Analogue Solutions POLYMATH
– Sound der 70er

Mit dem Polymath Synthesizer von Analogue Solutions beginnt eine Reise an unbekannte oder längst vergessene Orte.

Orte, an denen der Musiker im Dunstkreis aufgeheizter Emotionen noch selbst Musik macht, an denen ein summender Federhall zum guten Ton gehört, an denen der Sound von der Pieke auf erstellt werden muss und an denen Phantasie wie auch Wissen gefragt sind, so man zu bestimmten klanglichen Ergebnissen überhaupt kommen möchte. Orte, an denen Roadies noch ordentlich was zum Schleppen haben, an denen ein Schraubenzieher unverzichtbarer Teil des Equipments ist (Tuning) und an denen ein Synthesizer erst durch seinen mächtigen Tragegriff die Bezeichnung “Instrument” verdient. Schließlich aber Orte, an denen Originalität die Norm, Einheitsbrei hingegen die Ausnahme ist.

Der Polymath erscheint in vielen Punkten wie die Renaissance der 70er Jahre …

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Liebe auf den ersten …

Zugegeben, meine Begegnung mit diesem Instrument kann man durchaus als “Liebe auf den ersten Blick (und Ton)” nennen. In den heiligen Hallen eines befreundeten Musikers aus Köln stehend, erblickte ich den Polymath zum ersten Mal im Frühjahr 2015. Ein paar schnell angespielte Sounds mit dem integrierten Sequenzer genügten, um den Boliden von Analogue Solutions sofort auf die “ganz große Wunschliste” zu setzen. Dieses Instrument war meiner Aufmerksamkeit bis dahin entgangen und schien nun endlich ein (lang ersehnter) besonderer Analogsynthesizer zu sein, etwas Neues, aber zugleich etwas Großes, etwas Mächtiges.

Ob die hohe Erwartung nun zutrifft, das gilt es im Folgenden zu erfahren …

“Halllloooo? Da wäre ein Päckchen für Sie …”

Der Polymath kommt in einer sehr großen Box, einem massiven Karton, der so manchem Postboten wohl das Fürchten lehren dürfte. Und gerade wegen dieser gewaltigen Ausmaße ist man schließlich sogar ein wenig enttäuscht, dass der Synthesizer selbst “nicht ganz so groß” ist.

In der Box befindet sich Folgendes:

  • Polymath
  • Stromkabel
  • 2 LED Lampen
  • 10 Patchkabel à 30 cm
  • 5 Patchkabel à 60 cm
  • 2 Splitterkabel (dual Mono > Stereo)

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“Nicht” in der Box ist ein Handbuch (schade, schade). Kein echtes Problem natürlich, da man das Polymath User Manual (55 Seiten) auf der AS Website herunterladen kann. Dennoch überrascht es, dass bei einem 4000+ Euro Instrument der Käufer – wenn auch indirekt – freundlich aufgefordert wird, seine Anleitung selbst zu drucken. Die hierfür erforderliche Investition von ca. 8 bis 10 Euro (Ausdruck + Spiralisierung des Manuals, sofern man eine etwas gepflegtere Lösung bevorzugt) hätte in der Preiskalkulation des Instruments sicher noch Platz gefunden. Und sie würde beim Auspacken des Polymath den wichtigen (und sehr befriedigenden) “Ich habe alles!” Effekt seitens des Käufers zur Folge haben.

Aufbau

Rein optisch ist der Polymath absolut mächtig. Mit den Maßen 68 (B) x 60 (H) x 23 (T) Zentimeter und einem Gewicht von 15 kg ist er ein beeindruckendes Stück Musikinstrument. Das massive Gehäuse, die Seitenteile aus edlem Vollholz, die im Licht leicht regenbogenfarben glänzenden silbernen Potis sowie das klare optische Design mit viel Platzangebot und großzügiger Beschriftung zeichnen den Synthesizer aus.

