Jomox SunSyn
– der WAHRE Analogsynthesizer?

Wenn es einen Gott gäbe, wenn der dann auch was zu sagen hätte und wenn er sich darüber hinaus noch in die Angelegenheiten hier einmischen würde, wenn er also irgendwen schicken könnte, damit der hier unten was ordentlich macht, dann hörte einer dieser Entsandten – das ist mal sicher – auf den Namen Jürgen Michaelis.

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Ganz dem göttlichem Willen entsprechend entwarf dieser nämlich einen modernen, durch und durch analogen, polyphonen Synthesizer und, damit das Konzept des Schöpfers nicht verwässert würde, baute er ihn auch noch in der eigenen Werkstatt, statt das billigerweise im fernen China erledigen zu lassen.

Es gibt zwar ein paar Versuche zu modernen polyphonen Synthesizern, also den Sound der alten Vorbilder, diesen enormen Wumms zu verbinden mit den Segnungen der Moderne, als da sind: Speicherbarkeit, Midi und selbst auch erweiterte Steuerbarkeit über die Fünf-Pol-Schnittstelle. Aber die komfortablen Monster sollten dann natürlich auch nicht allzu viel kosten. Wobei das wie immer relativ ist. Bedenkt man, dass man für einen Roland Jupiter-8 und Sequential Prophet-5 anno dazumal so zwischen 6000 und 7000 Euro hinblättern musste (was – beim Jupiter-8 – inzwischen auch wieder der Fall ist), war der im Jahre 1999 erstmals ausgelieferte SunSyn zum Preis von 2300 Euro aus heutiger Sicht natürlich ein Schnäppchen.

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Aber Ende der 90er Jahre war kaum jemand bereit, soviel Geld für nur einen Synthesizer auszugeben. Und der SunSyn hatte dann auch ein paar Kinderkrankheiten, noch nicht alle Features waren implementiert u.s.w. … diese widrigen Umstände sind dafür verantwortlich, dass der Synth heute nicht in jedem Schlafzimmer eines Bedroom-Studios zu finden ist.

Softwarehüllkurven sind einfach billiger

Digital kann man sich ja inzwischen ganz gut behelfen: Softwarehüllkurven, Software-LFOs machen die Sache billiger und die so gesteuerten Analogen klingen dann immer noch ein bisserl anders als der virtuelle Sessionpartner, aber da Jürgen Michaelis in dieser Hinsicht keine Kompromisse machen wollte, musste er ein wenig mehr Aufwand treiben als die Konkurrenz, denn Zahlen sind grundsätzlich berechenbarer als analoge Schaltkreise und deswegen auch langweiliger, gleichförmiger und steriler.

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Dass kompromisslose Analogtechnik für einen achtstimmigen Synthesizer mit vierfacher Modulationsmatrix nicht ganz so ganz einfach zu handhaben ist, diese Erfahrung musste auch Jürgen Michaelis machen. 1998 wurde der erste SunSyn-Prototyp auf der Frankfurter Musikmesse vorgestellt, 1999 gab’s die ersten Exemplare zu kaufen, aber so richtig rund und vollends befriedigend lief der achtstimmige Synth aus dem Berliner Kreuzberg erst fünf Jahre später nach zahlreichen Hardwaremodifikationen und Softwareupdates.

Über die zahlreichen Features des SunSyns ist viel geschrieben worden, man wird da schnell bei Jomox selbst und auf anderen Internetseiten fündig. Deshalb beschränke ich mich hier auf die Grundarchitektur und die besonderen Aspekte, die dieser Synth meiner Ansicht nach bietet.

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8 Stimmen, 2 VCOs und 2 RCOs pro Stimme

Der SunSyn ist ein achtstimmiger, multitimbraler Synthesizer mit 2 VCOs und 2, RCO genannten, digitalen Oszillatoren pro Stimme. Er hat einen Stereo-Summenausgang und zusätzlich 8 Einzelausgänge. Er ähnelt in diesem Best-Of–Two-Worlds-Konzept Dave Smiths Evolver, vermag ähnliche Sounds zu generieren, wenngleich man sagen muss, dass der SunSyn da um einiges entschiedener zur Sache geht als die blauen kleine, kalifornischen Propheten.

