Interview

John Bowen – Entwickler des SOLARIS Synthesizers

John Bowens neueste Entwicklung, der SOLARIS

John Bowens neueste Entwicklung, der SOLARIS

GS: Seit der Ankündigung und der eigentlichen Veröffentlichung des SOLARIS ist einige Zeit vergangen. Kannst Du uns etwas über die Gründe hierzu erzählen?

John Bowen: Ja, da gibt es zwei Hauptgründe warum wir einige Verzögerungen hatten. Zu den entscheidenden Zeitpunkten fehlte entweder die Finanzierung oder es fehlten die richtigen Leute, die an dem Projekt weiterarbeiten sollten (man könnte sagen, dass die Gründe in direktem Zusammenhang zueinander standen). Nachdem wir im Oktober 2006 mit dem Projekt gestartet haben, wurde die Hälfte der folgenden 5 Jahre (also bis 2011) am Solaris absolut „nichts“ getan – völliger Stillstand. Keine Programmierung, keine technische Entwicklung, absolut keine Arbeit wurde erledigt. Da hätte ich wissen müssen, dass wir bei der Frankfurter Musikmesse 2007 den Solaris zu früh vorgestellt haben, aber ich habe mir optimistischer Weise gesagt, dass sich die Dinge in einem Jahr oder so schon erledigen ließen!

Ein konkretes Beispiel zu den Verzögerungen. Da gab es ein „personelles Problem“ – ich hatte einen Programmierer aus Finnland angestellt, von dem ich dachte er sei die perfekte Person für den Solaris. Er hatte ein sehr gutes Verständnis dafür, wie man großartige Nachbildungen von analogen Schaltungen schafft, hatte einige exzellente Machbarkeitsnachweise gemacht, war sehr klug und ein netter Kerl. Er arbeitete 6 Monate lang daran, den Prototypen des Solaris zum Funktionieren zu bringen – gerade noch rechtzeitig, um den Solaris bei der Messe 2007 zeigen können. Nach dem Debüt haben wir nichts mehr von ihm gehört (nicht mal bis heute)! Ich war ziemlich besorgt, da ich keine Ahnung hatte was mit ihm passiert war und fand schließlich durch ein paar Freunde heraus, dass er noch am Leben und OK war. Jedoch gab es keine Erklärung dafür, warum er aufgehört hatte mit mir zu kommunizieren.

Daraus resultierte die erste Verzögerung in Form eines 6-monatigen Stillstandes, in dem gar nichts passierte – während Sonic Core nach einem anderen DSP Programmierer suchte.

Letztendlich hatten wir großes Glück, als sich der ursprüngliche DSP Programmierer des alten Creamware Unternehmens uns anschloss, um das Projekt durchzuführen.

GS: Wir haben unseren Testbericht mit „John Bowen Solaris – ein Lebenswerk“ tituliert. Stimmst Du dem zu?

John Bowen: Das ist die perfekte Beschreibung!

GS: Was war Deine Motivation, einen Synthesizer wie den SOLARIS zu entwickeln und was waren die größten Herausforderungen?

John Bowen: Als ich 1973 mit Bob Moog begann, hatte mein Einsatzschwerpunkt und meine Freude an der Arbeit mit Synthesizern sehr viel damit zu, dass ich direkt Parameter mit Drehknöpfen und Schiebereglern etc., steuern konnte.

John mit Bob Moog, Tokio 1973

John mit Bob Moog, Tokio 1973

Bei der Konstruktion von Instrumenten, bei denen ich involviert war, versuchte ich sicherzustellen, dass die Dinge klar und relativ einfach in der Handhabung waren. Als die Synthesizer immer komplexer wurden, lag die Herausforderung darin, alle verfügbaren Informationen zu handhaben und so versuchte man Wege zu finden, dies benutzerfreundlich zu realisieren.

Mit dem Prophet 3000 verwendete ich einen Softkey- / grafischen Display-Ansatz mit eingebetteten Menüs, bei denen das Drücken einer Schaltfläche den Benutzer „eine Ebene weiter runter“ zu einer neuen Position in der Parameterhierarchie führt und ein neuer Satz an Soft Key Bezeichnungen erscheint, etc. Jeder nachfolgende Softkey führt dich dann weiter in den Ebenen. Dies ging nicht sehr tief beim Prophet 3000. Als ich jedoch mit der Wavestation anfing, verwendete ich denselben Ansatz für die grafischen Benutzeroberflächen und trieb es auf die Spitze mit möglichen 5 oder 6 Ebenen, in die man vordringen konnte! Obwohl ich der Ansicht war, dass diese ziemlich logisch aufgebaut waren, war es auf der Wavestation mühsam, durch die Ebenen von Softkey-Menüs vorzudringen, diese dann zu beenden, dann wieder hinunter in eine andere Richtung zu gehen, etc. Und das war eines der Dinge, die mir durch den Kopf gingen, als ich begann den SOLARIS zu entwerfen.

Korg Wavestation

Korg Wavestation

Indem ich mehrere Displays verwendete und diese in logischen Blöcken anordnete, ähnlich der Art und Weise wie wir sie in den analogen Synthesizern (im Signalfluss von links nach rechts) angeordnet hatten, hoff(t)e ich, dass man sich einfacher und schneller im Solaris zurechtfindet.

Die größte Herausforderung bei dieser Vorgehensweise war, dass das Instrument, um das Blättern durch viele Untermenüs zu vermeiden, viele Parameter auf einmal darstellen musste. Darum machte ich das längste Display ausfindig, das ich zu diesem Zeitpunkt finden konnte, ohne den Weg der Sonderanfertigung einschlagen zu müssen (was auch viel mehr gekostet hätte). Idealerweise wäre immer Platz für 8 Parameter waagrecht, aber der optimale Nutzungsfaktor betreffend den Bedienungskomfort von Drehknöpfen ist 3 cm von Mitte zu Mitte. Das längste erhältliche Textdisplay hatte somit nur Platz für 5 Drehknöpfe. (Sogar mit 2,5 cm Abstand, die wir für das Grafikdisplay in der Mitte verwendeten, hätte man nur 6 Drehknöpfe unter den von uns verwendeten Textdisplays gebracht. Die Entscheidung bezüglich der Abstände bei dem Grafikdisplay fiel darauf, alle 5 Drehknöpfe innerhalb der Randabgrenzungen des Displays zu behalten).

