Roland JD-800 – der beste digitale Flächen-Synthesizer?

Nun, ein solcher Titel darf nicht ganz als bare Münze genommen werden. Kein Synthesizer ist der beste. Populär, vielfältig, ansprechend, gut verarbeitet, ja … aber der beste? Musiker Nummer Eins gefällt besagter Synthesizer, Musiker Nummer Zwei gefällt er nicht. Musiker Nummer Eins liebt die vielen Regler und Knöpfe, Musiker Nummer Zwei bekommt davon Kopfschmerzen. Ist so.

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Dennoch juckt es sehr in den Fingern, dem Roland JD-800 in gewisser Weise eine kleine Medaille umzuhängen. Schließlich gibt es wenige polyphone Synthesizer, die über eine solche Magie verfügen, die auch nach fast 25 Jahren noch “sexy” aussehen und die sich so hervorragend für breite Klang-Teppiche, atmosphärische Sounds und organische Pads eignen wie ein JD-800. Und nachdem nun im Jahre 2015 der neue Roland JD-XA an die Türe klopft (und entsprechende Erwartungen schürt), sehen wir uns an dieser Stelle den JD-800 nochmals im Detail an …

Obwohl über zwei Jahrzehnte alt, gehört dieses Instrument nach wie vor zu den kreativsten und bestklingendsten digitalen Synthesizern, die je gebaut wurden. Der JD-800 ist mein persönliches Lieblingsinstrument – zu jeder Tages- und Nachtzeit, immer und überall.

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Müsste ich das Studio auf 3 Synthesizer reduzieren (undenkbar, aber nur mal  t-h-e-o-r-e-t-i-s-c-h  angedacht), so würde die Wahl auf Roland JD-800, Sequential Pro-One und Elka Synthex fallen. Damit ließe sich – natürlich nach meinen subjektiven Bedürfnissen – musikalisch so ziemlich alles abdecken.

Dürfte die Reduktion bei 5 Instrumenten enden, wären noch der ARP 2600 sowie GRP A8 mit im Team. Und sollten es gar 10 Synthesizer sein, hätten auch der John Bowen Solaris, Roland Juno-60, Korg PS-3100, Yamaha CS-60 sowie das Roland System-100M sofort und für alle Ewigkeit ihren festen Platz im Klanglabor.

(Heimlich würden sich dann noch Oberheim OB-8, Prophet-5, MFB Dominion 1, Analogue Solutions Polymath, Roland SH-5 sowie der Moog Prodigy und ein paar ihrer besten Freunde dazu gesellen …). Ach ja, und das COTK Model 15 nicht zu vergessen, ein sagenhaftes Instrument, mit dem reinsten Analogsound …

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Trotz aller Lorbeeren: Auch ein JD-800 ist kein Alleskönner. “Scharfe” Musikelektronik wie harter Techno oder Dubstep dürften nicht seine große Leidenschaft sein und auch für Rockmusik ist er klanglich zu sensibel. Als Klavier-Ersatz für Klein-Sohnemann (oder Klein-Töchterchen) könnte er mit all seinen Schiebereglern ungewollt von ernsthaften Übe-Vorhaben ablenken und selbst zum Abstellen der liebsten Zimmerpflanze dürfte es beim JD-800 in Ermangelung freier Oberflächen nicht reichen (höchstens für einen kleinen Kaktus) – hier wäre z.B. das Access Virus Keyboard als alternativer Platzspender für Topfgewächse sehr zu empfehlen.

Doch sobald man einen breiten, imposanten Sound-Teppich benötigt, etwas Orchestrales oder Atmosphärisches, da hört der Spaß auf. Hier greift der JD-800 tief in seine (beinahe unerschöpfliche) Trickkiste und zaubert ein “Aaaaaaaaah” Erlebnis nach dem anderen vor den Lautsprecher. Ein bisschen Filmmusik, etwas “Wärme” im Background, ein bisschen Unterstützung und Aufpeppen der öden Sample-Sounds anderer Rompler? Gänsehaut-Stimmung mit “Oh – it’s a Feh!” Charakter, Dramatisches, Mitreißendes? Der JD, der kann’s! Mühelos, das noch dazu …

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Soweit die Beurteilung des JD-800 aus heutiger Sicht. Anno 1991, in seinem Erscheinungsjahr (und auch in der Folgezeit), war von jener Euphorie der inzwischen recht beachtlichen JD-Fangemeinde jedoch wenig zu spüren.

