ARP 2600
– Heiliger Gral der Analogen?

Der ARP 2600 fasziniert die elektronische Musikwelt seit 45 Jahren. Nur wenige Synthesizer verfügen über eine solche Magie und Aura, nur wenige Instrumente lösen bei ihrer bloßen Betrachtung ein so starkes Verlangen nach sofortigem und spontanem  Klangforschen bzw. Musizieren aus.

Doch ein ARP 2600 ist keineswegs gleich einem ARP 2600 …

ARP2600-Complete

Neben den verschiedenen Modellen beschäftigen wir uns mit den musikalischen Möglichkeiten und schließlich mit dem tatsächlichen “Wert” des Instruments, aus heutiger Sicht. Hier stellt sich die Frage, in wie weit ein ARP Odyssey, ein TTSH (Two Thousand Six Hundret) Clone, ein WARP Synthesizer, ein kleines Eurorack Modularsystem “mit den Möglichkeiten eines ARP 2600″ oder ein ARP 2600 Software-Synthesizer denkwürdige Alternativen zum ARP 2600 sein können (oder eben nicht).

Das dürfte gerade im Jahr 2015, in dem der ARP Odyssey mit Finanzierungshilfe von Korg neu gebaut wird und in dem der Eurorack-Markt mehr boomt denn je zuvor, einige Überlegungen wert sein sein.

ARP 2600

Als Nachfolger des großen Studio-Modularsystems 2500 wurde der ARP 2600 im Herbst 1970 erstmals vorgestellt. Er war als “pädagogisches Instrument” gedacht (daher das übersichtliche Layout sowie das autarke Konzept mit Lautsprechern und Federhall) und zunächst für die Zielgruppe “Schulen” bzw. “Einsteiger im Synthesizer-Bereich” vorgesehen (heute kaum vorstellbar, aber so ist es).

ARP2600-3620-Keys

Musikgeschäfte hatten zu Beginn der 70er vielfach mit Synthesizern noch gar nichts am Hut, weshalb ein Bob Moog oder andere Firmen-Vertreter erst quer durch die USA reisen mussten, um ihre Instrumente der Allgemeinheit näher zu bringen. Im Falle von ARP waren es David Friend und Roger Powell …

“… the key to promoting the 2600 was to show musicians and retailers what could be done with the instrument. David Friend and Roger Powell toured the United States, putting on demos and talking to musicians and dealers. Powell (who left ARP to become a synthesist with Todd Rundgren […]) recalls “David and I travelled all over the place in a red Chevy van. We tried to sell the 2600 in hi-fi outlets as well as music stores. We got thrown out of most of them. For most musicians of that time, the instrument was hard to use. On top of it, it was monophonic. The turning point was when [the music retail store] Sam Ash decided to take on the 2600, late in 1971. They were really forward-looking. They gave us credibility among retailers, and exposed our instruments to all the musicians in New York.”

(Mark Vail / Bob Moog in “ARP 2600 Most Popular Modular Synth” in: Vintage Synthesizers, Seite 124)

ARP2600-JoeZawinul

ARP hatte – wie auch Moog – großes Glück, da ihre Synthesizer namhafte Musiker überzeugte, die fortan zu Werbeträgern der Firmen wurden. Joe Zawinul (österr. Jazz-Musiker, der in den 50er Jahren nach Amerika auswanderte) war eine dieser Leitfiguren rund um den ARP 2600. Doch auch Edgar Winter, Pete Townshend, Stevie Wonder und Herbie Hancock wären als Werbeträger zu nennen. Der ARP 2600 mutierte zu einem der erfolgreichsten Produkte der Firma und wurde von 1971 bis zum Niedergang von ARP im Jahre 1981 gebaut.

Die Liste der Solokünstler und Bands, die den ARP 2600 im Einsatz hatten, war schon in den 70er Jahren legendär – und sie ist es noch immer. Kein Wunder, dass das Instrument eine Platzierung unter der TOP 3 der legendären portablen, analogen Synthesizer erringen konnte – neben dem Minimoog und dem EMS AKS (VCS3). Bis heute hat sich an der Magie des ARP 2600 nichts geändert.

ARP2600-Synthesizers

Aufbau des ARP 2600:

  • 3 VCOs (LFO + Audio)
  • Noise (LowFrequ / Pink / White)
  • 1 VCF
  • 1 ADSR
  • 1 AR
  • 1 extra LFO (3620 Keyboard)
  • 2 VCAs / PAN (Stereo Out)
  • Ring Modulator
  • Sample/Hold
  • Mikrophon PreAmp
  • Envelope Follower
  • Voltage Processors + Inverter
  • Multiples
  • Stereo Lautsprecher
  • Federhall
    _
  • Keyboard (4 Oktaven)

ARP2600-panorama

Der ARP 2600 erschien in vielen Versionen, er erlebte in seiner gut 10-jährigen Produktionszeit zudem mehrfach interne Modifikationen bzw. technische Verbesserungen. Und hier ergeben sich so manche Unterschiede und klangliche Differenzen.

Die “Serien” des ARP 2600:

  • Blue Marvin / Blue Meanie (TONUS Logo), 1971
    Keyboard: 3604 (einstimmig, Tuning / Portamento unterhalb der Tastatur)
  • Gray Meanie / ARP 2600C (TONUS Logo), 1971
    Keyboard: 3604C (einstimmig, Tuning / Portamento unterhalb der Tastatur)
  • ARP 2600 mit weißer Schrift (TONUS Logo), 1971/72
    Keyboard: 3604P (einstimmig, Tuning / Portamento links neben der Tastatur)
  • ARP 2600 mit weißer Schrift (ARP Logo), 1972/73-1977
    Keyboard: 3604P (einstimmig, Tuning / Portamento links neben der Tastatur)
    Keyboard: 3620 (zweistimmig, Tuning / Portamento / extra LFO links neben der Tastatur)
  • ARP 2600 mit oranger Schrift (ARP Logo), 1977-1981
    Keyboard: 3620 (zweistimmig, Tuning / Portamento / extra LFO links neben der Tastatur)