John&friends

Charlie Bright (Korg R&D), Chris Meyer (Entwickler der Vector Synthese), John Bowen und Karl Hirano (Yamaha DX-7)

Durch die Einschränkung, dass ich maximal 5 Parameter pro Bildschirmseite einfügen konnte, musste ich die Anordnung des Software Plug-In, das 8 Parameter quer über die Oszillatorsektion hatte, für die nun vorhandene Hardware neu überarbeiten. Dies bedeutete wiederum, mehr Seiten zum „Blättern“ anbieten zu müssen. Ich wollte allerdings noch immer mehrfache Seitenüberlagerungen vermeiden, daher entwarf ich den Plan, variable Parameter sowohl auf der oberen Zeile als auch auf der unteren Zeile der 2 x 40 Zeichen-Displays zu haben – wodurch die Seitenüberlagerungen reduziert wurden. Dadurch wird der User jedoch gezwungen, die oben/unten Cursortasten zu benutzen, um den aktiven Cursor zwischen den oberen und unteren Zeilen zu bewegen. So funktionierte der erste Prototyp des Solaris und während dies wahrhaftig die Anzahl der notwendigen Seiten verringerte, war es frustrierend, ihn zu benutzen! Dauernd wählte ich einen falschen Parameter an, da ich vergaß zuerst den Cursor in die aktive Zeile zu verschieben.

Nachdem ich eine Zeitlang mit diesem System gearbeitet hatte, wusste ich, dass dies geändert werden musste. Ein einfacherer Zugang zum Solaris (und seinen Funktionen) musste her. So platzierte die Parameteranzeige in der oberen Zeile, und den Parameterwert direkt darunter in die unterste Zeile – dies erhöhte aber wiederum die Anzahl der Seiten, die man durchforsten musste. Diese Anpassung bescherte mir eine Anzahl von zusätzlichen Tasten für jedes Display, die wir letztendlich entfernten (von der Main/Mod Control). Ich behielt jedoch die Aufteilung der Main/Mod Parameter Sets bei, obwohl dies, nach der Anpassung, weniger Sinn machte.

Solaris Prototyp

Solaris Prototyp

Mit dem neuen System gab es auch ein paar Probleme und wir fanden heraus, dass es am einfachsten war, wenn der Benutzer eine Hand auf den Up/Down Operationstasten halten konnte, anstatt sie dauernd zwischen diesen und den Main/Mod Druckknöpfen bewegen zu müssen. Für manche machte es Sinn, ausschließlich die Up/Down Cursor zu verwenden, entweder durchgehend in eine Richtung (Wrap Mode genannt, bei der mehrfaches Auf oder Abdrücken einen alle Seiten „durchlaufen“ lässt), oder wie ich es bevorzuge, anzuhalten wenn man durch alle verfügbaren Parameter durchgeblättert hat (mit Wrap Set ausgeschaltet). Die ursprüngliche Idee – die Möglichkeit sich zwischen den Main Seiten und den Mod Seiten bewegen zu können – war jedoch noch immer gültig.

Letztendlich, wir kommen zum Schluss dieser Entwicklung, muss man noch immer mehr blättern als ich mir gewünscht hatte. Die Möglichkeit, Parameter hinzuzufügen oder upzudaten (ohne auf kreatives „Tastendrücken“ zurückgreifen zu müssen – drücken sie X während sie Y drücken um einen neue Art Filter zubekommen, zum Beispiel) war ferner das Leitprinzip für mich, und ich denke in dieser Hinsicht haben wir einen guten Kompromiss erreicht. Das Solaris Design bietet einerseits die Möglichkeit, durch hunderte Parameter zu navigieren und ist trotz alledem flexibel genug, zukünftige Updates im selben Rahmen durchzuführen. (Doch davon abgesehen, die zusätzlichen Kosten für mehrfache Displays, plus der zusätzlichen Arbeit mit der Montage, bedeutet aus heutiger Sicht, dass ich nicht noch einmal ein Produkt mit mehreren Displays machen würde!).

Sequential Circuits - Prophet-5

John Bowen hat 1978 die 40 Factory Sounds des Prophet-5 erstellt

GS: Der SOLARIS verfügt über virtuelle Minimoog Oszillatoren, über Wavetables, nachgestellte Oberheim, CEM- und SSM-Filter. Wie zufrieden bist Du mit der akustischen Qualität der verschiedenen Sektionen?

John Bowen: Ich bin mit dem Resultat sehr zufrieden. Unser DSP Ingenieur arbeitete sehr fleißig daran, alle Modelle so fehlerfrei wie möglich zu umzusetzen, aber er wollte auch das Aliasing im oberen Frequenzbereich verhindern. Der Minimoog und das CEM Modell sind sehr präzise ausgearbeitet und die Wavetable-Implementierung wurde originalgetreu gemacht, um ein guten Anteil an „digital dirt“ zu produzieren.

Abweichungen, die du in Vintage Synthesizern hörst, sind auf Unvollkommenheiten oder Unregelmäßigkeiten in den Schaltkreisen zurückzuführen … und diese ändern sich innerhalb eines Modells von Gerät zu Gerät (vergleiche z.B. einzelne Minimoogs oder Prophet-5 Modelle). Daher ist es nicht einfach, ein genaues Modell darzustellen – um hier genau zu sein benötigt man ein Teilsatz von Variablen, die man hinzufügen könnte und manchmal hat man dann ohnehin kein perfektes oder absolutes Modell zur Hand. Wir haben dies ausgiebig diskutiert, aber konnten das Ergebnis im ersten OS des Solaris als zufriedenstellend betrachten. Zudem hat man auch das Problem der Subjektivität – das heißt, für eine Person klingt dieses Filter gut aber für eine andere nicht. Wie modelliert man das?!

Ich glaube, dass letztendlich die meisten Leute mit der bereitgestellten Klanggüte des Solaris sehr zufrieden sein werden, da mein ursprüngliches Ziel „hohe Wiedergabetreue und Qualität zu bieten“ auf jeden Fall erreicht wurde! Was ich in Zukunft hinzufügen möchte sind mehrere Möglichkeiten, die Modelle auch mit ein paar fast unmerkbaren Unregelmäßigkeiten auszustatten (quasi das Unvollkommene hineinzunehmen), obwohl das vielleicht zum einen oder anderen Aliasing-Problem führen könnte.