Was der Bauer nicht kennt …

Die Realisierung des JD-800-Projekts war für Roland eine Niederlage, jedenfalls betreffend Verkaufszahlen. Und die geringe Nachfrage überraschte sehr. Immerhin war gerade Ende der 80er Jahre der Wunsch nach “mehr Bedienelementen am Synthesizer” wieder stark im Kommen. DX7-ähnliches Menü-Duchsteppen und bloßes Anwählen von Presets hatten Musiker satt. Man wollte wieder KLÄNGE kreieren …

Roland reagierte und brachte den JD-800 auf den Markt – doch nur wenige wollten ihn haben! Zu komplex, zu unübersichtlich – offenbar für viele Musiker mit “leichten Schieberegler-Ambitionen” doch eine Spur zu “retro”, dieser JD. “Natürlich, eine Hüllkurve ist schön – also Attack und so, da kenne ich mich aus, aber doch nicht sechs- oder gar a-c-h-t-stufig, meine Güte, was bedeutet LO, T1, L1, T2 und so weiter …?”

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Die Ablehnung des JD-800 erfolgte – zum Teil – aus einer Überforderung vieler Musiker heraus. Dabei hat Roland keine Mühen gescheut, um mit dem JD-800 ein – nach bestem Wissen und Gewissen – nahezu perfektes Instrument in kreative Hände zu legen. Der Synthesizer ist hervorragend verarbeitet (kleine Schwachstellen besprechen wir in Folge), die Fader sind von allerhöchster Qualität, das Chassis extrem massiv, die Signalführung übersichtlich (logisch angelegt und mit kleinen Grafiken versehen), das Benutzerhandbuch schlichtweg das Beste, das Roland je gemacht hat, der Klang des Instruments 1A … kurzum: Der JD-800 ist mit aller Hingabe als Creative Player’s Instrument und damit für echte Klangtüftler erschaffen worden.

Doch der Karren kam nicht zum Rollen. Roland päppelte den JD-800 mit einigen Soundkarten auf und setzte 1993 mit dem JD-990 noch das (soundtechnisch leicht erweiterte, dafür ohne Regler versehene) Klang-Modul nach – und aus!

Seither dümpelt der JD-800 etwas vor sich hin, denn obwohl er inzwischen eine feste Fan-Gemeinde gefunden hat und für viele Musiker zu den Top-Poly-Synthesizern aller Zeiten gehört, liegt sein Gebrauchtmarkt-Preis seit Jahrzehnten bei ca. 600 Euro.

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Gut für all jene, die ein solches Klang-Monster gerne haben möchten, doch unverständlich für all jene, die den musikalischen Wert des Instruments kennen und sich ernsthaft fragen, warum ein Roland JD-800 am Gebrauchtmarkt nicht zumindest 2000 Euro kostet (ich würde den Preis hier ansetzen).

Doch zurück zum Karren, der nicht rollt. Roland hat zumindest einen “Fehler” (obwohl man es nicht so nennen dürfte) im gesamten JD-Konzept gemacht …

Die Presets

Wenn ein Besucher zufällig die Sounds meines JD-800 hört, werden fest gefasste Entscheidungen über den Verkauf dieses Synthesizers – seitens des Besuchers – schnell wieder über Bord geworfen. “Aha, soooo kann das Instrument klingen …” ist eine der nicht selten gehörten Erkenntnisse. Oder: “Welche JD-Soundkarte verwendest du?” (Keine) … “Ist DAS der JD-800?!” (Ja).

Erstaunlich, dass trotz der vorbildlichen Bedienoberfläche viele Musiker einen JD-800 zu Preset-Zwecken einsetzen – früher wie heute. Hier das drahtige Dance-Klavier, dort der analog-klingende Bass, hier einmal Streicher. Anwählen und fertig. Daher fragen all die Leute natürlich zu Recht: “Wozu brauche ich all die Regler, wozu brauche ich den JD?”

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Roland hat hier sein Schäuflein zur Missachtung des Klangpotentials beigetragen. Neben einigen sehr guten und aufwendig gestalteten Flächensounds bieten die Werks-Presets des JD-800 nicht wenige Piano-Sounds, Gitarren-Klänge und ähnliche “Standard-Konservendosen-Geräusche”. DAS ist nie die Stärke des JD gewesen (und – in Anbetracht all der Schieberegler – hoffentlich auch nicht seine Philosophie)!