Siehe auch: www.vintagesynth.com/arp/arp.php mit weiteren Details zu den verschiedenen Versionen …

ARP2600-duophonic-keyboard

Klangliche Qualitäten – Unterschiede zwischen den Modellen

Über Unterschiede innerhalb einer bestimmten Synthesizer-Serie zu sprechen mag ein wenig müßig erscheinen. Ein ARP 2600 ist eben ein ARP 2600, oder nicht? Nein, keineswegs. Ebensowenig wie ein ARP Odyssey ein ARP Odyssey ist. Dieses Phänomen ist speziell bei ARP zu beobachten, da hier grundlegende Module wie VCO oder (noch wichtiger) VCF im Laufe der Produktionsjahre verändert wurden. Ein Minimoog klingt hingegen in der Tat wie ein Minimoog. Ob man ein Modell mit Ser. No 6XXX oder ein Modell mit Ser. No 11XXX hat, der Klang ist hier wie dort so gut wie identisch. Beim ARP 2600 (und ARP Odyssey) sieht dies jedoch anders aus …

Die große Filter-Frage

Frühe ARP 2600 Modelle haben das berühmte 4012 “Moog” Filter. Dieses Filter klingt in der Tat äußerst edel und ist in alle Richtungen musikalisch flexibel. Bei hoher Resonanz bekommt der Sound nach unten hin einen schönen “Bauch”, der Klang dünnt nicht aus. Dieses 4012 “Moog” Filter war immerhin bis 1976 im Einsatz, weshalb ein Großteil der ARP 2600 mit weißer Schrift über dieses Filter verfügen dürfte.

ARP2600-VCF-Graphic

Ab 1977 hat sich die Sache allerdings geändert. Nun wurde nicht nur die weiße Schrift durch ein kräftiges Orange ersetzt (manchen gefällt es, manchen nicht), auch intern wurde deutlich “umgerührt”. So wurde eine kleinere Hallspirale eingesetzt (hier klingen die früheren ARP 2600 durch die längere Hallzeit eindeutig besser) und das Filter – nun sind wir wieder beim Thema – wurde erneuert. Das “neue” 4072 VCF ist ein 4-Pol LowPass Filter, was sich so weit ja auch ganz gut “liest”. Doch wie in Fachkreisen allgemein bekannt ist, klingt es – Stichwort Filterresonanz – eindeutig nicht so gut wie sein Vorgänger.

“Gut” oder “nicht gut” sind jedoch sehr vage Begriffe. Kurze Erklärung: Während man beim 4072 VCF bei niedriger Resonanz mit keinen unerwarteten (negativen) klanglichen Resultaten konfrontiert wird (das Filter klingt dann wirklich gut und ansprechend, alles “ok”), ändert sich das bei höherer Resonanz. Dann dünnt der Klang deutlich aus (kein “Bauch” mehr im Sound) und das VCF kommt sehr schnell in klare Eigenresonanz. Der hier entstehende Sinuston ist sogar so exakt, dass man mit dem Filter “tonal” spielen kann, quasi einen weiteren Oszillator zu den bestehenden 3 VCOs erhält.

Doch was sich in der Theorie vernünftig anhört, ist in der Praxis nicht immer gleichermaßen spannend. Das “tonale Spielen” des Filters mag zwar ein netter Effekt sein, täuscht aber nicht darüber hinweg, dass “alle Sounds” bei höherer Resonanz flach und in Folge eventuell nicht so attraktiv klingen. Ja, dieser Sound animiert weniger zum Musikmachen, es fehlt etwas, auch wenn man beim Spielen nicht sofort sagen kann, woran es genau liegt.

ARP2600-Inside

Was nicht heißen soll, dass der späte ARP 2600 in dem Sinne “schlecht” klingt (der ARP 2600 ist nunmal ein sensationelles Instrument, Filter hin oder her). Doch wenn man das 4012 Filter einmal kennt, ist das 4072 Filter – im Vergleich – eben bei weitem nicht so flexibel einsetzbar. Sogar das allgemein hochgelobte “Filter Upgrade” (kleiner Eingriff in das 4072 Modul, womit ein höherer Frequenzbereich erzielt wird) ändert nicht viel an der (mehr oder weniger) doch recht einförmig klingenden 4072 Filter-Resonanz. Ein Problem, das übrigens auch die späten (orangen) ARP Odyssey (mit diesem VCF) betrifft.

Doch kein Nachteil ohne Vorteil. Immerhin hat ARP Ende der 70er Jahre aufgehört, seine Module in Harz zu gießen. Davon war ursprünglich ja nicht nur das Filter betroffen, auch VCOs und andere Module wurden zuweilen “luftdicht” verpackt (und in schwarze oder kupferfarbene Würfel gegossen), was aus heutiger Sicht eine Reparatur dieser “geschlossenen” Module zwar nicht gänzlich unmöglich macht, so aber doch deutlich erschwert.

“The critical circuits of the early 2600s were cast in epoxy blocks that are almost impossible to repair. Around 1975, ARP switched to potting the circuits with silicone rubber, then topping them with epoxy, which is less difficult to repair. A few years later they stopped potting altogether, resulting in circuits that can be easily fixed.”

(Mark Vail / Bob Moog in “ARP 2600 Most Popular Modular Synth” in: Vintage Synthesizers, Seite 128)

Wie im Foto oben zu sehen, sind bei diesem späten (orangen) ARP 2600 Modell hingegen alle Module – die kleinen, quadratischen aufgesetzten Platinen – “offen” und damit für Reparaturen zugänglich. So gesehen ist die letzte Version des ARP 2600 technisch wirklich die beste  – betreffend Servicefreundlichkeit und Reparatur.

ARP2600-4012VCF-Clone

Zusammenfassend: Alle ARP 2600 mit weißer Schrift und dem 4012 “Moog” Filter sind aus klanglicher Sicht quasi “perfekt” und absolut zu empfehlen. Alle ARP 2600 mit roter Schrift und offenen Modulen sind betreffend Reparaturen bzw. Service die bessere Variante und klingen immer noch sehr gut. Schön, was hat nun den Vorrang? Der “perfekte” Klang, hoffentlich.