GS: Glaubst Du, dass DSPs eines Tages die Hardware gänzlich ersetzen werden?

John Bowen: Hmmmmm… Ich würde sagen: Vielleicht. Dafür würde man einen ziemlich ausgeklügelten Satz an Algorithmen benötigen.

GS: Gibt es irgendwelche Dinge, die Du gerne dem SOLARIS hinzugefügt hättest, die aber jetzt noch nicht darin beinhaltet sind?

John Bowen: Da gibt es eine Reihe von Dingen aus meinem Pflichtenheft, die wir in der ersten Runde des OS’ nicht hinein bekamen, wie zum Beispiel:

  • Phase Modulation Oscillator (für DX-7 ähnliche ‘FM’)
  • User Wavetables
  • MultiTimbral Mode
  • DSP allocation optimisation (variiert den DSP load, basierend darauf, welche Objekte An oder Aus sind, zum Beispiel um bei den Oszillatoren eine höhere Polyphonie zu ermöglichen)
  • MultiMode Osc 2 – ein etwas ‘grungigere’ Version de MM1
  • Reverb
  • Multisample block object (die mehr als ein Sample pro Oszillator ermöglichen)

… und viele andere kleinere Justierungen. Hoffentlich können wir uns dem im nächsten Jahr widmen, nachdem wir die erste Produktionsphase hinter uns haben.

Z-1 Produktvorführung auf der Frankfurter Musikmesse

Z-1 Produktvorführung, vermutlich 1990 oder 1991 auf der Frankfurter Musikmesse

GS: Was ist Dein Lieblings-Feature des SOLARIS und wer glaubst Du ist die Hauptzielgruppe. Sound-Designer?

John Bowen: Lieblingsfeature? Hmmm … vielleicht die Tatsache, dass wir Modulationen bis in die AUDIO RATES laufen lassen und jedes Signal routen können wie wir wollen, ohne dass hierbei Rückkoppelungs-Probleme verursacht werden. Bei digitalen VSTi Systemen war das ein Problem, wegen der Rechnerleistung, die dafür benötigt wird (obwohl es da jetzt einige Plug-Ins gibt, die das übernehmen). Zum Beispiel erreicht man einige nette Effekte, indem man den Output der Filter/VCA in den eigenen Input führt.

Was die Hauptkunden betrifft: Offensichtlich, begann ich damit (wie viele Instrumenten-Entwickler), etwas zu produzieren, was meinen eigenen Interessen abdeckte. Also wenn es um Sound-Designer geht, sind das sicherlich meine primären Kunden … aber eigentlich kann es jeder sein, der hohe klangliche Qualität schätzt bzw. hohen Wert darauf legt und einen kompromisslosen Zugang zu dem haben möchten (über den Solaris), was sie gerne tun (eben Sounddesign).

GS: Was sind deine Zukunftspläne, hast Du sonstige Synthesizer oder Entwicklungen im Kopf?

John Bowen: Immer! Aber ihr erwartet doch nicht, dass ich darüber etwas erzählen werde, oder? :-)

GS: Der SOLARIS wird nicht in den USA, sondern in Europa hergestellt und zusammengebaut. Du verbringst vermutlich sehr viel Zeit auf Flughäfen und in Flugzeugen?

John Bowen: Ja. Mir macht das Reisen nichts aus – ich bin gerne in Deutschland (der Heimat meiner Großmutter) und besuche gelegentlich andere europäische Länder. Letztes Jahr war ich sechs Mal in Siegburg, mit je 2-3 wöchigen Aufenthalten. Ich fühle mich wie zu Hause, wenn ich dort bin, darum bin sehr froh, diese Gelegenheit zu haben Berufliches mit Privatem zu vermischen!

John Bowen Solaris

John Bowen Solaris (der spätere, weiße Prototyp)

GS: Was sind Deine allgemeinen Gedanken zu den Entwicklungen am Synthesizer-Markt?

John Bowen: Es gab immer schon die Suche nach einem Keyboard, das wie ein „echtes Instrument“ klingen würde. Man kann sich die Orgeln der Renaissance ansehen und dort Namen finden, aus denen Rückschlüsse auf bestimmte instrumentale Klangfarben gezogen werden können (Trompete, Flöte, etc.) … bis zu dem Zeitpunkt als die ersten Chamberlins (und dann Mellotrons) entwickelt wurden – dies blieb  der Kernbereich der gesamten kommerziellen Keyboard-Entwicklung. Ob man diese Instrumente „Synthesizer“ nennt, oder mit dem zur Zeit populäreren Begriff „Rompler“ versieht, es herrscht noch immer dasselbe Interesse, realistische instrumentale Klänge zu produzieren und zur Hand zu haben. Dies ist auch, wo der Großteil des Geldes herkommt – aus dem Verkauf an die Kunden und deren Anforderungen (CUSTOMER SALES and DEMAND). Produkte wie der Solaris befinden sich in einem Markt, den wir als Synthesizer-Nischenmarkt bezeichnen, sie sind somit für einen fachkundigeren Musiker gedacht. Bis jetzt kamen die echten Innovationen im Nischenmarkt von Herstellern modularer Synthesizer – und hier wächst die Auswahl sogar mehr als je zuvor! Da gibt es eine sehr aktive Community, die sich für die Erforschung und den Umgang mit Sound Design interessiert – das finde ich sehr spannend. Wenn man sich einige der „Dubstep“ Sounds, die sich zur Zeit großer Popularität erfreuen, ansieht, hört man einige ziemlich radikale und unkonventionelle Ergebnisse.

John mit seinem Sohn James und Billy Cobham, Seattle 2004

John mit seinem Sohn James und Billy Cobham, Seattle 2004

GS: Wie wir auf Facebook gesehen haben, machst Du noch immer Musik und genießt es sichtlich. Wie sieht Dein Heimstudio aus und welche Musik hörst Du und spielst Du gerne?