Zu allem Überfluss kamen noch Soundkarten auf den Markt, die – neben den sehr brauchbaren Strings und guten Drumkits – z.B. “Grand Piano”, “Guitar” oder “Akkordion” hießen.

[Anmerkung: Die angesprochenen Klänge / Samples des JD-800 (intern bzw. auf den Karten) sind per se natürlich nicht schlecht. Das Klavier klingt schön drahtig und hebt sich im Mix hervor, die Gitarrensamples lassen sich am JD sehr dynamisch spielen, alles ist “ok”. Dennoch wäre es “die” Chance gewesen, eine Reihe von Soundkarten auf den Markt zu bringen, die das echte Potenzial des JD-800 aufzeigt: “Filmscore”, zum Beispiel, oder “Atmospheres”, “Eeeeerie Vocals” oder auch “Effect Sounds”.]

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Tatsächlich kamen folgende Soundkarten auf den Markt:

1. SL-JD80-01 Standard Drums
2. SL-JD80-02 Dance Drums
3. SL-JD80-03 Rock Drums
4. SL-JD80-04 Strings Ensemble
5. SL-JD80-05 Brass Section
6. SL-JD80-06 Grand Piano
7. SL-JD80-07 Guitar
8. SL-JD80-08 Accordion

Letztgenannte Karten haben mich schon in den 90er Jahren sehr betroffen gemacht, denn das wunderbare Konzept des JD-800 kam mit solchem Klang-Material in ein schräges und letztlich sogar “undefinierbares” Licht. Klavier, Gitarre, Akkordeon – ist dies nun ein Sample-Player? Ein Konserven-Instrument, das einfach mit Reglern beladen wurde? Oder wirklich der lang-ersehnte Kreativ-Synthesizer mit optimal abgestimmter Benutzer-Oberfläche und einmaligen, mehrschichtigen Klängen bzw. genialen Flächensounds?

Natürlich hat Roland die Wahl der Presets und Soundkarten nicht zufällig getroffen. Schließlich ist hier die Problematik aus Sicht des Herstellers zu verstehen: Es scheint unausweichlich, einem modernen Digital-Synthesizer (Sample-Player) …

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… ein Mindestmaß an Standard-Klängen mit auf den Weg geben zu müssen. Zumindest anno 1991 war dies so (und leider ist es bis heute nicht deutlich besser geworden).

Offensichtlich brauchen Musiker die Gewissheit, dass zumindest ein Klavier und ein E-Piano, eine akustische Gitarre und die obligate Panflöte – neben dem ebenso obligaten Saxophon – fest mit im Boot ist. BandPass Filter? Nicht interessant! Verhalten der Resonanz? Egal! Random als LFO-Wellenform? Pah! Klavier: Wichtig!

Hier verstehe ich die Welt der Musiker nicht ganz, zugegeben … Doch lassen wir die Presets beiseite und wenden uns der Struktur und dem Aufbau des Instruments zu.

SINGLE und MULTI – die verkehrte Welt

Der JD-800 ist – je nachdem, wie viele Layer nun aktiviert sind – permanent im Multi-Mode. Dabei sprechen wir hier vom SINGLE Mode (es ist verwirrend, Entschuldigung), in dem eben 4 parallele Synthesizer-Kanäle zur Verfügung stehen und den Gesamt-Klang (PATCH) ergeben. Der tatsächliche MULTI Mode mit 5 Sounds (und individuell zuweisbaren MIDI-Kanälen) und dem Special-Setup (Drums) wird in diesem Bericht jedoch großteils außer Acht gelassen. Schließlich verfügt der JD-800 im MULTI Mode nur noch über einen Bruchteil seiner hervorragenden Effekte, was das Klangpotenzial deutlich einschränkt.

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Einzig das Special-Setup – in dem jede Taste des Keyboards mit einem beliebigen Sample belegt werden kann – muss unbedingt Erwähnung finden! Für kreative Geister ist dies eine willkommene Spielwiese, da man über die vielen Fader “direkt” in jeden Sound – bei Vollbelegung des Keyboards immerhin 61 Samples / Sounds – eingreifen kann und sehr zielstrebig lebendigste Sequenzen bzw. Wavetable-Sequenzen erstellen kann, indem ein Pattern möglichst viele verschiedene Keyboard-Tasten (und damit Samples) in Folge abspielt. Mit jeder Note ändert sich der Klang: So einfach – so genial!