Wer jedoch auch seinem “orangen” ARP 2600 den entsprechend “perfekten” Sound verpassen möchte, der sollte das Upgrade des 4072 VCF lieber gar nicht erst ins Auge fassen (es bringt nicht viel und jedes kleines Service “kostet” extra, oder?) und statt dessen einen 4012-Filter-Clone einbauen. Solche Module (wie abgebildet) gibt es z.B. bei synthrestore.co.uk zu erstehen.

* Nachtrag 2016: Ich habe dieses 4012 Modul einbauen lassen und bin vom Klang durchwegs begeistert. Es ist kein ganz originales 4012 VCF, kommt jedoch an den Klang der frühen 2600er Modelle heran und bringt den “Bauch” in den Sounds (mit hoher Resonanz) zurück. Zusammen mit den – extrem schönen – VCOs ist auch der “orange” ARP 2600 nun ein professioneller Genuss …

ARP2600-Cirocco-VCF

Man kann natürlich auch den Kontakt über den Großen Teich wagen und ein Filtermodul von CMS / Phil Cirocco alias Discrete Synthesizers bestellen. Phil ist sicher “die” weltweite Autorität rund um technische Modifikationen des ARP 2600!

* Nachtrag 2017: Nach Erhalt eines “Cirocco” ARP 2600 mit besagtem 4012 VCF Marke Eigenbau muss ich im Vergleich dem “originalen” 4012 VCF zugestehen, dass es doch noch etwas besser klingt. Das Cirocco-VCF ist sehr, sehr gut, absolut professionell, aber – wie immer ist dies natürlich Geschmacksache – um eine Spur “zu perfekt”. Vielleicht sind es gerade die ursprünglichen “Ungenauigkeiten” – siehe Beschreibung von Discretesynthesizers im Screenshot oben – die das Original eben so einzigartig machen.

3 Oszillatoren für Akkorde und mehr

Der große Luxus eines ARP 2600 sind natürlich seine 3 VCOs. Damit lassen sich Akkorde stimmen, dicke Oktav-Sounds erstellen, oder einfach “äußerst brachiale” Bass- und Leadsounds mit schönen Schwebungen erzeugen. Zudem ist jeder VCO als LFO nutzbar, so kann man seine Sounds mit nur einem VCO gestalten (das genügt meist, da der Klang so mächtig ist) und die beiden anderen VCOs zu Modulationszwecken verwenden.

ARP2600-VCO-compartment

Das Fehlen von Oktavschaltern mag für manche Musiker ungewohnt sein, doch in Wirklichkeit bieten sich mit den stufenlosen Fadern (gesamte Oszillator-Leistung von Low Frequency bis in höchste Audio-Bereiche direkt verfügbar) entschieden schönere musikalische Möglichkeiten. Jeder VCO kann – wie gesagt – als LFO verwendet und durch viele CV-Quellen moduliert werden. Der experimentelle Zugang zur Musik ist beim ARP 2600 in der Tat absolut einzigartig (und vorbildlich) gelöst.

Neben den unterschiedlichen Filtern hat es übrigens auch verschiedene Versionen der ARP 2600 VCOs gegeben. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass alle ARP Oszillatoren sehr kräftig klingen und absolut stimmstabil sind. Hier gibt es also keine “Fragezeichen-Kandidaten” in klanglicher Hinsicht.

Was im Konzept des Instruments jedoch überraschenderweise fehlt, ist ein Referenzton-Oszillator. Ein A=440 Hz Ton, wie ihn etwa der Minimoog bietet, oder das Roland System-100/-100M/-700 … So dürfte es für alle ARP 2600 Solisten der 70er Jahre, die LIVE auf der Bühne spielten, eine goldene Regel gewesen sein, zumindest einen der VCO-Frequenzregler unangetastet zu lassen, um so die “richtige Stimmung” des Instruments nicht zu verlieren (oder man holte sich in regelmäßigen Abständen das “A=440 Hz” vom Minimoog, der wohl häufig in der Nähe des ARP 2600 zu finden war).

ARP2600-VCF-compartment

Die Filter-Abteilung wurde “technisch” bereits beleuchtet. Was hier in der Musik-Praxis ein wenig fehlt, sind “noch mehr” CONTROL-Eingänge für das VCF. Drei Eingänge (KYBD CV, ADSR und VCO2) sind vorhanden, zwei davon über Regler steuerbar. Sie können sich natürlich durch drei andere CV-Quellen patchen / ersetzen lassen, aber dennoch: In Summe ist dies eindeutig zu wenig, wenn man dem Filter durch möglichst viele Modulationen ernsthaft zusetzen möchte (und genau danach verlangt ein ARP 2600 vehement). Über Multiples bzw. externe, kleine Mixer lässt sich das Problem natürlich deutlich verbessern.

Das führt zu dem kleinen Neben-Gedanken, dass ein ARP 2600 gerade im Zusammenspiel mit einem Eurorack Modularsystem heute mehr an musikalischer Flexibilität gewinnt denn je zuvor. Das Instrument kommt also aktuell erst in seine “goldenen Jahre”, was seinem flexiblen Konzept und seinen standardisierten Ein- bzw. Ausgängen (Mini-Klinkenbuchsen) zu verdanken ist.

ARP2600-Detail

Stereo und Federhall für mehr “Raum”

Eine Rarität bei monophonen Analog-Synthesizern ist der Stereo-Ausgang des ARP 2600. Das Panorama kann manuell oder über eine CV-Spannung gesteuert werden. Beispiele hierfür finden sich übrigens in den 100 Sound Charts, die ARP anno dazumal auf den Markt brachte (ein kleiner Aktenordner mit einhundert vorgegebenen, eingezeichneten Soundblättern). Die experimentellen Möglichkeiten betreffend Stereo sind jedenfalls eine Spezialität des ARP 2600 und sicherlich äußerst willkommen.