John Bowen: Worauf ihr euch wahrscheinlich auf Facebook bezieht, das ist die 70er Band, in der ich Bass spiele. Der Bass ist mein Hauptinstrument und ich bin am glücklichsten, wenn ich nur das tun kann. Bei Keyboards hat man so viel mehr zu tragen! (Und ich spiele meine Keyboards nicht gerne über mein PA-System zu Hause ab, tatsächlich benötigt man ein ordentliches Setup.) Weiters muss man sich bei Synthesizern mit viel mehr Problemen befassen. Der Bass hingegen ist schlicht und einfach, ohne viel Trara!

Die Musik die wir spielen würde ich nicht als meine Lieblingsmusik bezeichnen, da mir mehr Jazz Fusion und Funk gefällt … aber um 1980 hatte ich dann komplett mit dem Bassspielen aufgehört (um auf Keyboards zu wechseln), da ich wusste, ich würde diese Fähigkeit für die Synthesizer-Welt und meinen Beruf weiterhin und mehr denn je benötigen. Wie dem auch sei, nach 25 Jahren  habe ich den Bass wieder zur Hand genommen. Auch wenn die Musik nicht so komplex ist, ist es schön, die freudig lächelnden Gesichter der Leute zu sehen, wie sie bei diesen sehr beliebten Liedern, die wir spielen, mitsingen – somit bereitet mir das Spielen jetzt eine andere Art des Vergnügens. Zuvor war das viel mehr Ich-bezogen.

Um auf das Heimstudio zurückzukommen – ich habe keines. Als ich Plug-Ins für Scope machte, hatte ich das Scope-System auf meinem Computer und arbeitete an Vorgaben während ich die Plug-Ins entwickelte. Ich genoss es, die Sounds gleich zu spielen ohne diese wirklich aufzunehmen.

Theo Bloderer - Solaris Synthesizer - John Bowen

Ehrenvoller Besuch aus den USA. John testet unseren Solaris ausführlich und bestaunt den großen GRP A8.

Natürlich benötigte ich manchmal schon ein paar Audio Beispiele, da nahm ich einen Sound, spielte ihn live und nahm das als Demo auf. Ich habe keine DAW oder irgendeinen anderen Sequenzer – ich habe das seit meiner Zeit bei Sequential Circuits, als ich noch Präsentationen durchführte, nicht mehr gemacht. Damals produzierten wir solche Dinge entweder mit dem Commodore C-64 oder dem Studio 440, sobald das erhältlich war. Ich muss gestehen, ich war mir all der Dinge, wie die Leute heute Musik machen, nicht bewusst, da es mehr mit dem Arrangieren von Loops und dem Zusammenbauen von Teilen und der Orchestrierung zu tun hat – eben ein ganz anderer Ansatz. Offensichtlich ein sehr wertvoller, der in gewisser Hinsicht mehr mit der Fähigkeit, Daten zu bearbeiten, zu tun hat.

GS: Von all den Instrumenten die Du mitentwickelt hast, welche sind Deine drei liebsten Synthesizer?

John Bowen: Der Prophet 5 natürlich, die Wavestation und, naja, ich muss schon sagen: Der Solaris :-)

GS: Alles Gute John – und vielen Dank für das Interview.

John Bowen: Danke, dass Ihr mich hierfür eingeladen habt!

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Finden Sie hier den Link zu unserem SOLARIS Testbericht.

Dieses Interview ist eine Übersetzung des Originaltextes von John Bowen (englische Version).

Stefan Schmidt – Entwickler des SCHMIDT Synthesizers

SCHMIDT - achtstimmiger Analog Synthesizer © Design Box

Die aufsehenerregenden Neuerscheinungen im Segment der Analogsynthesizer waren lange Zeit rar gesät. Und doch ist ihre Zahl in den vergangenen Jahren stetig im Wachstum begriffen. Hier nimmt, wie wir meinen, eine erfreuliche Entwicklung ihren Lauf. Als eine der bemerkenswertesten Synthesizerentwicklungen der Gegenwart muss der SCHMIDT bezeichnet werden. Dies ist Anlass genug um unsere Interviewserie mit keinem Geringeren als seinem Entwickler Stefan Schmidt zu beginnen.

GS: Auf der Frankfurter Musikmesse 2011 hast Du den SCHMIDT das erste Mal einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt, was hat sich seit dem bei Dir getan?

Stefan Schmidt: Die Messe war in jedem Fall ein großer Erfolg für mich, auch, dass ich es nach der langen Entwicklungszeit von ca. 8 Jahren überhaupt soweit geschafft habe.

Nebenbei bemerkt, das Gerät war vor allem in dieser Größenordnung so nie geplant ebenso wenig wie die sehr lange Entwicklungszeit. Das Projekt wuchs ständig und am Ende hatte ich schon meine Zweifel es jemals fertig stellen zu können. Dass der „SCHMIDT“ auf der Messe einen so großen Anklang gefunden hat und hier und da sogar von einem Highlight gesprochen wurde, habe ich in diesem Maße nicht erwartet. Ein Erfolg, auch wenn sich bisher daraus noch kein finanzieller Erfolg ergeben hat.

GS: Wie kommt man eigentlich auf die Idee ein Instrument wie den SCHMIDT zu bauen?

Stefan Schmidt: Nun ja, die Wurzeln hierfür reichen sehr weit zurück. Eines meiner letzten Projekte bei MAM, vor ca. 9 Jahren, war der Nachbau des Moog Taurus I. Nachdem der Prototyp nach zahlreichen Vergleichstests, mit verbundenen Augen, vom Original klanglich kaum zu unterscheiden war, haben wir diesen auf der Messe vorgestellt. Es handelte sich – um diese möglichst kostengünstig anbieten zu können – vorerst um eine reine Expander-Version (also ohne Pedal). Bei entsprechender Nachfrage hätte ich dann die Pedal-Version „nachgereicht“. So war es zumindest geplant.

SCHMIDT Rendering - Vorderansicht © Design Box

GS: Vom Taurus zum SCHMIDT ist es ein beachtlicher Weg. Wie ist es zu diesen „Abweichungen“ von Deiner ursprünglichen Idee gekommen?