Das von Roland in der Werkseinstellung des JD-800 vorgegebene Drum-Kit (Special Setup) hat übrigens Pop-Geschichte geschrieben. Genesis brachte im 1991 veröffentlichten Studio-Album We Can’t Dance über weite Strecken die unverkennbaren Drum-Sounds des JD-800 zum Einsatz …

Doch zurück zu den Modes. SINGLE ist also – durch seine 4 parallelen Synthesizer-Kanäle – der wahre (und interessantere) Multi-Mode, während sich die Attraktivität von MULTI selbst vor allem auf das Special Setup beschränkt. So viel zur Klärung …

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Aufbau des Instruments

JEDER der 4 Layer / Synthesizer-Kanäle des JD-800 verfügt über:

  • 2 LFOs (5 Wellenformen inkl. S/H und Random): LFO 1 / 2
  • 3 Hüllkurven (für Oszillator / Filter und Amplifier): Pitch ENV, TVF ENV, TVA ENV
  • 1 Oszillator (108 Wellenformen Klangmaterial): Umfangreiche Modulationsmöglichkeiten (inkl. Random Pitch), Pitch-Bender und Aftertouch-Bend individuell aktivierbar (!), Key Follow stufenlos einstellbar (für Mikro-Intervalle, etc.)
  • 1 MultiMode Filter (Low-Pass, Band-Pass, High-Pass): Umfangreiche Modulationsmöglichkeiten, “scharfe” Filter-Resonanz
  • 1 Amplifier: Umfangreiche Modulationsmöglichkeiten, inkl. Aftertouch

Nachdem so ein Synthesizer-Kanal 4-fach vorhanden ist, kann man nun der Kreativität freien Lauf lassen. Hier den Pitch-Bender auf den Oszillator aktivieren, dort nicht (schöne Schwebungen und Intervalle benden, LIVE natürlich), hier den Amplifier mit positivem AT-Wert belegen, dort mit negativen (je nach Anschlag treten Sounds hervor / weichen zurück) … es ist ein praktisch unendliches Potenzial, das der JD-800 zu bieten hat.

Neben sehr (sehr) wenigen tatsächlichen konzeptionellen Einschränkungen (wie fehlende Panorama-Kontrolle der einzelnen Layer) dürften es vor allem die kreativen Grenzen des Musikers sein, die den JD-800 an den Rand seines Potenzials stoßen lassen.

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Damit nun im Detail zu den wirklichen Stärken – und auch wirklichen Schwächen – des Roland JD-800 …

Die Stärken des JD-800

Erstens: Maximale Potenz! Zur Erinnerung: Der JD-800 verfügt im SINGLE Mode permanent über 4 parallele Klänge. 4 Layer, die in Summe den Patch (in Rolands Wortlaut) ergeben. Da jeder Layer ein eigener Synthesizer ist, hat das Instrument sehr viel zu bieten: 4 Oszillatoren, 4 MultiMode-Filter, 8 LFOs, 12 ENVs stehen direkt zur Verfügung. Kreative Köpfe können damit – wie oben angedeutet – schon viel machen!

Dieses Layer-Prinzip ist dennoch mit Vorsicht zu genießen, da jeder Layer an der verfügbaren Polyphonie “knabbert”. Bei 24-stimmiger Polyphonie kann man 24 Stimmen mit (nur) einem Layer spielen, 2 Layer reduzieren die Mehrstimmigkeit schon auf 12 Stimmen (was interessanterweise dennoch häufig ausreichend ist), 3 Layer ergeben – mal überlegen – 8 Stimmen und schließlich ist der JD-800 bei Einsatz aller 4 Layer gar nur noch 6-stimmig. Diese “nicht so ganz offensichtliche” Reduzierung der Polyphonie ist ein wichtiger Kritikpunkt, den Roland anno 1991 seitens der Musikwelt öfters zu hören bekam. Schließlich wurde mit einem “24-stimmigen” Synthesizer geworben, der aber nur bei “kleinster Klang-Bestückung” tatsächlich seine volle Polyphonie zu bieten hat.

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Wie dem auch sei: Das musikalische Potenzial der 4 Layer / 4 parallelen Synthesizer eines JD-800 ist enorm und selbst heute noch beeindruckend!