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Der Polymath verfügt über:

  • 4x VCO
  • Sub-Oszillator
  • VC VCF (LP / BP / HP / Notch)
  • VC VCA
  • 2x ADSR
  • 2x LFO
  • 6-Kanal Mixer
  • Sample / Hold
  • Ring Modulator
  • Noise
  • Multiples
  • Inverter
  • Sequenzer / Arpeggiator
  • Mono / Poly Key Modes
  • Federhall (Accutronics)
  • CV / Gate
  • MIDI

“Och, da kommt ja gar nichts raus …”

Zunächst einmal ist die Ungeduld bekanntlich unser aller größter Feind. Wozu in Manuals lesen, wozu lange studieren und grübeln? Doch ach herrje, man schalte den Polymath ein, schließe ein MIDI Keyboard an, verbinde das Instrument mit dem Mischpult und stelle fest: Da kommt rein gar nichts!

Bei näherer Betrachtung überrascht die Tatsache, dass der Polymath zwar fix und fertig mit fest vorgegebenen Modulen kommt, zugleich aber der Signalweg als solches “nicht” vorverdrahtet ist. Oder sagen wir: Nur zum Teil. Der Mixer hat leere Eingänge, das VCF erhält ohne Hilfe kein Audio-Signal und vom VCA kommend benötigt es ebenso ein Patchkabel, damit der Haupt-Ausgang “mit Federhall” zumindest einen Hauch von analogem Pieps von sich gibt.

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Gut. Nachdem die erste Hürde genommen ist und sowohl Mixer wie auch Filter und der finale Ausgangsbereich des Polymath mit nötigem Kabelwerk versorgt sind, kommt der heiß ersehnte erste Sound. Und von da an ist man an jenen Orten, von deren Existenz man bislang (mehr oder weniger) noch gar nichts wusste, oder deren Existenz man im Laufe der letzten Jahre / Jahrzehnte schlichtweg wieder vergessen hat.

Sound der 70er

Analogue Solutions selbst wirbt betreffend Polymath mit dem “Klang der 70er Jahre”. Und ja, da ist was dran. So einen wilden, ungestümen (und vor allem charaktervollen) Synthesizer bekommt man am aktuellen Markt praktisch kaum. Da surren die Filtersweeps, da knacken die Hüllkurven, da beben die Lautsprecher … da rauscht es ein wenig im Audiopfad, da übersteuert und pfeift es.

Der Klang ist wild und ungestüm, wobei ganz speziell das MultiMode VCF allererste Sahne ist (wenngleich mit einer unerwarteten “Besonderheit”, doch dazu später mehr). Alles analog, keine Mogelpackung – darauf legt Analog Solutions offenbar Wert (und das rechtfertigt wohl auch – eingebettet in großzügiger Hardware – den etwas höheren Preis des Polymath).

Neben dem Grundklang per se tragen vor allem Step-Sequenzer und Federhall wesentlich zum “Feeling der 70er Jahre” bei. Im Gesamtpaket hebt sich der Polymath wohltuend von vielen sehr guten – aber eben nicht so recht “eigenwilligen” oder “charakterstarken” – modernen Analogsynthesizern ab.

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“DU bist der Musiker …”

Zugegeben, das Eigenwillige und Charakterstarke des Polymath ist nicht immer ein Honiglecken (noch so ein Merkmal, das an viele Instrumente der 70er Jahre erinnert). Oder – um es im Volksmund zu sagen: Das Leben ist keine Schoki! Unmissverständlich stellt der Polymath fest: “DU bist der Musiker, also kümmere dich um deinen Sound!” Dabei geht es gar nicht um fehlende Speicherplätze oder mangelnde Total-Recall Möglichkeiten (ach, ein Narr, wer an dergleichen auch nur denkt!).