Stefan Schmidt: Das Taurus-Projekt ging total in die Hose und glaube mir, für uns gab es damals überhaupt nichts zu lachen. Das Interesse an unserem Taurus-Expander war so verschwindend gering, dass an eine Fortführung des Projekts nicht zu denken war. Hinzu kam, dass die Umsätze bei MAM „im Keller“ waren, uns also nur noch ein „Renner“ hätte retten können.

Ich muss sagen, dass ich damals vom Musikbusiness „die Schnauze voll hatte“. Es macht zwar irgendwie Spaß, die kopfzerbrechende Frage ob und wie man damit Geld verdienen kann, verdirbt einem aber mitunter den Spaß.

Infolgedessen schied ich bei MAM aus und begab mich auf Jobsuche. Nebenher habe ich an dem Taurus-Expander hobbymäßig (so machte dies auch Spaß!) weitergearbeitet, d.h, mehr und mehr Features hinzugefügt gleichzeitig aber Taurus-spezifische Features entfernt. Mir war nämlich zu Ohren gekommen, dass ein anderer Hersteller mit dem passenden Label dazu ebenfalls an einem Taurus arbeitet – das Thema Taurus in naher Zukunft also bald ausgelutscht sein würde. Obwohl der SCHMIDT aus dem Taurus entstanden ist, hat er mit diesem dennoch nichts mehr gemeinsam.

Da es ausschließlich ein Hobby-Projekt war, standen Kriterien wie Bedienbarkeit, Soundvielfalt, soweit mit dem vorhandenen, analogen Elektronik-Restbestand machbar, und Soundqualität im Vordergrund. Die Absicht ein vermaktbares Produkt daraus zu machen hatte ich nicht.

Nach ca. 3-4 Jahren war die monophone Version fertig, mit provisorischer Bedieneinheit, jedoch ohne Gehäuse. Die Elektronik habe ich von vorn herein auf der Basis mehrerer stackbarer Voicekarten (maximal 8) konzipiert, da ich als nächstes bereits eine duophone Variante in Planung hatte.

Die technischen Voraussetzungen zur Polyphonie waren prinzipiell gegeben und der noch folgende Aufwand für Bedieneinheit, Software und das Gehäuse wäre in Hinblick auf eine monophone Variante unverhältnismäßig hoch gewesen. Diese Überlegungen und die Tatsache, dass ich schon immer die alten analogen „Schlachtschiffe“ wie Jupiter 8, Matrix 12 usw. bewundert habe, mir diese aber nie leisten konnte, nun aber die Möglichkeit hatte selbst einmal ein solches „Schlachtschiff“ realisieren zu können, hat mich derart in den Bann gezogen, dass ich meinen Job gekündigt habe, um mich ausschließlich dem nun polyphonen Synthesizer zu widmen.

Den noch erforderlichen Zeitaufwand, vor allem für das Gehäuse, habe ich unterschätzt und aus geplanten zwei Jahren wurden letztendlich vier. Da auch meine finanziellen Mittel schneller als geplant erschöpft waren, wäre die Realisierung des sehr kostenintensiven Prototyps ohne die finanzielle Unterstützung der Fa. EMC nicht möglich gewesen. Ebenso war EMC als „Kenner“ analoger Geräte federführend bei der Gestaltung des gelungenen Designs.

SCHMIDT Rendering - Rückseite © Design Box

GS: Hattest Du denn nie die Absicht, daraus Kapital zu schlagen?

Stefan Schmidt: Definitiv nicht. Ich glaube, die Vermarktungschancen für analoge Großprojekte generell sind kaum mehr gegeben und sie hängen von sehr vielen Faktoren ab, die keineswegs kalkulierbar bzw. abschätzbar sind. Die Option auf ein Business besteht prinzipiell zwar immer, aber es planen zu wollen ist sehr schwierig.

GS: Welche Faktoren sind Deiner Meinung nach besonders kritisch?

Stefan Schmidt: Der meiner Meinung nach entscheidende Faktor ist die Entwicklung am Bauteilemarkt. Die rasante Entwicklung auf dem digitalen Sektor bietet sowohl genügend Potenzial an Innovationen als auch die Möglichkeit zur stetigen Senkung der Verkaufspreise.

Eher umgekehrt ist die Entwicklung auf dem analogen Sektor. Die Preisentwicklung geht nach oben. Neue Bauteile, die Hoffnung auf Innovation machen würden gibt es kaum. Und auch der reine Nachbau („Clonen“) wird wegen abgekündigter Bauteile immer schwieriger. Die Zeiten, als es noch analoge „Synthesizer-Chips“ gab – als Voraussetzung für die Realisierung analoger polyphoner Synthesizer – gehören längst der Vergangenheit an, diskrete Lösungen sind zumindest für Großprojekte kosten- und zeitintensiv.

Keine oder nur wenig Innovation bei den Analogen fördert nicht gerade den Kaufanreiz. Um diesen anzukurbeln ist man als Hersteller gezwungen wie auch immer die Preise zu senken oder mit anderen Ersatzlösungen einen „must have“ Effekt zu erzielen. Viele Hersteller sind da sehr erfinderisch und liefern auch gute Produkte. Die eigentlichen Qualitäten eines Produkts, sie waren ursprünglich musikalischer Natur, entscheiden aber immer weniger über den Verkaufserfolg, vielmehr hat das Marketing heute einen entscheidenden Anteil am Erfolg oder Misserfolg.

GS: No comment.

Stefan Schmidt: All dies zieht einen weiteren nicht außer Acht zu lassenden Faktor nach sich – analoge Legenden beruhen zwar auf einer antiquierten Technik, sind aber hinsichtlich ihrer Ausgereiftheit immer noch das Maß aller Dinge. „Neuanaloge“ können ihnen da nicht mehr das Wasser reichen, womit denn auch. Die Legenden entstammen letztendlich aus einer Zeit, in der es noch die Intention des Entwicklers war ein Musikinstrument zu bauen und keine „cash-cow“. Das spiegelt sich auch im Klang wieder, und der Begriff „legendärer Sound“ ist keineswegs nur eine Floskel!

Dies erschwert natürlich die Vermarktungschancen „Neuanaloger“. Sie haben nicht nur moderne Klangerzeuger als Konkurrenten – Stichwort „Preis“ – sondern auch die „Altanalogen“ wegen ihres hohen Images. Das „Clonen“ ist nichts anderes als ein Versuch aus diesem Image Kapital zu schlagen. Es gelingt umso besser, je mehr man dieses Image marketingtechnisch künstlich in die Höhe treibt. Innovation bleibt da auf der Strecke und ist vielleicht auch nicht erwünscht.

