Yves Usson – Mitentwickler
des Arturia MiniBrute

Yves Usson (aka yusynth)

Yves Usson (aka yusynth) vor zwei seiner Modular Systemen (links: sein selbst gebauter Modular Synthesizer, rechts: ein synthesizers.com Modular System)

GS: Yves bevor wir über den MiniBrute sprechen, kannst Du uns bitte ein wenig über Dich erzählen?

Yves Usson: Nun, ich bin 55 Jahre alt und lebe in Grenoble in den französischen Alpen. Schon als Kind fühlte ich mich von Wissenschaft und Technologie angezogen. Als Teenager (in den 70er Jahren), galt mein Interesse Radiogeräten und zu dem Zeitpunkt begann ich über Elektronik zu lernen, ein Selbststudium mittels Bücher und Zeitschriften. Nicht ganz zufällig wurde ich damit auch Leiter des Elektronik-Verbandes an meiner High-School. Nach dem Schulabschluss ging es an die Universität, wo ich zwei langweilige Jahre in der Medizin verbrachte, bevor ich zur Biologie wechselte. Dort habe ich alle Prüfungen in Zell- und Molekular-Biologie absolviert und schloss 1985 mit dem Doktorat ab.

Während dieser gesamten Zeit ist meine Leidenschaft für die Elektronik weiter gewachsen. Ich habe die ersten musikelektronischen Schaltkreise gebaut und mein erstes Modularsystem, den US1.

Nach der Universität verließ ich Frankreich für ein paar Jahre und ging als Wissenschaftler nach Neuseeland. Dann ging es zurück nach Grenoble wo ich eine Stelle an der C.N.R.S. (Centre National de la Recherche Scientifique), dem Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung in Frankreich, bekam. Das ist ein Full-Time-Job an der Universität, in der Forschung. Dieser berufliche Werdegang bedeutete einen Einschnitt in meinem privaten Musikelektronik-Bereich. Die nächsten 25 Jahre widmete ich mich der Computer-Programmierung. Doch im Jahre 2000 kam ich im Internet zufällig auf eine Synthesizer DIY Seite (DIY = Do-It-Yourself). Dann entdeckte ich noch viele weitere Seiten mit gutem Material, mit Schaltplänen, Service Manuals und anderen Dingen. Das alles war also verfügbar und auch die Komponenten für diese elektronische Schaltkreise (Transistoren, OPamps, etc) gab es zu kaufen. Damit war klar: Mein „altes“ Hobby war zurück und ich wollte sofort mein eigenes Modularsystem bauen.

Arturia MiniBrute

Arturia MiniBrute – Der Synthesizer des Jahres 2012

GS: Wann hast Du mit dem Musikmachen begonnen und welcher war Dein erster Synthesizer?

Yves Usson: Nun, als Kind hatte ich zwei Jahre Musik-Unterricht. Eigentlich wollte ich Akkordeon lernen. Leider war der Unterricht zu jener Zeit (zumindest in Frankreich) aber nicht sehr inspirierend, im Gegenteil, er war akademisch und langweilig. Daher verlor ich auch bald mein Interesse, mehr noch, er hinterließ für mich den Eindruck, dass ich „kein“ Musiker war.

Doch vielleicht war genau das die Ursache, warum mich Synthesizer später so faszinierten. Sie eröffneten ganz neue Wege zur Musik, neue Möglichkeiten. Da geht es mehr um den Klang und nicht so sehr um die Harmonie oder richtige Melodie, etc. Nach einem meiner Sommer-Jobs kaufte ich alsdann meinen ersten Synthesizer, den Yamaha CS-10, das war im Jahre 1978. Ich konnte mir – außer dem Kawai 100F – damals kein anderes Gerät leisten. Der Korg MS-20 war einfach zu teuer. Da startete ich mein DIY Projekt, den Bau meines ersten (eigenen) Synthesizers, dem US1, ganz uneigennützig für „Usson Synth 1“ stehend. Das war 1980.

Usson Synth 1

Yves erster selbstgebauter Modular Synthesizer, den er im Jahe 1980 designt und selbst gebaut hat

GS: Produzierst Du eigene Musikstücke?

Yves Usson: Nun, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, dann spiele ich auf meinen Instrumenten. Diese Momente genieße ich sehr, es ist entspannend, ja, beruhigend. Zwar mache ich meine eigene Musik und natürlich würde ich sie mit anderen teilen, aber grundsätzlich habe ich keine musikalischen Ambitionen. Wie gesagt, ich sehe mich nicht so sehr als „Musiker“ in dem Sinne. Ab und zu gelingt mir auch ein Stück, dessen ich mich gar nicht schämen müsste. Solche Demos stelle ich dann auf Soundcloud.