Bereits die Tatsache, dass trotz klar definiertem Signalweg keine durchgehende Vorverdrahtung zu finden ist – somit schon ein halbes Dutzend Kabel für den bloßen Grundsound von Nöten ist – spricht für die Eigenwilligkeit des Instruments. Denn immerhin ist alles offen und man kann den 6-fach Mixer statt für Audio-Quellen für CV-Quellen verwenden, kurz gesagt den Signalweg bzw. die Module auch anders nützen (z.B. als Signalweg “ohne” Audio-Mixer vor dem VCF).

Dann sucht man nach den Oktav-Schaltern der VCOs. Keine da! Was tun? Man nehme die stehende CV-Spannung des (nicht aktivierten) Sequenzers, leite sie über Multiples auf einzelne Oszillatoren und stelle dort mit unterschiedlicher Modulationstiefe die entsprechenden Oktaven (oder andere Intervalle) ein. Mittels Inverter lassen sich auch Unter-Oktaven/Intervalle (zum Grundton) erzielen. Wie man eben will.

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Schließlich möchte man den Arpeggiator zum Leben erwecken. Aber in der ARP Einstellung passiert nun rein gar nichts! “Bitte zuerst die Clock anlegen” – so die Devise. Immerhin kann besagte Clock ja alles Mögliche sein. LFO 2 zum Beispiel, oder MIDI Gate, oder …

Diese und viele andere Situationen machen klar: Der Polymath fordert den Musiker! Mitdenken, Hand anlegen, Experimentieren und Lösungsuchen sind angesagt. Denn immerhin hat der Polymath sehr viel zu bieten. Und wie man all die Einzelheiten (Haupt- und Zusatzmodule) miteinander verbindet, das ist dem Benutzer (zumindest zu einem gewissen Teil) selbst überlassen.

Die VCOs

Sie kommen im 4er Pack: Die Oszillatoren. Und sie geben dem Instrument indirekt seinen Namen: POLYmath. Denn im Poly-Modus springt der Sound von einem VCO zum nächsten. Wie anno dazumal beim Korg Mono/Poly.

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Alle VCOs sind – beinahe – identisch aufgebaut. Ein Blick auf die Grafik genügt, um die Oszillatoren so weit zu verstehen. Bemerkenswert: Jeder VCO hat seine eigene Portamento-Zeit. Und VCO 2 wie auch VCO 4 können zu Modulationszwecken (FREE RUN) eingesetzt werden.

VCO 1 bietet zudem einen Sub-Oszillator, womit in Summe satte 5 Oszillator-Signale verfügbar sind. Nun macht der großzügige Mixer (6 Signalwege) natürlich auch Sinn, denn immerhin können zusätzlich noch Noise, RingMod sowie (je nach Wunsch) externe Audio-Signale in den Mixer geroutet werden.

Das MultiMode VCF

Exzellent. Was soll man auch sagen? Das VCF ist unglaublich edel. Nicht immer einfach zu handhaben (Vorsicht: Bissige Resonanz) und keineswegs von der Mainstream-Stange. Gut, es erinnert in der Tat an ein Oberheim SEM Filter (so gesehen also doch etwas Mainstream), allerdings hat es sein eigenes Verhalten.

Wie der Grafik zu entnehmen ist, verfügt das VCF über die Modi

  • LowPass
  • BandPass
  • HighPass
  • Notch

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Nun wäre es nicht der Polymath, wenn die Sache damit gegessen wäre. Erstens “muss” man am Filter-Eingang ein Audio-Signal anlegen (von wo auch immer es kommt). Dann “muss” man den VCF Ausgang mit dem VCA Eingang verbinden (man folge der gestrichelten Linie).

Dann stelle man fest, dass alle 4 Filter-Modi einen eigenen Ausgang haben. Nun “könnten” diese Filtertypen einzeln an den Mischer (sofern frei) gelegt und dort separat ein- und ausgeblendet werden (für drastische wie auch subtile musikalische Ergebnisse – BandPass mit einem “Hauch” Notch gefällig?). Und schließlich ist das Filter-Signal (mit Wahlmöglichkeit der einzelnen Modi) an der VCF Buchse nochmals vorhanden, falls man – zum Beispiel über externe Module / Modulsysteme – einen weiteren, parallelen Signalpfad eröffnen möchte.