Um meiner zugegeben sehr kritischen Darstellung Wind aus den Segeln zu nehmen möchte ich abschließend bemerken – analoge Klangerzeuger haben ihre Daseinsberechtigung und sollten diese auch in Zukunft haben. Sie verdienen zu Recht die Bezeichnung „Musikinstrument“, vor allem deswegen weil sie sich aufgrund ihrer Fehler, Toleranzen und fehlenden Präzision durch ein hohes Maß an Natürlichkeit auszeichnen. Mögen digitale Klangerzeuger noch so gut klingen und wenig kosten, es sind und werden doch nur Rechenmaschinen bleiben.

SCHMIDT - Attraktion der Frankfurter Musikmesse

GS: Du bist vorhin auf die Probleme, die man als Entwickler analoger Schaltungstechnik hat eingegangen. Wie sah es denn bei Dir aus, z.B. in Hinblick auf die Verfügbarkeit von Bauteilen?

Stefan Schmidt: Ich verwende im SCHMIDT keine „alten“ Synthesizer-Chips, alle Schaltungen sind diskret mit noch verfügbaren Bauteilen realisiert. Natürlich basieren Hüllkurven und LFOs auf Softwarebasis. Die moderne Controller-bzw. Wandlertechnik ist mittlerweile so weit fortgeschritten, so dass diese reinen analogen Lösungen absolut ebenbürtig sind. Der Performance wegen und wegen der hohen Anzahl an Modulatoren sind beim SCHMIDT mehrere autonome Controller-Einheiten im Einsatz.

Die Gefahr abgekündigter Bauteile besteht natürlich auch beim SCHMIDT. Eine Abkündigung bedeutet nicht zwingend das Aus eines Projekts, da oftmals noch große Restbestände auf dem Bauteilemarkt existieren – auch mehrere Jahre nach einer Abkündigung. Die Beschaffung obsoleter Bauteile kann dennoch zu einem Problem werden, da sich von einem Moment zum anderen die Preise drastisch erhöhen. Bei knapp kalkulierten Produkten und hohen Stückzahlen ist dies eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Im Falle des SCHMIDTs sehe ich diese Gefahr hingegen nicht.

GS: Kannst Du uns bitte eine detaillierte Übersicht geben, was der SCHMIDT in der finalen Version an Bord haben wird?

Stefan Schmidt: Der Messe-Prototyp ist funktionell schon die finale Version, abgesehen von einigen Gehäuse-Modifikationen und der noch zu kompletierenden Software.

  • 8 Voices mit Multimode und Einzelausgängen
  • Zugriff auf alle Parameter über Bedienelemente

Pro Voice:

  • 4 analoge Oszillatoren
  • 5 analoge Filter:
  • 2 Moog Ladder Tiefpass-Filter mit Hochpass, Bandpass Erweiterung
  • 2 Duale Multimode-Filter, Distortion
  • 1 12dB-Tiefpassfilter
  • Jeweils separate Modulatoren (Envelopes, LFOs) für Filter und Oszillatoren
  • Stereo-Panning
  • Separater Master Envelope
  • Filter-Überblend Funktion
  • Controller: Joystick, Aftertouch, Mod-Wheel, auf alle Parameter routbar

GS: Lass uns mit den Oszillatoren beginnen. Vier Stück an der Zahl pro Stimme bieten einem so manches. Wodurch zeichnen sich diese aus?

Stefan Schmidt: Die 4 Oszillatoren unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Wellenformen

  • Osz1: Saw, Square, Pulse, Noise, 4-fach Pulse, Ringmodulator
  • Osz2: Saw, Square, Pulse, Noise, Ringmodulator
  • Osz3: Saw, Square, Pulse, Sync + Suboszillator
  • Osz4: mehrfacher Ringmodulator, “metallic Noise”

Dreieck- bzw. sinusähnliche Spektren können mittels Filter (davon gibt es ja genügend) generiert werden.

SCHMIDT - eines der frühen Platinenlayouts

GS: Kannst Du uns bitte „metallic Noise“ etwas genauer erklären?

Stefan Schmidt: Es entsteht durch eine Kette mehrerer Ringmodulatoren mit unterschiedlich gestimmten Oszillatoren. Es entsteht dabei ein rauschähnlicher Klang, der im Gegensatz zum weißen Rauschen auch deutlich hörbare harmonische Anteile besitzt, quasi auch eine „Tonhöhe“ hat. Ich habe es „metallic Noise“ genannt, da im Analogbereich auf diese Weise metallische Schlaginstrumente wie Cymbal, Hihat etc. nachgebildet wurden.

GS: Kannst Du uns im Falle der Oszillatoren erklären, was digital ist und in welchen anderen Instrumenten diese Technologie ebenfalls genauso verwendet wurde?

Stefan Schmidt: Das ist eine sehr gute Frage, auf die ich etwas genauer eingehen möchte.

Dass es sich bei meinen Oszillatoren um DCOs handelt hat sich sicherlich schon herumgesprochen. Dass diese Tatsache eine Diskussion entfachen wird, habe ich natürlich erwartet. Diese sollte aber wenn schon dann sachlich geführt werden und aufgrund mangelnder Sachkenntnis nicht zu einem „dummen Gelabere“ ausarten.

DCOs wurden seinerzeit entwickelt um eine marginale Schwäche klassischer analoger VCOs – ihre schlechte Stimmstabilität – in den Griff zu bekommen. Eine Variante besteht darin, einen VCO mittels eines digitalen Oszillators (stabil, da auf Quarz-Basis) zu synchronisieren. Die Wellenform erzeugt nach wie vor der VCO (also rein analog), mit dem Unterschied, dass diesem die Frequenz des digitalen Oszillators „aufgezwungen“ wird. Typische „DCO-ler“, die nach diesem Prinzip arbeiten sind z.B der Juno 6/60, Matrix 1000 oder Matrix 6.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Der technisch korrekte Begriff für diese Variante wäre eigentlich TCVCO „Timer Controlled VCO“. Der Begriff DCO „Digital Controlled Oszillator“ als Oberbegriff beinhalt auch Varianten, die rein digital realisiert sind, eine Tatsache, die sicherlich zum schlechten Ruf von DCOs beigetragen hat.