Schließlich noch ein Blick auf den Spring Reverb. Federhall kommt wieder in Mode. Immer mehr Firmen bieten ein solches Modul an – sei es nun Vermona (Vintage Spring Reverb VSR 3.2) oder Anbieter von Eurorack-Modulen wie auch von ganz klassischen Modularsystemen, beispielsweise COTK (C 905 Reverberation Unit) oder SYNTHESIZERS.COM (Q115 Spring Reverb). Der Federhall im ARP 2600 gehört klar zum “Vintage Sound” und verleiht dem Instrument einen spacigen, ja, angenehm räumlichen (und doch künstlichen) Klangcharakter. Zusammen mit den eingebauten Lautsprechern (bzw. alternativ der Kopfhörerbuchse bzw. Kopfhörern) wird der ARP 2600 damit zu einem “autarken”, völlig “für sich nutzbaren” Instrument. Einmal STROM bitte, dann kann man mit dem ARP 2600 loslegen! Unkompliziert und intuitiv – so soll es sein.

ARP2600-SampleHold

Während der Federhall beim “weißen” ARP 2600 recht großzügig bemessen ist, wurden beim “orangen” ARP 2600 auch in diesem Bereich (negative) Änderungen vorgenommen. Hier ist die Hallspirale deutlich kürzer, das Klangergebnis des Hall-Effekts damit auch weniger ergiebig …

Die kleinen / großen Extras

Das Herz jedes Klangtüftlers dürfte schließlich nochmals ein paar Sprünge machen, wenn Feinheiten wie Lag Prozessoren, Inverter, Sample/Hold, Noise (mit stufenlos wechselnden Klangfarben) und weitere Details im “unteren Drittel des ARP 2600″ zum Einsatz kommen. Hier lassen sich z.B. die Tonhöhen des ARP 2600 Keyboards “umdrehen” (wie es Joe Zawinul gerne tat, er spielte mit einer “normalen und einer “invertierten” 2600er Tastatur gleichzeitig!), hier lassen sich die Frequenzberiche von VCO und LFO (also, den umgeschalteten Oszillatoren) erweitern bzw. verfeinern, hier können Stereo-Modulationen abgegriffen und dem rechten bzw. linken Ausgang zugeführt werden (normales / invertiertes Sample/Hold zur CV-Steuerung der Lautstärken), hier lässt sich die Sample/Hold Clock direkt zur Triggerung der Hüllkurven abgreifen und vieles mehr.

“There’s a touch of Fisher-Price activity centre about it, both in its horizontal sliders and the way people often approach it – connect this up, push the slider, and see what happens.”

(Peter Forrest, “The A-Z Of Analogue Synthesisers”, Teil I, Seite 24)

Ringmodulator nicht zu vergessen, sogar der Mikrofon Vorverstärker findet sicher (auch ohne Mikrofon) seine Anwendungen, der Envelope Follower muss ja nicht unbedingt einer Gesangslinie folgen (sondern beispielsweise einem Drumcomputer) – man kann einfach experimentieren!

ARP2600-RingModulator

Na … was ist nun mit dem Klang?

Für alle, die sich mit der Lektüre von technischen Details nach Kräften langweilen und einfach die großen klanglichen Stärken eines ARP 2600 in wenigen Punkten in einer flotten Liste sehen wollen – bitte sehr! Doch gleich vorweg, es ist höchstens ein Auszug dessen, wozu das Instrument tatsächlich in der Lage ist.

Der ARP 2600 besticht vor allem durch:

  • Effektsounds aller Schattierungen und von feinster Qualität
  • Wuchtige Bass-Sounds (z.B. 3 VCOs mit kräftigen Schwebungen)
  • Sehr starke Lead-Sounds (oft genügt hier nur ein VCO!)
  • Drum-Sounds und Perkussives – das perfekte analoge Schlagzeug
  • Lebendige Sequenzer-Sounds (besonders in Kombination mit VC Panorama)
    _
  • Extrem schnelle Attack-Zeiten (“knackige” Bässe und “scharfe” FX-Sounds)
  • Hochwertiges HIFI-Verhalten quer durch den gesamten Audio-Bereich

In Summe macht jedoch …

… das Gesamtkonzept den Erfolg und hohen Stellenwert des ARP 2600 aus. Da verwundert es doch sehr, dass nur wenige Firmen heutzutage den so effektiven semi-modularen Aspekt in Kombination mit Schieberegler (in dieser durchdachten Art) berücksichtigen. Ken MacBeth ist eine Ausnahme, hat er doch mit seinem M5 einen Synthesizer-Koloss nach Vorbild des ARP 2600 erschaffen (und dennoch ist es ihm gelungen, die Benützerführung des M5 – trotz exorbitanter Größe des Panels – erstaunlich unübersichtlich zu machen, das nur am Rande).

ARP2600-InternaclConnections

Was Alan R. Pearlman und Dennis Colin 1970 mit dem ARP 2600 erschufen, darf als einzigartiges und zeitloses Konzept betrachtet werden: Ein vorverdrahteter, semi-modularer Synthesizer, der über Schieberegler simpel und schnell zu bedienen, über zusätzliche CV-Buchsen aber auch äußerst komplex zu verknüpfen ist. Schließlich aber ein 3-VCO Synthesizer, dessen Signalführung (und grafische “Hilfe” am Panel) trotz der komplexen Möglichkeiten absolut klar strukturiert und beinahe intuitiv zu erfassen ist. Und zu guter letzt ein 3-VCO Synthesizer, der einfach wunderbar funkig und freakig klingt, ein Instrument mit Charakter im Sound.

Wert des ARP 2600 …?

Nun, Wert … was soll man sagen. Der Synthesizer-Markt hat im fortschreitenden 21. Jahrhundert seine eigene Dynamik entwickelt – und diese sollte (hoffentlich) für viele Musiker klare Grenzen aufzeigen. Während man Ende der 90er Jahre noch einen ARP 2600 für ca. 3000 bis 4000 DM (umgerechnet maximal 2000 Euro) kaufen konnte, haben auch hier das inzwischen sehr geringe Angebot an ARP 2600 Instrumenten sowie Spekulationen die Preise in die Stratosphäre schießen lassen.