GS: Kannst Du uns etwas über Deine Website und Deine Synthesizer-DIY Projekte erzählen?

Yves Usson: Wohl aus praktischen Gründen startete ich eine Website zu meinem Musikelektronik-Hobby im Jahre 2000. Das war zunächst auf meinem Webaccount der Universität, doch um 2005 herum erkannte ich, dass der verfügbare Webspace für die mittlerweile vorhandene Datenmenge nicht mehr ausreichte. Mein Yusynth Projekt umfasste viele Informationen, denn das Ziel war eindeutig: Ich wollte einen professionellen modularen Synthesizer bauen und alle dafür notwendigen Dokumente sollten mit der Synthesizer-DIY Gemeinde geteilt bzw. für diese zugänglich gemacht werden. Das war dann der Start für meine eigene Website. Ich kaufte einen Domainnamen, wählte einen Provider aus und spielte alle Daten auf den neuen Webspace, wie man es eben so macht.

Yves' wall of synthesizers

Yves Sammlung Modularer Synthesizer

SDIY ist für mich ein Hobby, kein Brotverdienst. Es freut mich, wenn Dokumente und Schaltpläne anderen zugänglich sind, wenn sich andere Enthusiasten mit diesem Thema beschäftigen. All jene, die bereit sind ihren eigenen Synthesizer zu bauen, werden auf meiner Seite die nötigen Unterlagen dazu finden. Mit etwas Stolz kann ich sagen, dass viele Leute rund um den Globus Yusynth-Module gebaut haben. Auch sehr schöne Modularsysteme sind da dabei, basierend auf meinen Entwürfen. Einige der Elektroniker schicken mir Bilder ihrer gebauten Instrumente, manchmal sogar eine CD mit Audioaufnahmen des betreffenden Synthesizers. Es ist ein schönes Gefühl Musik zu hören, die von Instrumenten stammt, die auf deine Schaltkreise aufbauen.

PPG-100 Modular

Ein seltener PPG-100 Modular, dazu Yves “it sounds krautrock as hell!”

Daneben ist die Website natürlich eine gute Gelegenheit um den Leuten mein Studio zu zeigen, ihnen meine Instrumente zu präsentieren. Da gibt es schon interessante Synthesizer, etwa ein großes Synthesizers.com System, ein Macbeth M5, ein Club Of The Knobs oder MOS-LAB System … und so weiter. Einige Sammlerstücke der Vintage-Ecke sind auch dabei, wie das absolut herrliche PPG100 Modular System, ein Minimoog, der schon genannte Yamaha CS10, dann ein Yamaha CS15, ein Roland SH5 und SH7, ein Teisco 100F und noch ein paar andere Dinge.

Club of the Knobs Modular

Yves Club of the Knobs Modular

GS: Welche Synthesizer – neben dem MiniBrute natürlich – sind Deine liebsten Instrumente? Wie sieht Dein aktuelles Setup aus?

Yves Usson: Oh, das ist eine schwierige Frage. Mein liebster Synthesizer? Ich liebe alle meine Instrumente. Sie alle klingen interessant und haben unterschiedliche Klangfarben. Klar, bestimmte Synthesizer nützt man häufiger als andere, aber so ganz eindeutig kann man keine Präferenzen setzen. Im Gegenteil, ich komme immer wieder auf beinahe schon vergessene Geräte zurück und es ist wunderbar, ihr Potenzial neu zu entdecken. Doch ich versuche etwas konkreter zu werden. Also, das Club Of The Knobs System ist ganz exzellent. Das ist die Modular-Ecke. Im Bereich monophoner Synthesizer würde ich den Teisco 110F als heißen Kandidaten nennen, doch auch den wunderbaren Minimoog darf ich nicht vergessen.

The MOS-LAB Modular

Yves MOS-LAB Modular

GS: Wann hat sich Arturia entschieden, den etwas ungewöhnlichen Schritt vom Software- zum Hardware-Synthesizer-Hersteller zu machen. Wie bist Du zum Arturia Projekt gekommen?

Yves Usson: Es war im Frühjahr 2010, als Arturia sich entschied, einen kleinen monophonen Analog-Synthesizer zu bauen. Frédéric Brun (C.E.O. von Arturia) erzählte mir, dass die Entscheidung nach der NAMM Show fiel, denn von amerikanischen Händlern kamen viele Anfragen (also, von deren Kunden) nach einem kleinen, günstigen Analogsynthesizer, der gut in ein Heimstudio passen sollte.