Dazu kommen zwei LFOs und diese speziellen, frei konfigurierbaren Filter, schaltbar in 12 dB und 24 dB. Jeder der vier Pole ist einzeln regelbar und als Hochpass oder Lowpass zu betreiben. In jedem der Modi kann das Filter bis zur Selbstoszillation gebracht werden. Jedoch – so viel Flexibilität das auch für den Programmierer bringt: Ich fand’s eher verwirrend. Mir persönlich sind HP/LP/BP-Schalter lieber.

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Aber das ist natürlich Geschmackssache. Ein ebenfalls ungewöhnliches Feature: Man kann zwischen zwei beliebigen Filtereinstellungen hin- und hermorphen, was bislang allerdings nicht abspeicherbar ist.

Analoge Modulationsmatrix: 16 Quellen – 15 Ziele

Auch die Modulationsmatrix hat es in sich. Viermal lassen sich je zwei von 16 Quellen auf 15 Ziele Routen. Das ist für heutige Modulationsverhältnisse natürlich noch nichts Besonderes. Interessant wird es, wenn man weiß, dass alle Modulatoren wie zum Beispiel Envelopes analoge Quellen darstellen (außer den RCOs natürlich, die sind digital und den LFOs), die auch analog gemischt werden; so als lassen sich wunschöne FM- oder Crossmodulationssounds kreieren.

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Das Routing System (Quelle: www.jomox.de)

Eine der wesentlichen Innovationen des SunSyn ist das Routing-System. Es ist auf einfachste und übersichtlichste Weise zu bedienen und macht den SunSyn praktisch zu einem 8-stimmigen Modularsystem mit abspeicherbaren Verdrahtungswegen. Die festgelegten Modulationen (z.B. ENV1 > VCA) werden ergänzt durch vier zusätzliche, enorm flexible Modulationswege, den sog. ROUTING ELEMENTS. Davon sind vier Stück pro Stimme vorhanden.

Da der SunSyn auch über einen Eingang für externe Signale verfügt, was förmlich nach einer Bearbeitung von digitalen Quellen, Drumloops und dergleichen schreit, ist es natürlich auch möglich, ein solches Signal – sei es nun Audio oder eine simple Steuerspannung (CV) – als Modulator einzusetzen. Hier zahlt sich die voll analoge Bauweise des SunSyn aus.

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Bildlich gesehen entspricht ein Routing Element einem Kabel eines Modularsystems mit zwei Eingängen (Sources) und einem Ausgang (Destination), dem ein VCA für die Intensität (Modifier) dazwischengeschaltet ist.

Die Steuerung der Intensität wiederum kann ein beliebiger Midi-Controller (z.B. Velocity, Aftertouch) oder auch ein analoges Audio-Signal aus dem Synthesizer selbst sein. Damit sind Modulationen der Modulationen möglich. Darüber hinaus gibt es eine “Previous Voice” Modulation (PV). Hiermit können sich die Signale benachbarter Stimmen untereinander modulieren. Ein weiteres Feature was bisher nur “echten” (und riesigen) Modularsystemen vorbehalten war. Auch ein CV-fähiger externer Eingang ist vorhanden, der auf die Routing Matrix geschaltet werden kann.

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Alles spielt sich wohlgemerkt auf analoger Ebene ab. Das bedeutet, daß chaotische Vorgänge wie z.B. bei der Crossmodulation, nicht durch interne Rechenungenauigkeiten verfälscht werden und somit die volle Dynamik besitzen. Jeder gewählte Modulationsweg läßt sich auf einen Blick im Bedienfeld erstellen und nachvollziehen.