Mehr als 10 000 Euro für einen ARP 2600? Es sollte ein “Sicher nicht mit mir!” die Antwort sein. Wer das nötige Kleingeld übrig hat und sich einen lang ersehnten Traum  u-n-b-e-d-i-n-g-t  erfüllen will – bitte sehr! Der Verkäufer wird es natürlich danken. Doch mit etwas klarem Verstand überlegt man sich ernsthaft Alternativen, die möglicherweise NEU, ganz sicher aber deutlich GÜNSTIGER sind.

ARP2600-eBay2015

Alternativen zum ARP 2600

An erster Stelle bleiben wir natürlich ARP treu und sehen uns den ARP Odyssey (MKI / MKII) an. Immerhin hat dieser 2-VCO Synthesizer einige der experimentellen und so attraktiven Details des ARP 2600 mit auf den Weg bekommen. Speziell Odyssey MKI (weiß) und MKII (schwarz/gold) klingen fantastisch, wogegen viele MKIII Modelle (orange) wieder mit ARPs “4072 VCF-Problem” zu kämpfen haben und daher – klanglich – nicht ganz so empfehlenswert sind.

FÜR den ARP Odyssey (MKI / MKII) sprechen

  • Oszillator-Synchronisation (beim ARP 2600 gar nicht vorhanden!)
  • Integrierte Tastatur (kein 6-Pol Kabel mit Gefahr zum Wackelkontakt wie beim ARP 2600)
  • Manuelles HighPass Filter (auch wenn es musikalisch nicht “sooo” viel hergibt)
  • Sehr guter, extrem druckvoller Filter-Klang
  • Ergiebige experimentelle Möglichkeiten (z.B. VCO-Modulation auf das VCF über den kleinen S/H Mixer)

GEGEN den ARP Odyssey (MKI / MKII und MKIII) sprechen

  • Die äußerst problematischen Fader (sie sind von mittelmäßiger Qualität, sie kratzen, bleiben zuweilen sogar stecken oder brechen ab; Die Fader des ARP 2600 sind viel (!) zuverlässiger und deutlich besser gebaut)
  • Die kürzere Tastatur (3 Oktaven sind bei einem Instrument mit solch umfassenden klanglichen Möglichkeiten eine schmerzliche “Untergrenze”)
  • Das minimale Angebot an CV-Patchpunkten, genau genommen nur “ein” CV-Pedal Eingang (hauptsächlich für die VCF-Modulation nützbar)

ARPOdyssey-DieAuferstehung

Den preislichen Unterschied mit eingerechnet, stellt der ARP Odyssey (MKI und MKII) dennoch eine klare Alternative zum ARP 2600 dar. Dies wird nun im Jahr 2015 besonders spannend, da ARP (unter Federführung von Korg) den Odyssey wieder auf den Markt bringt. Und wie die “neuen” Synthesizer klingen? Wir werden es sehen …

Da viele ARP Odyssey das 4075 Filter verwenden (dies ist nun wieder ein anderes VCF, es klingt jedenfalls sehr gut), hier der Querverweis auf den BOOMSTAR 4075. Die Studio Electronics Boomstar-Serie ist “nicht” wirklich günstig und von der baulichen Qualität her “ok” (aber keineswegs exzellent, Stichwort wackelige Potis). Der Klang ist jedoch fantastisch … und da sowohl MIDI als auch schöne CV-Eingänge vorhanden sind, ist der BOOMSTAR 4075 mit ARP-Filter durchaus wiederum mit einer bestimmten Odyssey Serie (meist MKII, sprich schwarz-goldener Odyssey) vergleichbar.

Betreffend ARP noch ein Hinweis zu “allen” Fadern bei ARP Instrumenten. Sie haben – selbst beim ARP 2600 – eine Plastik-Achse und brechen überraschend leicht (es ist so, leider). Ein seitlicher Schlag und ab ist der Fader! Das könnte bei einem Vintage Roland oder Vintage Korg Synthesizer nicht passieren. Dort biegen sich die Fader (innen aus Metall) um, man kann sie im Normalfall wieder geradebiegen und alles ist gut. Nicht so bei ARP. Jedem Besitzer eines ARP 2600 oder Odyssey oder Axxe (oder sonstigen ARP Synthesizers) sei daher zu einem kleinen “Lager” an Ersatz-Fadern geraten … so lange es sie am Gebrauchtmarkt eben noch zu kaufen gibt.

ARP2600-SlidePotValues

Der ARP 2600 verfügt über 3 unterschiedliche Fader-Typen (100 LIN, 100 LOG – Audio, 1M LOG – Audio). Ein Mix aus beispielsweise “3×100 LIN / 2×100 LOG – Audio/ 1x1M LOG – Audio” sollte als Langzeit-Reserve das Überleben eines ARP 2600 für die nächsten Jahrzehnte wohl garantieren … zumindest was diesen Aspekt der Hardware betrifft.

An zweiter Stelle der “Alternativen” bleiben wir immerhin dem ARP 2600 Konzept treu und sehen uns den 2600-Clone TTSH (Two Thousand Six Hundred) an bzw. “erwähnen” ihn zumindest. Ein 1:1 Nachbau des ARP 2600 in Kleinformat (ca. ein Drittel kleiner) und mit beleuchteten Fadern, der seit 2013 angeboten wird. Beim Hersteller gibt es Gehäuse und Platinen zu erwerben, den Rest darf man selber zusammenbauen (oder den fertigen TTSH einem Techniker abkaufen, der die “Arbeit” übernommen hat).

Wie dem auch sei, es gibt hier sehr unterschiedliche Informationen (über Herstellungs- und Klangqualität des TTSH), daher sei jedem Interessierten die Suche nach Informationen und die eigene Meinungsbildung selbst überlassen. Auch aus der Website des Anbieters wird man (zugegeben) nicht so recht schlau.

Dennoch, die folgenden Youtube Videos helfen schon etwas weiter. In diesen Demos ist der TTSH gut zu hören:

Die Kunst der ausgefuchsten Effekt-Sounds scheint der Two Thousand Six Hundred jedenfalls gut zu beherrschen. Und da bei diesem Instrument Aufbau und Ergonomie des ARP 2600 exakt übernommen worden, hat man dank der (hier sogar beleuchteten) Fader den wichtigen intuitiven “optischen” Zugang zu allen Klangeinstellungen, wie eben beim Original. So manches “Krachen” im Sound klingt jedoch auch nach technischem Gebrechen, um ehrlich zu sein … daher: Man möge sich seine eigene Meinung bilden.