Zweitens: Der Grundklang ist 1A. Warm, breit, tief, mächtig! Wenn man sich von diversen Piano-Samples bzw. anderem Unkraut wegbewegt und fleißig programmiert, kommen beim JD-800 unverwechselbare und einzigartige Klänge zum Vorschein. Bis heute kenne ich wenige digitale Synthesizer, der dem JD-800 das Wasser reichen können. Der John Bowen Solaris hat ihn – zugegeben – klanglich bereits überholt … und auch im Software-Bereich gibt es einige exzellente polyphone Synthesizer mit noch größerem Klang-Potenzial. Dennoch ist der JD-800 der einzige digitale Poly-Synthesizer, der einen so mächtigen Sound mit einem Meer an Schiebereglern – und damit mit direktem Zugriff auf JEDEN Parameter – verbindet.

Drittens: Alle Reglerbewegungen lassen sich per MIDI Sys-Ex aufzeichnen. So kann man die Programmierung und die dynamischen Verläufe der JD-800 Klänge nachträglich noch perfektionieren … UND es erlaubt die Verwendung des JD-800 als PROGRAMMER für das JD-990 Soundmodul.

“The JD-800 sliders can be set to send MIDI messages that can be recorded into your sequencer. When adjusting a selected parameter such as cutoff, resonance, panning, etc., the JD-800 transmits a series of system exclusive messages.”

(Quelle: www.sweetwater.com)

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Viertens: Die Effekte (von Delay bis Hall bis Chorus und Phaser und vielem mehr). Sie integrieren sich gut in den Gesamtklang und machen einen wichtigen Teil der akustischen “Fülle” aus.

Fünftens: Die großzügige Hardware und das gelungene Handbuch. Der JD-800 ist Luxus pur. Von solch soliden JD-Fadern können manch anderen Instrumente nur träumen. Und die vielen LEDs geben einen guten Überblick über aktuelle Sound-Einstellungen – sie machen das Instrument zu einem optischen Leckerbissen! Das gesamte Instrument ist sehr schwer (immer noch: Ein gutes Zeichen) und das Display ist – wenn auch nicht sehr groß – so doch zuverlässig, es leuchtet nach fast 25 Jahren noch so hell wie anno 1991.

Zur richtigen (oder besser gesagt: ganz gezielten) Programmierung und entsprechenden Freude am JD-800 trägt schließlich noch das hervorragende Handbuch viel bei. Hier hat Roland umfassende Klanggestaltungs-Ideen, Background-Infos und verständliche Grafiken mit hineingepackt. Sehr vorbildlich!

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Die Schwächen des JD-800

Es gibt ein paar klangtechnische Einschränkungen, die leider – ob man nun will oder nicht – zu akzeptieren sind. Und es gibt ein paar hardwaremäßige Aspekte, über die man als (künftiger oder bestehender) JD-Besitzer Bescheid wissen sollte.

Zu den klanglichen Aspekten:

– Portamento ist nur mit der Einstellung “Solo” einzusetzen. Sehr schade, denn polyphones Tongleiten würde musikalisch auch sehr viele Möglichkeiten bieten.

– Oszillator Synchronisation oder Cross-Modulation ist nicht möglich.

– Es gibt keinen (Step) Sequenzer oder Arpeggiator. So etwas würde dem JD800 unglaublich gut zu Gesicht stehen. Das unabhängige Musikmachen direkt am Instrument (weit weg von allen Computern und Software-Sequenzern) ist manchmal genau das, was man als Musiker braucht. Keine störenden Lüftergeräusche, nur ein Synthesizer, und dort mit Sequenzer oder Arpeggiator kleine/feine musikalische Ideen erarbeiten – das ist manchmal der Idealzustand spontaner Kreativität.

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– Auch ein simpler HOLD Button wird vermisst.

– Panorama-Modulation ist nicht wirklich vorgesehen. Man kann zwar das frei zuweisbare externe Pedal auf “Pan” einstellen, aber selbst das Zuführen eines langsamen LFO hat nicht den gleichen Effekt wie die interne LFO-to-Pan Modulation (obwohl es theoretisch so sein sollte). Punkto Ausnützung des Stereoklang-Potentials hat Roland generell viel brach liegen gelassen. Auch das Verteilen einzelner Stimmen im Stereobild wäre schön gewesen. Doch nur im Special Setup lassen sich die einzelnen Noten auf die Kanäle L und R beliebig zuordnen. Schade, dass dies mit den 4 Layern im “Hauptklang” (Patch) nicht vorgesehen ist.