Die Konkurrenz zum SunSyn: Andromeda, Omega 8, Poly Evolver, Prophet-12 …

Im Umfeld des SunSyn gibt es mehrere Konkurrenten. Da ist einmal der beliebte Alesis Andromeda mit 16 Stimmen, 2 VCOs + Suboszillator und (Digital-) Effekt und Keyboard. Zum Anderen den Studio Electronics Omega Expander mit 8 Stimmen, ebenfalls Moog und Oberheim Filtern (ARP-2600, CS-80, TB-303 sind noch nachrüstbar). Der kostet aber dann mit knapp 4700 Euro doppelt soviel wie seinerzeit ein Andromeda …

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Mit zum Feld gehört natürlich auch irgendwie der Poly Evolver Keyboard (bzw. Poly Evolver Rack) – aber der ist irgendwie was Anderes. Es hat nur vier Stimmen, was ja so die polyphone Untergrenze ist, und ich verstehe das auch mehr als vier Mono Evolver unter einer Poly-Haube, die man, wenn man mag, eben auch polyphon benutzen kann. Und aktuelle DSI Synthesizer wie Prophet-08 oder Prophet-12 sind zwar gut gemeint, können dem Sunsyn aber natürlich nicht das Wasser reichen.

Von der Bedienung her dürfte sicher der Andromeda der Umständlichste im Club der polyphonen Analogen sein. Beim Rest der genannten Instrumente ist man ziemlich schnell und ohne Umschweife dran an dem, was man verändern möchte. Große Unterschiede gibt’s allerdings im Sound. Das ist insbesondere dem Umstand geschuldet, dass der SunSyn wirklich analoge Hüllkurven hat.

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Nun ist zwar die Geschwindigkeit auch für Softwarehüllkurven nicht mehr so das Problem wie das früher einmal gewesen ist, aber so ganz das Gleiche ist es nach wie vor nicht. Ich würde sagen, das eine ist die Tütensuppe und das andere ist Mutters Hausgemachte. Auch der Rest des SunSyn ist weitgehend diskret aufgebaut. Insofern bringt er einen monströsen fetten Ursound zu Wege wie man ihn eigentlich nur von seinen alten monophonen Vettern gewohnt ist. Der Jupiter-4 von Roland ist der einzige Polyphone der diese Urgewalt an Sound hat – allerdings nur vierstimmig und auch nur mit einem VCO pro Stimme.

Urgewalt und Moderne

Ich schätze ihn, diesen genuinen Sound. Einen kaum gefilterten Sägezahn mit ein bisschen Glide für ein Moog-Solo. Oder auch das Filter ganz auf und pur. Das klingt dann natürlich nicht ganz so heimelig wie die Berliner Philharmoniker von der zehnten Reihe an aufwärts, sondern eher so sahnig oder rauh wie ein Minimoog.

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Aber der SunSyn kann nicht nur das, was uns die Alten sangen, er ist auch von seiner Tonerzeugung modern, er hat dazugelernt (im Gegensatz zu seiner hybriden Konkurrenz Omega, Andromeda und Evolver mit den Softwarehüllkurven). Wenn einem die Schwebungen der beiden VCOs noch nicht reichen, dann kann man gewalttätig Krachendes, Metallisches, Minderbittiges aus der Digitalbank der RCOs mit dazu mischen oder auch pur sägen lassen. Im Anhang finden sich 30 Minuten an Klangbeispielen, machen Sie sich ihre eigene Meinung.