Link Hersteller (TTSH Bauteile): http://thehumancomparator.net

Drittens der Hinweis zu THE WARP: Ein ARP 2600 Nachbau “Made in Switzerland”. Das Modularsystem sieht sehr vielversprechend aus, es entspricht einem ARP 2600 ohne Lautsprecher und ohne Federhall (… vielen Dank an Mic / Moogulator für den Hinweis). Leider ist die betreffend Website mit Stand 2017 nicht mehr abrufbar.

An vierter Stelle noch die grundsätzliche Überlegung, ob ein Eurorack Modularsystem “mit den Möglichkeiten eines ARP 2600″ nicht die angesagte Alternative sein kann. Ein Doepfer Basis-System kostet beispielsweise 1790 Euro. Es beinhaltet so viele Module und Möglichkeiten, dass sich damit für Jahre (vielleicht auch Jahrzehnte) elektronische Musik “vom Feinsten” machen lässt.

ARP2600-SideView

Und man kann das Ganze sehr einfach erweitern, mit Modulen und Systemen anderer Hersteller ergänzen, man hat MIDI, etc. Wobei Doepfer ja nur ein Beispiel ist (immerhin beginnen viele User mit Doepfer Cases, um dann später weitere Module hinzuzufügen).

Noch treffender ist wohl der Hinweis auf AMSynths (Dank an “changeling”). Das britische Kleinunternehmen stellt hoch qualitative Eurorack-Module her, die speziell dem ARP 2600 nach empfunden sind. So lässt sich tatsächlich ein ARP 2600 im Eurorack Format nachbauen.

Puristen werden dennoch aufschreien und den Klangcharakter eines ARP 2600 nicht mit dem eines (beispielweise) Doepfer Modularsystems vergleichen wollen. Das ist natürlich richtig, doch zugleich vielleicht gar nicht die entscheidende Frage. Was kostet ein ARP 2600 im Jahr 2015 (6000 bis 10 000 Euro?), was kostet ein gutes Eurorack Modularsystem mit gleichen (oder gar erweiterten) Möglichkeiten (1800 bis 3000 Euro?) … diese Gegenüberstellung ist alles, worum es geht. Und weder ein ARP 2600 noch ein Eurorack Modularsystem ist Garant dafür, dass aus der einen oder aus der anderen Kiste mehr oder weniger “Musik” herauskommt.

ARP2600-ADSR

Was wir daraus machen, ist entscheidend … und nachdem immer mehr “leckere” Eurorack Module das Licht der Welt erblicken (wie etwa Verbos Harmonic Oscillator, spannende VC LFOs oder VC ADSRs, etc.), ist es in der Tat fraglich, ob man wirklich zig-tausende Euro in einen ARP 2600 investieren soll.

Schließlich noch die Frage, ob manche Musiker nicht mit einer Software-Version des ARP 2600 zufrieden wären. Keine Hardware-Probleme, keine verknoteten Kabel oder brüchige Kontakte. Alles speicherbar und noch dazu polyphon! Der Arturia ARP 2600V wäre hier zu nennen. Im Paket kommt der virtuelle ARP 2600 mit dem virtuellen ARP Sequenzer … Software macht es eben möglich!

Fazit

Der ARP 2600 gehört sicher zu recht zu den Top 3 der monophonen Synthesizer. Sowohl sein Konzept als auch sein Sound sind einzigartig. Die bauliche Qualität ist gut (die Fader laufen auch nach 40 Jahren noch reibungslos) und die Zugabe von Federhall und Lautsprechern machen den ARP 2600 zu einem völlig unabhängigen, in sich geschlossenen Analog-Synthesizer. Darüber hinaus ist er mittels CV-Punkten für andere Modulsysteme “offen” und prädestiniert für manche geschmackvolle Erweiterung durch ausgewählte Eurorack Module.

ARP2600-With-Keyboard

Während dieser “Alleskönner” sowie “bester aller Effekt-Synthesizer” (so es denn sei) bereits feste Plätze in zahlreichen Studios rund um die Welt gefunden hat und das Angebot an verfügbaren ARP 2600 Instrumenten selbstredend deutlich zurückgegangen ist, gibt es dennoch sehr konkrete Alternativen zu diesem Instrument: Einen originalen ARP Odyssey MKI oder MKII etwa (wie der “neue” Korg / ARP Odyssey klingt, bleibt noch abzuwarten), einen TTSH, einen WARP Synthesizer, ein üppiges Eurorack Modularsystem, oder entsprechende ARP 2600 Software-Synthesizer – um nur fünf von vielen möglichen Beispielen zu nennen.

Beispiele, die preislich mit großer Wahrscheinlichkeit nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was man heute für den originalen ARP 2600 ausgeben muss … für den inzwischen leider sehr teuren, dennoch aber nach wie vor so sympathischen, halbmodularen Synthesizer aus Amerika – den Heiligen Gral der Analogen.

ARP2600-TheRedConnection

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Noch ein Wort zu den Klangbeispielen. Der Großteil der Soundfiles wurde mit einem “frühen” ARP 2600 mit 4012 (“Moog”) VCF erstellt. Doch auch der “späte” ARP 2600 mit dem 4072 VCF trägt einige Soundfiles bei (sogar mit Einsatz der etwas fragwürdigen Filter-Resonanz – Hörbeispiel “ARP2600-Orange-Noises”). In Summe muss man feststellen, dass der ARP natürlich “sehr gut” klingt, vor allem der erstaunlich weite Frequenzbereich und die hohe Audioqualität sind überzeugend.