Bei genauerer Betrachtung ist weiters zu sehen, dass es in der Filter-Abteilung 2 CV-Eingänge gibt, die Hüllkurve positiv und negativ auf das VCF wirken darf und auch die Velocity (vom MIDI-Interface kommend) hier eingestellt, wie auch – etwas ungewöhnlich – abgegriffen werden kann (um so beispielsweise den VCA oder die Pulsweite der VCOs über Velocity zu modulieren).

Die Hüllkurven

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Im klassischen Doppelpack: Die Envelopes. Zweimal ADSR, das ist uns allen bestens bekannt. Angenehm flexibel sind die Trigger-Möglichkeiten: (Interner) Sequenzer, MIDI, externes Trigger-Signal (von einem Modularsystem oder anderen Step-Sequenzer etwa) sowie “manual” Trigger. Jede Hüllkurve kann positiv oder negativ abgegriffen werden – beispielweise für spezielle Auto-Bend Effekte der 4 VCOs (nun wieder im Zusammenspiel mit den Multiples und dem Inverter, als kleiner Tipp).

VCA und Hallspirale

Der Verstärker hat etwas angenehm Befriedigendes. Es ist ein simpler VCA, der wahlweise über ENV 1, ENV 2 oder GATE gesteuert werden kann bzw. in der Position THRU offen bleibt, sprich mit Hold versehen wird. Zusätzlich gibt es einen CV-Eingang. Punkt. Klein und fein, der VCA. Von hier weg geht das Signal an das Mischpult oder – sofern gewünscht – durch den Spring Reverb. Die Abteilung der Accutronics Hallspirale bietet Regler für den Eingang (IN), für den Hallanteil (WET) sowie das “trockene” Ausgangssignal (DRY).

Der MIX Ausgang bietet schließlich alles im Paket: “This is the wet effect signal plus the dry signal.” (Polymath User Manual, Seite 31)

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Sequenzer und Arpeggiator

Nun, auch der Sequenzer ist sehr puristisch ausgelegt. 8 Fader (= 8 Schritte) … und fertig! Doch so einfach er ist, so angenehm ist seine Bedienung. Die Fader haben einen sehr langen Reglerweg. Und alles Wichtige ist – simpel, aber durchdacht – vorgegeben. Die CV-Spannung der 8 Schritte kann zweimal abgegriffen werden (hier kommen wieder Multiples und/oder Inverter als gedankliche Assoziation ins Spiel), die Schritte gehen via PITCH direkt auf die Tonhöhe der Oszillatoren, oder als CUTOFF auf die VCF Frequenz. Für die Steuerung der VCOs und des Filters ist also “kein” zusätzliches Patchkabel nötig! Und wie schon gelernt, können die beiden ADSR Hüllkurven per Schalter – unabhängig voneinander – ebenso direkt an die Sequenzer-Clock geroutet werden.

Auf den ersten Blick nicht ganz ersichtlich, bietet der Step Sequenzer zudem einen separaten Trigger Sequenzer. Mit dem im Gleichtakt der Sequenz blinkenden STEP ON Button wird per Hand jeder “aktive” Schritt eingetippt. Die CV-Spannung läuft natürlich durch, doch mittels unabhängigem Trigger-Signal lassen sich rhythmische Variationen (Pausen) eingeben. Simpel, schnell und gut.