Ich habe bei meinen Oszillatoren die „TCVCO“ Variante übernommen, jedoch weiterentwickelt – vor allem ein sehr fein einstellbares Fein-Tuning – und darüberhinaus jedem Oszillator eine eigene Control-Einheit spendiert. Alle Oszillatoren laufen also autonom, sind also nicht gekoppelt. Im Gegensatz zu reinen VCOs besteht somit auch nicht die Gefahr des „Einrastens“.

GS: Kannst Du uns das bitte etwas genauer erklären?

Stefan Schmidt: Man spricht davon, wenn sich 2 Oszillatoren bei geringfügiger Verstimmung gegenseitig so beeinflussen, dass diese auf gleicher Frequenz schwingen. Ursache hierfür ist meistens ein schlechtes Leiterplattendesign und ärgerlich, da niedrige Schwebungen damit nicht möglich sind. Ich möchte zum Thema DCO vs. VCO noch eines sagen, beide haben sowohl Vor- und Nachteile. Es wäre meiner Meinung nach aber unfair, den folgenden gravierenden Unterschied unter den Tisch zu kehren: DCOs arbeiten prinzipiell stabil und zuverlässig – ohne Einschränkung und quasi bis an ihr Lebensende. Man kann sehr feine Verstimmungen gezielt programmieren, und das auch exakt reproduzierbar. Bei VCOs ist das nicht möglich. Sollte die Stimmungsstabilität ein vertretbares Maß überschreiten, leidet die Soundqualität oft stark darunter. Auch das ist damals wie heute Vielen ein großes Ärgernis, was man in einschlägigen Foren auch immer wieder lesen kann.

Die Soundqualität eines analogen Synthesizers hängt neben den Oszillatoren natürlich auch noch von zahlreichen anderen Faktoren ab, wie der Art und Anzahl der Filter, von den Modulationsquellen, vom Gesamtkonzept und seiner Komplexität und zahlreichen anderen Faktoren. Letztendlich ist allein entscheidend wie es klingt, wie dies technisch realisiert ist, sei es nun digital, analog oder virtuell analog ist mir eigentlich ganz egal.

GS: Nach den Oszillatoren geht es in den Mischer, der ebenfalls einige Features bietet, aber von der Filtersektion ausgestochen wird. Kannst Du uns bitte etwas zu dieser sagen?

Stefan Schmidt: Die Filtersektion ist zweifellos die leistungsfähigste Komponente, sozusagen das Herz des SCHMIDTs.

Sie besteht aus 2 identischen Gruppen, wobei jede Gruppe aus einem Moog Ladder Filter und einem dualen Multimode-Filter besteht. Dual bedeutet 2 parallel geschaltete Einzelfilter mit unterschiedlich wählbaren Filtertypen: Tiefpass, Hochpass und Bandpass. Inspiriert hat mich dabei die phantastisch klingende Filterstruktur des Matrix 12.

Die beiden Filter Moog/Dual Multimoder können wahlweise parallel oder seriell geschaltet werden. Alle Filter besitzen separate Modulationsquellen (ENVs + LFOs) und sind zusätzlich durch einen Oszillator modulierbar. Ein weiteres Feature sind die zusätzlichen Modi Bandpass und Hochpass bei den Moog Filtern.

Den beiden Filter-Gruppen kann am Ausgang noch ein 5. Filter (Tiefpass, ohne Modulation) hinzugemischt werden. Damit lässt sich das Ausgangssignal wieder mit druckvollen Bass-Anteilen auffrischen, falls die Gruppenfilter speziell für Bandpass- bzw. Hochpassfilterung genutzt werden sollten.

SCHMIDT - Prototyp auf der Frankfurter Musikmesse

GS: Wenn ich es recht in Erinnerung habe, so hat man direkten Zugriff auf jeden Parameter. Wichtig ist auch zu bedenken, dass die einzelnen Blöcke fest verdrahtet sind, was mitunter zu der stattlichen Anzahl an Envelopes und LFOs, etc. beiträgt. Was bietet der SCHMIDT was man in anderen Systemen so nicht oder selten antrifft?

Stefan Schmidt: In funktioneller Hinsicht wüsste ich kein Detail, das mit entsprechend ausgestatteten Modularsystemen nicht ebenso gut realisiert werden könnte. Dies liegt daran, dass die Klangerzeugung ja auf einfachen Basiskomponenten beruht.

Aber: Das Konzept der Festverdrahtung und der „Volleditierbarkeit“ erlaubt meiner Meinung nach eine wesentlich intuitivere und schnellere Vorgehensweise bei der Sounderstellung – verbunden auch mit einem höheren Spaßfaktor. Dazu trägt vor allem das Modulationskonzept des SCHMIDTs bei (viele separate Modulationsquellen), etwas, das bei anderen Synthesizern in dieser Form selten anzutreffen ist. Diese arbeiten typisch auf Basis einer Modulationsmatrix, die zugegeben wesentlich mehr Möglichkeiten bietet, oft aber sehr komplex ist und dann regelrecht in Arbeit ausartet.

Als ein Beispiel möchte ich das Volume-Control des SCHMIDTs anführen. Die aus 4 Filtern bestehende Filtersektion ist am Ausgang zu je 2 Gruppen zusammengeschaltet. Deren Volume-Mix kann dann entweder manuell, durch Velocity, oder zeitlich mittels einer eigenen Überblendfunktion gesteuert werden – einfach und schnell editierbar. Hinter dem Mix gibt es natürlich noch ein Master-ADSR.

Alternativ hätte man jedem Teilfilter ein eigenes Volume-ADSR spendieren können, oder aber ein komplexes Scanner-Modul. Dies würde jedoch einen erheblichen Editieraufwand nach sich ziehen.

GS: Wenn man das alles hört, stellt sich die Frage ob es irgendetwas gibt, dass Du unbedingt in den SCHMIDT einbauen wolltest, aber aus technischen oder anderen Gründen nicht umsetzen konntest?