Doch möglicherweise tönt das Instrument – aus heutiger Sicht – gar nicht mehr sooooo spektakulär. Immerhin werden wir seit vielen Jahren mit hervorragenden neuen Analogsynthesizer beglückt, sei es nun mit einem Arturia MicroBrute (klein, aber sehr gut), einem MFB Dominion 1 (etwas größer und flexibel ohne Ende), mit diesem oder jenem Eurorack-System “vom Feinsten”, mit einem MacBeth Elements, mit dem neuen Tom Oberheim Two Voice Pro und vielem mehr. Und so kommt es, dass die außergewöhnlichen Effekt- und Bass-/Lead-Sounds eines ARP 2600 vielleicht gar nicht mehr so außergewöhnlich, sondern einfach nur “sehr gut” und in gewisser Weise bereits alltäglich und normal erscheinen.

Womit wir wieder beim Thema sind, bei der Frage nach dem tatsächlichen Wert des Instruments und ob die geforderten Preise für einen ARP 2600 im Jahr 2015 auch nur annähernd realistisch sind. Die Antwort darauf lassen wir nun offen, doch es lohnt sich darüber nachzudenken …

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ARP Poster, Foto und Patch Sheet

Wer die Oberfläche des ARP 2600 bis ins Detail genauestens studieren möchte, der kann sich hier das Poster zum ARP 2600 (Größe ca. 60x40cm) herunterladen und auf Wunsch auch ausdrucken. Eine Bereicherung für jedes Studio …

ARP2600-Tonus

Open / Download Poster ARP 2600 (jpg, ca. 60x40cm, 5,5 MB)

Open / Download Foto ARP 2600 (jpg, 2900x1900px)

Schließlich noch die Vorlage für individuelle Patch Sheets – zum Eintragen und “Speichern” von ARP 2600 Klangeinstellungen …

ARP2600-PatchSheet

Open / Download Patch Sheet ARP 2600 (gif)

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Links:

Test / Vergleich:
Studio Electronics Boomstar 4075 – der ARP Ersatz?

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11 Gedanken zu “ARP 2600
– Heiliger Gral der Analogen?

  1. Der Odyssey Mk. 2 ist nur ein unzureichender Ersatz für den 2600, wie ich aus einer jahrelangen paarweisen Haltung der beiden bestätigen kann: Diese Reihe des Odyssey hat nicht annähernd den Punch und die schiere Gewalt des 2600. Deswegen mußte dieser Odyssey auch irgendwann wieder gehen; der Mk. 1 ist da schon ein anderes Kaliber.

    Der 2600 mit 4012-Filter ist sicherlich auch verklärt im Kontext der Entstehungsgeschichte und dem drohenden Rechtsstreit mit Moog — ich hatte die Gelegenheit im Laufe der Jahre, mehrere 2600 mit Moog-Filter zu spielen und auszuloten und fand sie nett, aber ihnen fehlte das Fünkchen Eigenart, das den Charakter des orangefarbenen 2600 mit 4072-VCF ausmacht.

    Die obengenannten Zitate sind nicht Bob Moog zuzuschreiben; sie stammen zwar aus dem Buch von Mark Vail, gehen aber auf Timothy Smith bzw. Phil Dodd zurück, deren technische Anmerkungen den Artikel über den 2600 — Autor: Bob Moog — ergänzen.

    Der 2600 ist ein wunderbarer Synthesiser und sicherlich eines der letzten Geräte, das man mir aus meinen toten kalten Händen winden müßte — für einen heiligen Gral ist er jedoch schlicht und einfach mit zu vielen designtechnischen und konzeptionellen Lücken behaftet. Da sollte man schon die Kirche im Dorf lassen. Finde ich.

    • … stimmt, es gibt so manche Schwächen rund um den ARP 2600. Sie ändern jedoch wenig – nun meine Sicht – am einzigartigen Konzept des Instruments. Kein anderes Design eines Analogsynthesizers wurde so flexibel, “schlau” und übersichtlich gelöst. Die verwendeten Zitate stammen mit ziemlicher Sicherheit “nicht” von Bob Moog selbst, doch geht dies aus Mark Vails Buch nicht anders hervor.

      Dein Hinweis zum 4072 VCF ist sehr wichtig, denn es gibt nicht wenige Musiker, die speziell die letzte (orange) Version des ARP 2600 besonders schätzen. So machen die zusätzlichen Meinungen auch ein vielseitigeres Bild rund um das Instrument – vielen Dank!

  2. Warum eigentlich Doepfer als Modular-Alternative?

    AMSynths hatten zumindest (aktuell alles ‘Sold out’) VCO, VCA, VCF als Module:

    http://www.amsynths.co.uk/products/oscillators/am8027-arp-vco/ (der ist sogar brandneu = noch nicht erhältlich)
    http://www.amsynthstore.co.uk/AM8012_ARP_2600P_Filter/p1461448_6837969.aspx (Klon vom frühen Moog Klon)
    http://www.amsynthstore.co.uk/AM8019_Athena_VCA/p1461448_7544989.aspx

    Dazu eine Hüllkurve mit Fadern:
    http://www.amsynthstore.co.uk/AM8140_Dual_ADSR/p1461448_8718569.aspx

    In 5U gibt es zumindest von Corsynth einen Arp VCO.

    • … danke, der Artikel wird um AMSynths noch ergänzt. Doepfer einzig aus dem einfachen Grund, weil viele damit beginnen – quasi das Modularsystem zum Einsteigen. LG

  3. Noch eine Anmerkung zum 4072-VCF: Ich habe bis dato keine Einschränkung des Frequenzverhaltens im tieffrequenten Bereich bemerkt; zwar setzt die Resonanz relativ unvermittelt ein (das kenne ich aber auch vom 4023-VCF), gerade im Bassbereich macht das Filter aber enormen Druck und geht geradezu klinisch zu Werke. Lediglich das oft bemängelte fehlende top end jenseits der 12 kHz — bedingt durch den dem 4072 und 4075 zueigenen Designfehler — fällt schon auf, vor allem im direkten Vergleich z. B. mit einem Mini Moog oder EMS. Das *könnte* man beheben, muß man aber nicht — eine der konzeptionellen Lücken, die man liebhaben kann, aber nicht muß (neben dem Fehlen einer zweiten ADSR-Hüllkurve oder fehlender Pulsbreitenmodulation bei VCO 1 und 3, z. B.). Meine Beobachtung des 4072 mag sich unterscheiden von anderen Erfahrungen; ich habe bei ARP immer den Eindruck gehabt, daß die Varianz nicht nur zwischen Baureihen, sondern auch innerhalb einer Modellserie z. T. erheblich sein können. Ein bißchen wie bei Electro Harmonix: Wir verbraten alles an Bauteilen, was wir haben, und was nicht paßt, wird passend gemacht.