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Der Arpeggiator bietet die Modi UP, DOWN und UP/DOWN. Mittels RANGE wird das Arpeggio schließlich eine Oktave unter bzw. eine Oktave über dem Original nochmals wiederholt. Da sich der Arpeggiator die Reihenfolge (!) der eingegebenen Noten merkt und zudem – interessant, interessant – über einen eigenen Clock-Eingang verfügt, ist er in der Tat doch recht flexibel. Parallel zum Arpeggio laufen die 8 Steps des Sequenzers mit, sodass man sofort die CV-Steuerung des Filter mit dabei hat (einmal am Sequenzer-Regler CUTOFF drehen, fertig) …

Mono und Poly

Dieses exzellente Feature wurde bereits kurz erwähnt. Stichwort VCO-Sequenzing. Während im Mono-Mode der Polymath als mächtiger 4 VCO Synth die Wände zum Wackeln bringt, springt er im Poly-Mode von einem VCO zum nächsten. Und dies ist nun ein Sahnestückchen, vielfältig kreativ einzusetzen bei Live-Soli (jede gespielte Note klingt anders, hier lässt sich das eigene Spielen geschmackvoll darauf abstimmen), über MIDI-Sequenzing oder z.B. über den internen Arpeggiator … pro Note wechselt der VCO, während das VCF von den 8 Sequenzer-Steps moduliert wird. Es ist alles nicht wirklich einzigartig oder unerhört neu, doch in der Umsetzung so simpel und klar, dass der Lust des spontanen Experimentierens wenig Grenzen gesetzt sind. Zudem der Klang des Polymath so sagenhaft knarzig / analog / 70er mäßig klingt, dass das Gesamtpaket ein rundum positives Ganzes ergibt!

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Extras

Derer gibt es viele.

DETUNE: VCO 2 und VCO 4 werden verstimmt – für einen maximal fülligen Unisono Sound (oder “lebendigere” Arpeggio-Poly-Effekte, wie anno dazumal die verstimmten Voicecards einen Roland Jupiter-4 etwa).

VCO CV: Globale CV-Steuerung aller VCOs, sehr angenehm. Beispielweise für simple Vibrato-Effekte (mittels LFO) oder Autobend-Kreationen (mittels +/- Hüllkurve).

PWM: Globale PW Modulation aller VCOs, unabhängig von den einzelnen PW-CV-Eingängen bei den Oszillatoren selbst …

LFO 1 und LFO 2: Sie dienen nicht nur der Modulation, sondern auch als Taktgeber (für den Sequenzer etwa).

MIDI Modulation Wheel CV: Direkter CV-Ausgang des Midi-Interfaces, hier werden die Daten des Modulationsrades (Masterkeyboard oder MIDI-Steuerung via Computer) als analoge Spannung übertragen.

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Sample & Hold: Zum Selberbasteln. Der für klassisches Random nötige Rauschgenerator befindet sich direkt im Anschluss an das S/H Modul. Einfach Patchen!

Ring Modulator: Zum Selberbasteln. A IN plus B In macht OUT. Simpel und gut.

Inverter: Schon mehrfach erwähnt. Speziell mit den (zweifach vorhandenen) Multiples ein Segen. Sequenzer-Spannungen lasen sich umdrehen, LFO-Modulationen zu invertierten Effekten verbiegen, etc. Alles ist möglich …

MIDI: An dieser Stelle ein kleiner Stop. Die MIDI Umsetzung ist sehr schlau gelöst (wie vieles andere auch am Polymath, das dürfte inzwischen klar geworden sein). Folgende Parameter stehen vom Midi-Interface kommend als CV-Spannung zur Verfügung:

  • ACCENT: Velocity Werte “über 80″ erzeugen einen Trigger. So kann man Betonungen (Akzente) setzen und beispielsweise die Filterhüllkurve nur bei speziellen Noten einer Sequenz zum Einsatz bringen. Sehr musikalisch.
  • MAIN Gate: Eingehende MIDI Noten erzeugen ein Gate Signal. Simpel und einfach. So kann man (als Clock eingesetzt) den Sequenzer manuell steuern … mit jeder gespielten Note gibt es einen neuen CV-Wert (für “schräge” Melodien oder Filter-Effekte im live gespielten Solo).
  • CLOCK: MIDI Clock, spricht für sich.
  • CC #55 und CC #56: Einfach am Computer MIDI CC Werte programmieren und hier als zusätzliche Controller-Informationen zur Verfügung haben. Schön.