Ich selbst kam über Antoine Back in das Team. Er ist ein Synthesizer-Enthusiast, den ich von einem Forum (www.anafrog.com) schon kannte. Arturia erkannte jedenfalls, dass betreffend MiniBrute ein Ingenieur für die Hardware fehlte und Antoine legte also die Brücke zu mir. Ich konnte auf entsprechende Erfahrungen verweisen, wohnte in derselben Stadt wie Arturia … das passte alles gut zusammen. So kam ich im Juni 2010 zum MiniBrute Team. Als Hobby-Techniker war diese Situation neu für mich. Ich habe auch nur deshalb zugesagt, da ich wusste, dass Arturia ein qualitativ hochwertiges Produkt und einen gut klingenden analogen Synthesizer bauen wollte. Jedenfalls, das Projekt hat mich überzeugt…

Some vintage friends!

Einige Vintage Klassiker aus Yves Synthesizer Sammlung

GS: Kannst Du uns etwas über Deinen Verantwortungsbereich bzw. Deinen Beitrag zum MiniBrute sagen?

Yves Usson: Ich wurde von Arturia angestellt, um die analogen Schaltkreise des MiniBrute zu erstellen. Die Klangarchitektur stammt von mir. In erster Instanz bestand meine Aufgabe darin, den Funktionsumfang des MiniBrute abzustecken. Das geschah natürlich in Zusammenarbeit mit dem Arturia-Team. So haben wir uns getroffen und in einigen Sitzungen verschiedene Kombinationen diverser Yusynth Module ausprobiert. Zu diesem Zweck habe ich ein 12U System mit verschiedenen VCOs, VCFs, LFOs, EGs. u.s.w. zusammengestellt. Daraus haben sich dann eine Auswahl und damit der Klangcharakter des MiniBrute entwickelt. Es war schön, das Leuchten in den Augen der VST-focussierten Arturia Ingenieure zu sehen, also sie die Klanggewalt „echter“ analoger Schaltkreise zu hören bekamen.

Kurz und gut, nach der Auswahl der Module ging es daran, den Prototypen des MiniBrute zu bauen, den Herstellungsprozess zu verfolgen und bei der Lösung technischer Probleme zu helfen. Das Benutzerhandbuch wurde erstellt, von Antoine Back und mir … zunächst in Englisch, dann bearbeitet von Craig Anderton, was eine große Ehre für uns war, denn Craig ist ein bedeutender Buchautor im Bereich des Electronic Music DIY. Schließlich wurde das Handbuch dann noch ins Französische und Japanische übersetzt (… aber nicht ins Deutsche, das tut mir leid).

Während all dieser Arbeitsphasen habe ich mit vielen Ingenieuren und Entwicklern zusammen gearbeitet (François Best, Antoine Back, Bruno Pillet und andere), aber auch mit sehr talentierten Sound-Designern (Jean-Michel Blanchet, Nori Ukibata), die mittlerweile auch zu meinen Freunden geworden sind.

Test session at Arturia

Test Session bei Arturia – Yves 12U System bestehend aus verschiedenen VCOs, VCFs, LFO, EGs aus denen die Module für den MiniBrute gewählt wurden

GS: Wie kam es zur Entscheidung dem MiniBrute ein Steiner Filter zu geben?

Yves Usson: Nun, einige Leute im Team haben sehr stark “für” ein klassisches 24dB LowPass Filter plädiert. Doch ich hielt dagegen und wollte lieber ein 12dB MultiMode Filter sehen, das eben mehr klangliche Möglichkeiten zu bieten hat.

Im Zuge der Überlegungen packte ich 3 Filter in mein Test-Gerät: ein Moog 24dB VCF, ein State Variable MultiMode Filter und ein Steiner VCF. Eine lange Testreihe begann, begleitet von einem Deutzend Arturia-Leuten, die den Filter-Vergleichen beiwohnten. Das Steiner war auch deswegen mit dabei, weil es eines meiner ersten Filter war, das ich bereits 1979 baute. Ich war davon überzeugt, dass es eine „gute“ Entscheidung bzw. eine Bereicherung für einen Mono-Synthesizer darstellen würde. Ich mag seinen ausgeprägten Klangcharakter, es kann weich und cremig bei geringer Eingangslautstärke sein, dann aber sehr aggressiv und hart bei höherem Input klingen. Darüber hinaus bereichert es als MultiMode VCF natürlich die klanglichen Möglichkeiten des MiniBrute sehr.

