne Verlust. Man hat eben die Wahl …

 

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Abb.: Studio Electronics spezialisierte sich in den 80er und frühen 90er Jahren auf Umbauten. Hier der P-Five … ein originaler Prophet-5 im Rack!

Software als Alternative?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Wer den einmaligen “Charakter” eines Sequential Propeht-5 sucht, wer also ein Klang-Purist ist, der wird sein Ziel mit Software nie erreichen. Doch vielleicht ist man ja etwas bescheidener und will lediglich “polyphone Sounds in Anlehnung an den Propheten” – und dann kommt gute Software natürlich gelegen. Günstiger, handlicher, wartungsfrei. Größere Polyphonie, viele Extras: Der Software-Prophet.

Arturia geht sogar einen extra Schritt weiter und bietet den Prophet V an, der eine Verbindung von Prophet-5 und Propher VS darstellt (quasi: Sequentials erster und letzter Polyphoner in Symbiose vereint). Zwecks experimentellen Klangforschung ist die Idee dahinter natürlich sehr gelungen. Zu entsprechenden Klang-Studien darf auf Arturia und Youtube verwiesen werden.

Darüber hinaus wird das Thema “Software versus Hardware” nicht weiter vertieft. Eine authentische digitale (!) Emulation eines Prophet-5 ist grundsätzlich nicht möglich – schon der Gedanke einer digitalen Nachbildung des analogen Klanges ist ein Widerspruch in sich. Nur das Original bleibt eben das Original.

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Die Gegenwart und Zukunft des Prophet-5

Wie bei allen (polyphonen) Vintage Synthesizern, so wähnt man sich auch beim Prophet-5 möglicherweise vor einer tickenden Zeitbombe. Wie ist es nun mit diesen Chips, welche Bauteile sind unersetzlich, welche nicht, was ist mit MIDI, was, wenn, wie …? Hilfe. Nun, so schlimm ist es beim Prophet-5 nicht. Zugegeben, an die (sehr hohe) Zuverlässigkeit eines Roland Jupiter-8 kommt kein amerikanischer Vintage Synthesizer heran, weder ein Prophet-5, noch ein Rhodes Chroma (der schon gar nicht), noch ein Oberheim OB-X/Xa.

Dennoch spielt der Prophet-5 in einer hohen Liga. Das hier gezeigte Instrument (Rev. 3 nach seiner Seriennummer, allerdings Rev. 3.1 nach seinem technischen Stand – Frage: Waren nicht alle Rev. 3 ohnehin bereits 3.1?) funktioniert seit Jahrzehnten tadellos. Der VCF Regler müsste getauscht werden (die Filter-Frequenz moduliert manchmal unaufgefordert vor sich hin), doch davon abgesehen gibt es keine Mängel. Auch die am Gebrauchtmarkt angebotenen Prophet-5 Modelle scheinen sowohl optisch als auch technisch meist in sehr gutem Zustand zu sein. So dürfte der Prophet zu den wenigen zuverlässigeren amerikanischen Vintage Poly-Synthesizern zählen, wie etwa auch der Oberheim OB-8 .

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Grundsätzlich lässt sich sagen, dass der Prophet mit fortschreitender Revision (Version) stets zuverlässiger wurde (was ja auch recht einleuchtend erscheint). Vom technischen Standpunkt aus gilt es Rev. 1 zu vermeiden – so schön das frühe Koa Holzgehäuse und das riesige Prophet-Logo auf der Rückseite auch sein mögen. Rev. 2 hat ebenso einen technisch “durchwachsenen” Ruf (klanglich überhaupt nicht, nach Meinung vieler Musiker ist dies die best klingendste Prophet-Serie, vor allem dank der geschmeidigen Filter-Resonanz). Ab Rev. 3 – 3.1/3.2/3.3 – wurde die bis dahin verwendeten instabilen SSM Chips durch zuverlässigere CEM Chips verwendet. Ab diesem Zeitpunkt gilt der Prophet-5 als technisch “ziemlich stabil”.

Der hier gezeigte Prophet hat nachträglich Kenton MIDI erhalten sowie einen neuen Power-Schalter. Die Tastatur spielt sich “gut” (exzellent ist dann erst die des Prophet-T8) und ist um vieles besser als die eines Oberheim OB-X/Xa.

Nicht wenige Prophet-5 Modelle verfügen heute zwar über ein etwas verhärtetes und unzuverlässiges Keyboard, dieses kann man aber ohne Probleme aufbessern (neue Bushings und grundsätzliche Reinigung der Tasten). Auch minimale optische Unregelmäßigkeiten (“schiefe Zähne”) lassen sich mit etwas Geduld beheben.