– Die Tastatur ist mittelmäßig. Nicht schlecht, aber keinesfalls so gut wie z.B. die eines Virus Keyboards oder Solaris. Natürlich sind Vergleiche nicht wirklich zielführend, aber es ist erstaunlich, dass z.B. Roland Keyboards der 80er Jahre (Alpha Juno-2, JX-8P, JX-10, etc.) im Wesentlichen eine ungefähr gleich gute Tastatur wie der JD-800 hatten. So gesehen also kein echter Fortschritt. Und ja, der “ideale” JD-800 hätte natürlich 76 Tasten, keine Frage. Gerade bei diesen unendlich breiten Klangteppichen stößt man sehr schnell an die Grenzen des 5-Oktaven Spielraumes.

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Zu den technischen Aspekten:

– Der JD-800 verfügt über verschiedenste Bedien-Elemente. Während die Fader von absolut höchster Qualität sind, haben speziell die dreieckigen Druck-Knöpfe bei vielen JD-800 Modellen große Kontakt-Probleme. Dummerweise sind sie sehr (sehr) wichtig, da man mit ihrer Hilfe durch die Effekt-Menüs steppt oder andere wichtige Seiten aufruft.

– Red Glue! Mehr muss man wohl nicht sagen. Roland hat roten Kleber für die Gewichte unter den / in den Tasten verwendet. Bei den weißen Tasten ist es nicht schlimm (sie liegen an der “Außenseite” des Keyboards), aber die schwarzen Tasten haben den roten Kleber genau über der Keyboard-Innenseite. Kleber, der nach Jahren schuldlosen Daseins plötzlich zähflüssig werden kann und möglicherweise auf die unter den Tasten liegenden Elemente wie Metallzunge oder Filzstreifen tropft.

Dann harken die Tasten (weil sie tatsächlich an der Zunge oder am Filz “kleben”). Es lohnt sich also, ein oder zweimal im Jahr die Tasten des JD-800 anzusehen und die Situation des roten Klebers im Auge zu behalten. Ein Abkratzen bzw. Säubern der verklebten schwarzen (oder weißen) Tasten ist übrigens möglich.

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Hier noch ein Link zu Gearslutz, in dem die mögliche Behebung von Red-Glue besprochen wird: www.gearslutz.com/board/electronic-music-instruments-electronic-music-production/766056-roland-jd-800-sticky-keys-service-repair.html.

– Die Tastatur des JD-800 ist “überhaupt” etwas heikel – vor allem, nachdem sie schon beinahe 25 Jahre alt ist. Manchmal senden einzelne Tasten maximale Velocity-Werte aus, manchmal geht der gesamte Aftertouch nicht. Das Keyboard ist also grundsätzlich ein Punkt, der beim Kauf eines JD-800 besonders sorgfältig zu beachten ist.

[Kleiner Tipp: Oftmals lauern die Kontaktprobleme versteckt unter den grauen Gummipolstern (den eigentlichen Tasten-Kontakten). Vorsichtiges Säubern der Kontakte – Wattestäbchen mit Alkohol betupfen, “unter” die Gummibahnen fahren (man muss die Bahnen nicht ablösen) und so die Kontakte reinigen – diese Prozedur hat nach meiner Erfahrung alle Kontaktprobleme “einzelner” Tasten wieder gelöst.]

Aufpassen …

An sich ist der Roland JD-800 in vielerlei Hinsicht sehr positiv und unproblematisch. Auf einige Dinge sei aber dennoch hingewiesen …

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– Beim Programmieren kann sich die Filterresonanz ohne weiteres als klangliches Problem entpuppen (sofern man dies so formulieren darf). Sie muss sehr sorgfältig dosiert werden, sonst übersteuert der Klang sofort.

– Staub ist der Feind des JD-800. Manche Taster sind – wie oben genannt – eine hardwaremäßige Schwachstelle und Fader wie auch Tastatur sammeln durch ihre “offene” Bauweise gerne den Staub “in dicken Schichten”. Die Folge: Fader können krachen, Taster den Dienst versagen (oder nur durch gewaltvolles Drücken zur Funktionalität bewogen werden) und Keyboard-Tasten Kontaktprobleme bekommen. Zur richtigen Pflege des JD-800 würde daher ein Staubschutz viel beitragen.