Stefan Schmidt: Natürlich. Gäbe es in ausreichender Verfügbarkeit und zu einem günstigen Preis noch die „alt bewährten“ oder weiterentwickelten Synthesizer-Chips, hätte ich diese allen diskreten Lösungen vorgezogen – bei monophonen Synthesizern nicht unbedingt, aber bei Polyphonen der Schlüssel dafür, einen akzeptablen Preis zu ermöglichen. Als Beispiele möchte ich hierfür den Präzisions-VCO CEM3340 oder den CEM 3372 (Multimode-Filter!) nennen.

Auch wenn es genügend sehr gute Effektgeräte gibt, hatte ich des Weiteren eine hochwertige analoge Effeksektion in Planung. Ein auf Eimerketten basierendes Delay inklusive Chorus+Flanger. Ich konnte dies aus Zeitgründen nicht verwirklichen, da auch dies, der Klangerzeugung entsprechend, überdimensional groß geworden wäre.

Daneben, gibt es vor allem im Analog-Bereich genügend andere hervorragende Module, wie Waveshaper, Verzerrer, andere Filter-Typen, komplexe Modulationen, u.v.m. Hätte ich all das implementieren wollen, dann wäre mein „Schlachtschiff“ immer noch im Trockendock und vielleicht auch niemals seetauglich (lacht).

GS: Welche Synthesizer findest Du interessant und warum? Welche sind Deine Lieblingsinstrumente?

Stefan Schmidt: Zur Zeit der analogen Ära waren meine Lieblingsinstrumente aufgrund ihrer Soundmöglichkeiten der Oberheim Matrix 12 und der Roland Jupiter 8 (dieser war auch der Optik wegen mein Top-Favorit). Mich hat generell alles Neue begeistert, wenn es denn neue Soundmöglichkeiten bot, so z.B. vor allem Yamahas DX7, insbesondere aber die Sampler und „Rompler“.

Im Laufe der Zeit hat sich die Synthesizer-Technologie so rasant entwickelt, dass moderne Synthesizer für mich persönlich alle hervorragend klingen und vor allem gibt es für die unterschiedlichsten Anwendungen und Musikrichtungen unzählige Top-Geräte. Nebenbei bemerkt: Ich bin kein Profi-Musiker und könnte da durchaus falsch liegen.

GS: Wann hast Du eigentlich mit der Entwicklung begonnen und weißt Du wie viel Zeit Du in dieses Projekt investiert hast?

Stefan Schmidt: Begonnen habe ich vor ca. 8 Jahren. Wie viel ich an Arbeitszeit effektiv investiert habe kann ich nicht beantworten, da ich während dieser Zeit einige Breaks machte und auch Nebenjobs hatte.

GS: Ich glaube nicht nur für uns zu sprechen, wenn ich sage wir wünschen Dir allen Erfolg mit dem SCHMIDT! Derart an ein Projekt zu glauben, es nicht aus den Augen zu verlieren, das ringt Respekt ab. Es hat bestimmt auch Phasen gegeben, die alles andere als leicht für Dich waren, wie geht es denn nun mit dem SCHMIDT weiter?

Stefan Schmidt: Danke, dass ihr mir dabei Erfolg wünscht!

Wie Du richtig erwähnt hast, gab es Phasen die nicht leicht waren und Anlass genug gegeben hätten, das Projekt abzubrechen. Sicherlich habe ich mir mit diesem Projekt auch einen kleinen Traum verwirklicht, die Frage wovon ich denn eigentlich leben soll und ob der Synthesizer jemals dazu beitragen kann hing schon sehr wie das Schwert des Damokles über mir.

Die Frage wie es mit dem SCHMIDT (besser gesagt: mit den SCHMIDTs) weitergeht ist noch ungeklärt, es sprechen sowohl Gründe dafür es bei dem Prototyp zu belassen, als auch eine Kleinserie anzupeilen. Ich glaube es kann sich jeder denken, dass es sich dabei primär um Gründe finanzieller Natur handelt.

Ich bin zur Zeit dabei, dies sorgfältig abzuwägen. Wie schon erwähnt, habe ich den für die Entwicklung erforderlichen Zeitaufand gewaltig unterschätzt, bei einer Kleinserie käme noch ein großer finanzieller Aufwand hinzu. Abgesehen davon ist der Markt für ein so hochpreisiges Gerät extrem „dünn“.

Eine Kleinserie – genauer gesagt „Kleinsterie“ – wäre natürlich toll.

GS: Wie ist denn der Status Quo? Und natürlich die Fragen, die sehr viele beschäftigen – kannst Du schon etwas bezüglich des Preises, der Anzahl der gebauten SCHMIDTs sagen, wann werden die ersten fertig sein und wie bzw. bei wem bestellt man den SCHMIDT, direkt bei Dir?

Stefan Schmidt: Ich habe auf der Messe keine Angaben über den möglichen Kaufpreis gemacht, war also sehr erstaunt als mir mitgeteilt wurde, dieser soll etwa bei 25.000.- Euro liegen. Ich bin zur Zeit bei der Kalkulation einer Kleinstserie. Aber es ist noch zu früh um über Preis und Stückzahl genaue Angaben machen zu können und bitte daher um Verständnis.

Natürlich – und das kann sich jeder leicht vorstellen – wird eine entscheidende Frage die der Finanzierung sein. Zum momentanen Zeitpunkt ist diese noch nicht wirklich geklärt. Also verzeih mir, wenn ich zu weiteren Fragen keine Angaben machen kann. Ich will keine Versprechungen machen, wenn ich diese am Ende nicht einhalten könnte!

Nun aber noch zum Status Quo. Ich bin dabei, am Gehäuse ein paar notwendige Änderungen vorzunehmen. Das Gerät wird sorgfältig getestet und die Software ist noch zu komplettieren. Funktionalität und Bedienkonzept entsprechen dem Prototyp, da wird nichts mehr geändert!

GS: Ein Instrument, dass eine derartige Entwicklungszeit verschlungen hat, von Hand in Deutschland gefertigt wird, das hat seinen Preis und wird vermutlich nur einem auserlesenen Kreis an Interessenten zugänglich sein. Wir wünschen Dir in jedem Fall viel Erfolg und würden uns freuen, wenn Du uns am Laufenden hältst.

Vielen Dank für das Interview.