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Die Regler des Prophet-5 sind absolut hochwertig (wenngleich die des Prophet T8 “noch” etwas besser sind), die Tipptaster ebenso. Das Gehäuse aus Vollholz ist eine Augenweide und macht den Prophet-5 nicht nur klanglich, sondern eben auch optisch zum Bruder des Minimoog (und so – neben dem Roland Jupiter-8 – zu einem der schönsten Synthesizer-Designs aller Zeiten).

Da das Innenleben aus Standard CEM-Chips (ab Rev. 3 Modellen) besteht, ist die Ersatzteillage durchaus nicht dramatisch. Es gibt am Gebrauchtmarkt immer noch Angebote für CEM 3340 VCOs und andere Bausteine des Prophet-5. Weise Prophet-Besitzer legen sich wohl einen kleinen Vorrat an entsprechenden Chips zu und blicken so entspannt in die Zukunft. Erstaunlich ist auch, dass besagte Chips sehr (!) selten kaputt gehen. Sie sind definitiv extrem solide gebaut und scheinen fast eine Ewigkeit zu halten. Doug Curtis hat exzellente Arbeit geleistet!

Womit wir beim Stichwort Gebrauchtmarkt sind. Der Prophet-5 hat – wie alle Vintage Synthesizer – eine starke Spekulationsphase nach oben erlebt (und befindet sich noch mitten darin). Aktuelle Angebote beginnen bei 4000 Euro (oder mehr) und führen zur doch berechtigten Frage, ob nicht ein neuer Prophet-6 heute die schlaue Alternative zum überteuerten Original wäre.

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(Im Moment – Stand 10.01.16 – ist gerade ein Prophet-5 Rev. 3.3 mit MIDI in den USA verfügbar. Ab 6699 USD bzw. 6150 Euro …)

Eine Empfehlung (Prophet-5 / Prophet-6 / Prophet Rev2) gibt es an dieser Stelle nicht, doch spricht das Preis/Leistungsverhältnis klar für den Prophet-6 bzw. Prophet Rev.2. Das Manko der etwas bescheideneren Tastatur (4 Oktaven) beim Prophet-6 bzw. des grundsätzlich “guten, aber eben nicht so ganz charakterstarken, unverwechselbaren, modernen Prophet-Klanges” (Prophet-6 und Prophet Rev2 im Gegensatz zum ORIGINAL) muss jeder Interessierte aus seiner persönlichen Sicht beantworten.

Fazit

Müsste man die Synthesizer-Geschichte auf wenige Instrumente reduzieren, so wäre der Prophet-5 einer dieser Meilensteine. Er ebnete den Weg zu speicherbaren, polyphonen Synthesizern, er repräsentiert den Grundstein des modernen Synthesizers.

Doch mehr als das, ist der Prophet-5 vor allem eine Musik-Legende. Sein Klang prägte (und prägt noch heute) unzählige Künstler und Tonträger. Die Lebendigkeit der Sounds ist einmalig und lässt fast alle in den letzten 30 Jahren erschienenen analogen (oder virtuell analogen) Poly-Synthesizer im Nichts verdunsten.

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Der Prophet-5-Charakter ist auch im neuen Jahrtausend so ergreifend und inspirierend wie eh und je. Wenngleich die Performance-Möglichkeiten des Instruments sehr (sehr) bescheiden sind, ist sein Klangverhalten der Inbegriff analoger Klangästhetik. Sein Sound ist über alle Zweifel erhaben.

So ist der Prophet-5 jenen Musikern zu empfehlen, die in punkto Audio-Qualität keine Kompromisse eingehen wollen. Klang-Puristen, die “High Fidelity” suchen, jene besagte hohe Klangtreue, die man beim Prophet-5 findet.

Und zwar in allererster Güte.

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50 Minuten Audio-Files sind angefügt. Viel Spaß beim Hören und Entdecken des Prophet-5 (und beim Vergleichen mit anderen Instrumenten).

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Weitere Prophet-Infos:

3 Gedanken zu “Sequential Circuits Prophet-5
– Meilenstein und Musiklegende

  1. Lieber Theo, reines Gift ist dieser Artikel, für jemand der genau dieses Instrument vor 2 Jahren in einem ähnlichen Zustand verkauft hat ;-) es tut etwas weh, aber ständige Drahtbrüche und die Angst vor sterbenden Curtis Chips,sowie aber auch fehlende Dynamik und Aftertouch, haben mich dazu verleitet,ob der Prophet 6 eine Alternative darstellt habe ich noch nicht getestet, in Performance übertrifft er den 5er in jeder Beziehung. Ich habe keinen Poly mehr gefunden der mir solche Regler bietet, irgendwo zwischen Club of the knobs und GrpA4 …

    • Vielleicht war es die richtige Entscheidung. Angst vor Fehlern und Reparaturbedarf trübt die Entspannung im Studio doch etwas :o)

      Die modernen Poly-Analogsynthesizer beginnen langsam zu punkten – Prophet-6 und OB-6 dürften sehr gute Instrumente sein … mit Herstellergarantie auf einige Jahre …

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