Fazit – kompromisslos phattttttttt

Wer einen kompromisslosen, puristischen, phatten Synthesizer sucht mit einem unverwechselbaren Sound, der an Knackigkeit nicht zu überbieten ist und dem nicht gleich bei der linken Hand die Stimmen ausgehen, der hat eigentlich keine Alternative auf dem heutigen (Gebraucht-) Markt. Der SunSyn ist gut, nein, er ist ausgezeichnet. Und er ist selten. Sein aktueller Wert beläuft sich auf ca. 4000 – 4500 Euro …

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SunSyn MK 2

Der ersten Auflage mit ca. 250 Stück folgte 2009/10 für kurze Zeit noch der SunSyn MK2 (in etwas geänderter Farbgebung). Auch dieser ist inzwischen nicht mehr lieferbar. Bleibt zu hoffen, dass Jürgen Michaelis das schöne polyphone Instrument eines Tages wieder in die Jomox Produktionsliste aufnimmt. Der SunSyn ist ein wunderbares Instrument, ein Gewinn für alle Synthesizer-Liebhaber und Klangpuristen!

Link:
http://www.jomox.de/product_details.php?lang=1&category=4&product_id=14

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Anhang: Autotune / Calibration

Gewöhnungsbedürftig ist sicherlich das Autotuning (vor Aufnahmen dringend empfohlen!), das schon eine gewisse Weile beansprucht. An dieser Stelle noch Hinweise zur Kalibration des SunSyn – in Englisch:

  • ENVELOPE CALIBRATION

Warm up the SunSyn for at least half an hour. Make sure that all VCOs are tuned before you start the envelope tuning!

Press Menu -> Global -> Tune. Select “Env” so that it reads “Att1 Decay1  Sust1 Voice”. Entering this submenu loads a special preset into the edit buffer (the underlying single patch will not be affected). Don’t tweak the ADSR1 knobs because this would change the basic parameters – best is to leave them at zero position before you enter the submenu. Exiting and re-entering this submenu will reload the test patch.

Press the button underneath “Voice”. This selects the voice to be calibrated. You have to press it once before the actual tuning procedure is entered. It doesn’t matter which key you press on the keyboard. When you press a key, an up- and down sweeping tone can be heard. At the peak points the time is measured in 10ms steps and displayed in the attack- and decay value. The correct value is 100 = 1000ms =1sec rise and fall time. If the value is too low, turn the respective encoder knob right to increase the value, left to decrease the value. You have to turn quite a lot since the resolution is fine. After the change of the value, trigger the envelope again to see the result. Repeat it until you get the desired value (100). Do it with the attack and the decay value to obtain almost 100 for each value. Due to the analog tolerances the value may differ from about 95 to 100.

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Do this with every voice. If you are finished with the attacks and decays, turn the decay value low at the actual ADSR1 knob up right on the panel.

With the short envelope, select the voice  with the highest basic tone (frequency) at sustain level 0. This will be you reference for the others. Remember the tone. Turn the respective encoder knob (3) right to increase the zero sustain level for the other selected voices. Match all voices for the same basic tone. If you have done this, you are finished. Press exit twice to leave the calibration menu.

  • FILTER CALIBRATION

Warm up the SunSyn for at least half an hour. Make sure that all VCOs are tuned before you start the filter tuning!

Press Menu -> Global -> Tune. Select “Filtr” so that it reads “Cutof  EnvAmt  KeyTrck “. Entering this submenu loads a special preset into the edit buffer (the underlying single patch will not be affected). There is a resonant filter tone with a low VCO1 signal. The Filter offset can be adjusted with the knob below “Cutof”. Turning left decreases, turning right increases the value.

The whistling tone of the filter has to be 1 octave above the VCO at C4 (Note No.72) on the keyboard.  It sounds almost like even tone, but it is an octave. Press and hold C4 and turn the offset encoder until the beating of the signals fades (mostly with uncalibrated filters downwards). If you are not sure, turn VCO1 level down and slightly up again, and you will find that the frequency of the whistling filter  is forced a bit when the oscillator gets too loud.

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The exact frequency beating is sometimes a bit hard to hear, but you get practice very soon. Do it with all voices. The voices are cycling with every pressed key.

Press exit twice to leave the calibration menu.

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Und nun endlich noch zu den Klangbeispielen des Jomox SunSyn …

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