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Headphones: Nicht zu unterschätzen. Ein Kopfhörer-Anschluss ist zuweilen ideal, sofern man nicht das ganze Studio in Betrieb nehmen will (nur um dem Polymath ein paar Töne zu entlocken). Und nachdem das Instrument mit Sequenzer und vor allem eingebautem Federhall akustisch recht autark ist, machen schnelle Performances mit Kopfhörer am Polymath absolut Sinn (und viel Freude).

Praxis – der “Boah Eh” Effekt

Nun, “Boah Eh” kann alles sein. Gutes wie Böses (oder nennen wir es einfach “Gewöhnungsbedürftiges”). Doch ob so oder so: Es ist in jedem Fall eine Wohltat, dass der Musiker beim Polymath gefordert wird. “Mach deinen Sound gefälligst selbst!” flüstert das Instrument aus allen Buchsen. So darf man sein Random mit der Hand basteln (“Boah Eh, muss ich das jetzt echt machen oder was?”), so muss man die Oktavspreizung der Sequenzer-to-PITCH Einstellung selbst vornehmen und das eben richtig (oder nicht richtig) hören (“Boah Eh, klingt ja krass!”), so muss man dem Arpeggiator erst eine analoge Clock geben, bevor dieser überhaupt zu spielen beginnt (“Boah Eh, mach schon, faule Kiste!”)! Musikalisches Verständnis, Anstrengung und Mitdenken sind gefragt.

Doch zugleich werden alle Mühen umgehend belohnt, denn immerhin haben (fast) alle Bemühungen auch sehr charaktervolle und charmante musikalische Ergebnisse zur Folge.

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Gutes:

–   Fantastische Sounds. Nicht unendlich flexibel (“wo” gibt es das schon?), aber sehr charakterstark! Highlights: Die 4 VCOs und das enorm farbenreiche Filter.

– Es rauscht. Ein gutes Zeichen? Ja. Hier arbeitet noch ein echter VCA, hier klirrt die Hallspirale. Nebengeräusche gehören zum guten Ton eines Analogen!

– Forderung des Musikers. Eigeninitiative ist gefragt. Von selbst geht gar nichts – der Polymath spricht echte Musiker an! Willkommen zurück in den 70ern …

– Flexibilität. Die Verknüpfung aller Haupt- und Nebenmodule ist zuweilen nervig, ermöglicht insgesamt aber flexiblere Performances am Polymath bzw. (sehr wichtig) im Zusammenspiel mit MIDI und/oder anderen Synthesizern/Modularsystemen.

– Großzügigkeit. In Zeiten der kleinen (und dennoch erstaunlich leistungsfähigen) Tisch-Synthesizern ist eine absolute (!) Wohltat, an einem massiven Instrument wie dem Polymath zu arbeiten. Große Beschriftung, klare Modul-Unterteilungen sowie die beiden LED-Lampen sorgen für exzellenten Arbeitskomfort.

– Design. Der Polymath ist optische Eleganz. Hochwertige Holz-Seitenteile, glänzende Potis, geschmackvolle LEDs, noble Schwanenhals-Beleuchtungen. Die Ausstrahlung des Polymath ist enorm (und fördert natürlich die Hingabe zum Instrument).

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Gewöhnungsbedürftiges:

– Keine Oktav-Schalter in der VCO Sektion. Tonhöhen können aber mittels (statischer) CV-Spannung vom Sequenzer über einen Bereich von 5 Oktaven angepasst werden. Etwas umständlich, zugleich aber musikalisch “freier”, da man mittels Fader (eben der CV-Spannung) stufenlos durch den Audio-Bereich fahren kann.

– Das VCF geht “nicht” in Eigenresonanz. So ist es auch nicht möglich, das Filter als separate Klangquelle einzusetzen. Ob seiner flexiblen Struktur (und seinem soundtechnischen Design der 70er Jahre) überrascht dies einerseits. Andererseits ist die Anlehnung an das Oberheim SEM Filter offensichtlich – und auch dieses klassische Filter geht “nicht” in Eigenresonanz.