    • … ja, absolut. Ab 1980 hat ARP alle Instrumente hinausgepulvert, die irgendwie “direktes Geld” einbrachten, was den Niedergang der Firma noch etwas verzögerte. Da gibt es sehr wunderliche ARP Odyssey Instrumente (und wohl auch ARP 2600), die in keine Baureihe passen. So ist es möglicherweise auch zu erklären, warum die Meinungen speziell bei den “orangen” ARP Synthesizern so weit auseinander gehen, während sich über den kraftvollen Klang eines frühen ARP 2600 oder eines weißen Odyssey (MKI) so gut wie alle User einig sind …

  4. Was man bezüglich der hohen Preise für den ARP 2600 und andere rare Synthesizer hinzufügen sollte ist, dass sich der Gebrauchtmarkt in den letzen Jahren zu einem Sammlermarkt entwickelt hat.

    Wer sich etwas mit Schallplatten, Leicas, altem Spielzeug, oder mit Oldtimern auskennt weiss was für “absurde” Preise für manch rare Stücke bezahlt werden. € 10.000 ist viel Geld für ein Synthesizer aber für klassische Instrumente wie Violinen zahlen Profimusiker locker € 10.000 aufwärts. Sammler bestimmen hier den Preis auch mit, nicht nur Musiker bei denen der Klang und die Funktion im Vordergrund stehen. Ein sehr gutes Instrument kostet sehr viel Geld, ob es nun neu, 30 oder 200 Jahre alt ist.

    Zu sagen Preis X ist zu hoch finde ich etwas vermessen denn in 10 Jahren wird ein solches Gerät zum Preis X vermutlich nicht mehr zu haben sein. Ich selbst habe einige Instrumente vor etlichen Jahren wohl überteuert gekauft ( der Autor dieses Artikels hätte mir damals wohl vom Kauf mancher Geräte abgeraten ) heute bin ich froh nicht gespart oder gewartet zu haben denn zu den damals bezahlten Preisen werde ich die Instrumente garantiert nicht mehr so schnell bekommen.

    Der Preis eines solch raren Instruments ist relativ, der Wert ergibt sich nicht über die Funktion und Austattung wie in diesem Artikel besprochen sondern über Klang, Zustand aber im Wesentlichen eben über die Verfügbarkeit. Die Verfügbarkeit ist sehr knapp und wird in den nächsten Jahren noch stärker fallen, die Nachfrage stärker steigen da sich immer mehr Menschen mit Analogsynthesizern und Drumcomputer etc. beschäftigen, durch Eurorack, Klone und Reissues werden die Originale nur noch populärer. Die Originale sind Kult, wachsen nicht mehr auf den Bäumen nach und wurden in lächerlichen Stückzahlen gebaut. Man kann ganz klar davon ausgehen dass die Preise für Synthesizer wie ARP 2600 noch erheblich anziehen werden.

    Wer das Original wirklich will, sollte sich besser jetzt umsehen. Wer Stückzahlen und Preise manch alter Leica Kamera kennt kann sich ungefähr vorstellen was bei Synthesizern preislich noch möglich ist.

    • … interessanterweise haben auch die neuen Quasi-Klone wie Moog Voyager (oder Tom Oberheim SEM) die Popularität der eigenen Urahnen nicht geschmälert. Ein Minimoog steigt (und steigt) im Wert … er (und so manch anderer Klassiker wie der ARP 2600 oder Oberheim 4-Voice) sind am besten Weg, die “Leicas” der Synthesizer-Geschichte zu werden …

      Noch erstaunlicher ist, dass exzellente NEUE Analoge – wie z.B. ein MFB Dominion 1, ein Cwejman S1, ein GRP A4, ein HORNET Synthesizer, etc. – nicht den gleichen Stellenwert finden (zumindest nicht auf Anhieb) wie die großen Klassiker, obwohl sie neu sind, musikalisch meist (deutlich) mehr können, über moderne (MIDI) Schnittstellen verfügen und ebenso ihren eigenen Klang-Charakter haben. Da keimt zumindest der Verdacht, dass die Klassiker eben auch mit dem oben genannten “Kult-Status” teuer bezahlt werden (müssen).

      Letztlich entscheidet natürlich jeder selbst, wie viel ihm diese und jene Investitionen wert sind (und ob das Preis/Leistungsverhältnis – und der musikalische Nutzen der betreffenden Investition – im Vergleich zu anderen Instrumenten gerechtfertigt ist).

  5. Einen Kommentar zum TTSH. Ich besitze einen und ich möchte darauf hinweisen das die meisten Youtube Demos schlichtweg nicht gut sind. Zu experimentell, zu wenig musikalisch. Die ersten TTSH versionen hatten noch ein paar kleine Layout bugs. bzw. Schaltungsfehler die sich aber schnell beheben lassen. Generell braucht er den Vergleich mit dem Original nichts zu scheuen. Bei meinem Kracht jedenfalls nix (mehr). Allerdings muss man technisch relativ versiert sein um sich einen zu bauen und die beschaffung der Bauteile ist nicht immer einfach, da diese weitgehend Original sind. Die Baukosten für einen TTSH liegen übrigens bei ca 900 – 1000 Euro

    • … ja, “nicht gute” YouTube Demos sind (leider) dann doch negative Werbung für ein Instrument. Danke für die Ergäzungen!

    • Lieber Sebastian,
      es würde mich freuen von einem TTSH Besitzer einmal ein ordentliches Youtube Video zu sehen, dass das wahre Klangpotential des TTSH zeigt.

      Ich spiele nämlich mit dem Gedanken mir einen zu bauen, bin aber ebenfalls mit dem bisher im Netz verfügbaren Sound nicht wirklich überzeugt.

      Danke Theo für Deine informativen Tests, Theo :>

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