– Beim Kauf eines JD-800 sollte das hervorragende Handbuch unbedingt mit dabei sein. Es ist eine der wichtigen Hilfen zum großen Glück des Soundbastelns. Die Aufmachung ist so übersichtlich und gut gestaltet, dass das Lesen keinesfalls zur Belastung denn mehr zur Freude und echten Hilfe mutiert (wie es bei Manuals ja nicht immer der Fall ist).

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JD-990 – die Rack-Version des JD-800?

Öööööhm, nein. Nicht wirklich …

Der JD-990 ist “theoretisch” die Rack-Version des JD-800, er ist “theoretisch” interessanter, hat einen Ring-Modulator, mehr Klangmaterial, 8 Ausgänge und noch vieles mehr. ABER …

… ohne Schieberegler macht die Sache wenig Sinn. Ohne direkten Zugriff auf jeden Klang-Parameter ist das leistungsstarke Innenleben für den kreativen Spontan-Musiker nicht wirklich verfügbar. Zwar bietet das große, grafische Display einen gewissen Komfort, doch reden wir nicht um den heißen Brei: Es ist eben nicht dasselbe.

Dennoch gibt es eine schlaue (wenn auch nicht gerade platzsparende) Lösung. Der JD-800 kann als PROGRAMMER für den JD-990 verwendet werden

Roland-JD800-Synthesizer-18

“Use the following procedure to enable the Transmit Edit function:

On the JD-800:
1) Press MIDI.
2) Use the CURSOR UP/DOWN buttons to select “TX Edit Data.”
3) Press the INC (increment) button to turn this parameter ON.

On the JD-990:
1) Press SYSTEM SETUP so it is lit.
2) CURSOR to “RX Exclusive” and use the VALUE dial to select ON-2.
3) Press SYSTEM SETUP to return to the previous screen.

NOTE:
You will need to enable this transmit function each time you turn the
JD-800 on.”

(Quelle: www.sweetwater.com)

Der JD-800 heute

Überzeugten Besitzern eines JD-800 würde ich zum Kauf eines zweiten (oder dritten?) Instrumentes raten, denn leider ist dieser schöne Synthesizer nicht vor Fehlern gefeit. Staub und “abgenützte” Taster sind die Todfeinde des JD-800.

Roland-JD800-Synthesizer-19

Darüber hinaus kann das Keyboard Probleme bereiten, was der Spielfreude doch einen Abbruch tut. Schließlich aber ist der JD-800 zu einem derart günstigen Preis zu haben (alles unter 1000 Euro bezeichne ich – in Anbetracht dieses hochwertigen Instruments – als “günstig”), dass ein Ersatz-Gerät nun mal nicht allzu weh tut. Überzeugte JD-800 Besitzer denken ja hoffentlich nicht in Monaten oder Jahren, sondern in Jahrzehnten.

Und so gilt es vorzusorgen, damit der JD-800 auch noch in 20 oder 30 Jahren fester Bestandteil des Studios ist – hier bietet sich ein Zweitgerät als einfachste Lösung an.

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Update September 2015: Ob der Roland JD-XA als Nachfolger des JD-800 zu sehen ist – nun, lesen (und hören) Sie selbst! Klanglich ist er durchaus sehr interessant, dennoch ist unser Gesamturteil keineswegs so positiv wie erhofft …

Roland-JDXA-Synthesizer

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PS: Wenn Fader des JD-800 zu sehr verstaubt sind und unaufgefordert Werte-Meldungen versenden (so zu erkennen am kleinen Punkt hinter dem eben frisch angewählten Sound, da man sich nun – nicht ganz freiwillig – bereits im Edit-Modus befindet), so ist dies übrigens leicht zu beheben: Erstens herausfinden, welcher Fader nun sendet (schnell zu sehen, da mit dem Wert auch gleich das “Ziel” im Display erscheint, also z.B. “TVA: Aftertouch Sens”), dann diesen Regler ein paarmal hin- und herbewegen – das war’s. Nun sollte der Regler vom Staub befreit sein und “keine” unaufgeforderten Daten mehr schicken. Bei Bedarf die Prozedur öfters wiederholen.