With François Best (Arturia's C.E.O.)

Testphase des Prototyps bei Arturia, Yves mit François Best

Das Filter des Korg MS-20 hätte ähnliche Vorteile geboten, da es aber schon in anderen am Markt erhältlichen Instrumenten verwendet wurde (Korg Monotron und Monotribe) war es für uns nicht von Interesse. Die Idee ein weiteres Instrument auf den Markt zu bringen, dass das klassische Moog Filter verwendet, fand ich ebensowenig aufregend. Nicht, dass ich es nicht mag, keineswegs, ich mag es sogar sehr. Es klingt fantastisch, doch gibt es schon unzählige Synthesizer mit genau “diesem” VCF. Für Arturia war das Steiner VCF keine leichte Entscheidung, es war gewissermaßen ein Pokerspiel, sich für ein solch ungewöhnliches Filter zu entscheiden. Doch wie man nun sieht, sind die meisten der Kunden sehr zufrieden. Der MiniBrute bietet damit einen etwas „anderen“ Sound.

Für den Einsatz im MiniBrute musste ich schließlich das Steiner Design noch etwas abändern. Wie Kenner der Modularszene wissen, tendiert das originale Steiner VCF dazu, bei hoher Resonanz instabil zu werden. So habe ich hier etwas eingegriffen mit dem Ergebnis, dass das Steiner Filter des MiniBrute nun etwas leichter zu kontrollieren und auch bei Selbstoszillation gut zu spielen ist. Irgendwann kamen wir sogar mit Nyle Steiner selbst in Kontakt, er begrüßte die kleinen Änderungen im Filter Design und gab noch einige zusätzliche Anregungen zu Verbesserungen.

GS: Kannst du die Brute Factor Funktion etwas näher erklären?

Yves Usson: Der Brute Faktor ist ein alter Trick, über den Minimoog-Besitzer in der Regel gut Bescheid wissen. Das Audiosignal am Ende der Klangerzeugung wird in den externen Eingang zurückgeführt. Dadurch entsteht ein übersteuerter Klang, der übrigens sehr vielseitig einsetzbar ist. Bei geringer Wirkungsweise, also bei geringer Übersteuerung, da wird der Klang warm und angenehm angezerrt. Man programmiere etwa einen klassischen Trompeten-Sound und setze den Brute-Faktor im mittleren Bereich ein … dann bekommt man einen schönen Vintage Klang-Charakter. Bei höheren Brute-Faktor Werten wird das klangliche Ergebnis natürlich chaotischer, extremer.

Arturia MiniBrute development

Vom Prototyp zum Serienmodell – Arturia MiniBrute

GS: Letzte Frage, wenn Du einen monophonen Synthesizer deiner Wahl kreieren dürftest, und Geld spielt bei der Entwicklung und Umsetzung keine Rolle, wie würde dieses Instrument aussehen?

Yves Usson: Das ware ein Instrument mit 4 synchronisierbaren VCOs (mit Sägezahn, Puls, Sinus und Metalizer), 3 VCFs (ein 12dB/Oktave MultiMode- sowie zwei klassische Moog LowPass Filter), zwei VCAs, vier HADSR Hüllkurven, ein stimmbares Dreiband-Resonanzfilter, ein Ringmodulator, 3 VC LFos, ein Rauschgenerator und 2 Random Voltage Quellen. Außerdem würde ich einen vollwertigen (digitalen) Sequenzer hinzufügen. Das ganze System müsste über eine gute Modulationsmatrix verfügen und natürlich hochwertig verarbeitet sein.

GS: Vielen Dank für das Interview. Und Gratulation an Dich und an das gesamte Aruria-Team zum MiniBrute, dem „Synthesizer des Jahres 2012“.

Yves Usson: Danke für die Auszeichnung!

November 2012 © Peter M. Mahr (Übersetzung Theo Bloderer)

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> MiniBrute Testbericht.

3 Gedanken zu “Yves Usson – Mitentwickler
des Arturia MiniBrute

  1. Yves ist nebenbei auch ein sehr netter Mensch, es macht richtig Spass sich mit ihm zu Unterhalten.
    Es gibt oft interessante Anekdoten zu erwähnen über seine angesammelten Synths, und sie klingen alle fein, mir hat dabei sein PPG100 wirklich besonders ins Herz geschlagen.
    Merci, für das Interview …

  2. Interessant sind die Aussagen von Yves Usson über den Synthesizer
    seiner Wahl im vorletzten Absatz.
    Also war die Idee des Matrixbrute im Jahr 2012 schon
    längst vorhanden :-)

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