– Der Sequenzer vermisst einen klaren “ON” Button (nur “OFF” ist vorhanden) … sobald z.B. die Einstellung auf LFO 2 erfolgt, legt der Schrittmacher im Tempo von LFO 2 los. Kein Problem im dem Sinne natürlich, jedoch ungewohnt. Auch der Arpeggiator braucht eine eigene Clock, was auf den ersten Blick wenig praktisch erscheint (auf den zweiten Blick aber mehr Freiheit bedeutet, da z.B. der Sequenzer – bei entsprechender Teilungsziffer wie etwas EXT+16 – wiederum die Arpeggios transponieren kann!)

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– Mixer ohne CV-Kontrollen. Nun, das wäre die echte Sahne des SIGNAL SUMMING gewesen: Ein Abschwächer pro Kanal. Die Lautstärkeregelung ist allerdings nur manuell möglich. Speziell das Ein/Aus/Überblenden aller 4 Filter-Modi wäre mit individuellen CV-Eingängen ein wunderbares Betätigungsfeld. Via zusätzlichen Modulen (externes Modularsystem) kann man sich aber natürlich Abhilfe verschaffen …

– Die Fader und speziell die Potis sehen exzellent aus, wackeln aber leicht. Und die kleinen Patchbuchsen sind “nicht” mit dem Gehäuse verschraubt (steckt man ein Kabel in MIX Out etwa, biegt sich der darüber befindliche DRY Regler gleich mit). Auch wäre es optisch sehr hilfreich gewesen, wenn die Buchsen eine silberne Öffnung – oder weiße Umrandung – hätten. Im etwas schummerigen Studio-Licht steckt man zuweilen durchaus mal blind “ins Schwarze”, da die Buchsen nicht so genau zu sehen sind.

Fazit

Nun darf keinesfalls der Eindruck entstehen, dass das Gewöhnungsbedürftige überwiegt. Einige Dinge lassen sich in der Tat hinterfragen (wie die fehlenden Oktavschalter der VCOs), doch so manche ungewohnte Aspekte haben letztlich auch positive musikalische Nebenwirkungen.

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In Summe ist der Polymath ein fantastisches Instrument. Ein echtes Instrument für echte Musiker. Ein Instrument mit dem Sound (und Charme) der 70er Jahre! Tom Carpenter ist zu diesem großzügigen Synthesizer zu gratulieren – mit dem einzigen angefügten Wunsch, bei einem eventuellem Update des Instruments die 3,6mm Klinkenbuchsen visuell zu verfeinern und diese fest mit den Gehäuse zu verschrauben.

Der Polymath ist ein kreativer und inspirierender Synthesizer mit einem durch und durch charaktervollen Klang! 50 Minuten Audiofiles sind angehängt. Besonders zu empfehlen: “Notch 2″ – unserer Meinung nach einer der schönsten Sounds des Polymath, da sich der Notch-Anteil ein- und ausblenden lässt und so ein äußerst lebendiges Klangbild entsteht! Auch “Sawtooth” ist sehr zu empfehlen – ein mächtiger Analogsound per excellence!

Viel Spaß beim Hören …

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Analogue Solutions POLYMATH
4-Voice Paraphonic Analogue Synthesizer

Preis: 2799 GBP + MwSt. + Versand

Website Hersteller:
http://analoguesolutions.com/polymath-paraphonic-modular-synth

2 Gedanken zu “Analogue Solutions POLYMATH
– Sound der 70er

    • … das COTK Model 15 hat eine eigene Klang-Qualität, die nicht zu überbieten ist. Obwohl der AS Polymath mit Step-Sequencer / Arpeggiator, MIDI und den vielen Extra-Modulen (Ring-Mod, S/H, MultiMode VCF mit vielen Ausgängen, etc …) ein sehr spannendes Konzept darstellt, spielt das Model 15 klanglich in einer Liga für sich.

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