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Die angefügten Klangbeispiele sind zu einem Großteil ausschließlich mit dem Roland JD-800 gemacht worden. Alle DEMOs sind “nur” der JD, auch alle weiteren Flächen- und Atmosphären-Sounds sind “JD in Reinkultur”.

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Bei den MIX-Files und entsprechend benannten Klangbeispielen kommen noch andere Instrumente zum Einsatz (wie Roland TR-808, RD-1000, Sequential Pro-One, etc.), doch bleibt der JD-800 Synthesizer mit seinem charakteristischen Sound und seiner Klang-Wärme immer klar erkennbar. Trotz der knapp 40 Minuten Audio-Files wird nur ein gewisser “Teil” des JD-800 Klangpotenzials dargestellt, wobei der Schwerpunkt auf Pads, Wavesequenz-Imitate, Streicher, Filtersweeps und Effektsounds liegt …

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Links:

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Test – Vergleich:

11 Gedanken zu “Roland JD-800 – der beste digitale Flächen-Synthesizer?

  1. Das ist der beste Roland JD 800 Test im Web. Kein andere
    Synthesizer liefert eine ähnliche komplexe und warme Pad-Sounds. Solaris ? komplex ja, aber nicht warm.
    Exzellente Sounddemos, elektronische Musik pur.

  2. Sehr schöner Bericht zum JD-800!

    Ich glaube einmal gehört zu haben, daß beim 800er echte VCAs zum Einsatz gekommen sind und daher sein voluminöser, druckvoller sound zustande kommt?! Als Besitzer des (aus Händen des Autors stammenden ;) JD-800 und der Rackversion sind Unterschiede bei identischen sounds wahrnehmbar.

    Der JD-990 läßt sich übrigens mit einem JD-800 als “Programmer” sehr gut programmieren und muß dann nicht als sample-player abgestempelt werden…

    • Hallo Hans – den Hinweis mit “JD800 als Programmer des JD990″ habe ich hinzugefügt. Danke für die Ergänzung … LG

    • leider gibt es die “VCAs” am Ausgang nicht. Nach dem D/A-Wandler schließen sich De-Multiplexer, Samplingfilter und Ausgangsverstärker an, das wars. Das kann man ja auch an den typischen Rauchfahnen (knister, knatter) der Reverb-Effekte hören. Wie auch weiland bei D-50 oder PCM70. Der JD-800 ist also auch da in guter Gesellschaft.

      @TheoBloderer:
      Ein toller Test und ein prima Statement für diesen hervorragend klingenden Synth – zumindest für Leute, deren Hörgewohnheiten in den 80/90er Jahren des letzten Jahrhunderts geprägt wurden. Der JD-800 löst das Versprechen ein, das mit dem D-50/PG-1000 gebeben wurde.

  3. Ich konnte mich bis heute von meinem defekten JD800 nicht trennen und habe vor kurzem ein neues Mainboard bekommen. Hoffentlich kriege ich ihn wieder ans laufen. Die Sounds sind echt richtig gut.

  4. Schöner Artikel! Insbesondere interessant zu lesen, wie sich das Teil nach einem guten Vierteljahrhundert von der technischen Seite her verhält.

    Ich hatte den größten Teil der 90er Jahre über auch einen JD-800. War mein teuerster Synthesizer, sowohl vom Preis her, als auch klanglich.

    Zwar gehören breite Pads, Drones und Soundscapes zu seinen unbedingten Stärken, aber das Teil kann sich bei Bedarf auch eisig kalt oder derbe anhören, wenn man eben die entsprechende Wellenform auswählt. Es gibt auch sehr harte, metallische Spektren darunter. Ich habe den JD-800 damals für alle möglichen Sounds verwendet, besonders aber auch für technoide Sequenzen und Bässe.

    Bezüglich der Hüllkurven, die im Gegensatz zu so manch anderem Synthie erfreulicherweise auch seeehhhrrr lange Verläufe zulassen, war mir damals aufgefallen, dass der JD-800 hier anscheinend einen Bug aufweist: Bei ultralangen Filtersweeps brach der Klang manchmal irgendwann nach vielen Sequencer-Takten in der Sustainphase in sich zusammen, die Cutoff-Frequenz rutschte dann unvermittelt in den Keller, obwohl die Hüllkurven gar nicht so eingestellt waren…

  5. Wie so oft ein schönes und persönliches Review bei dem ich ins Grübeln komme ob ich zu meinem JD-990 nicht doch noch was benötige ;)

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